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Fulcanelli: Les Demeures Philosophale, Band 1


 

 

VIII. Der Salamander von Lisieux

 

 

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Die Kleinstadt Lisieux in der Normandie, die ihren zahlreichen Holzhäusern mit ihren überhängenden Giebeln dag malerische mittelalterliche Aussehen verdankt - wie wir es kennen -, Lisieux, voll Ehrfurcht vor der vergangenen Zeit, bietet uns unter so vielen anderen Sehenswürdigkeiten eine hübsche und sehr interessante Wohnstätte eines Alchimisten.

Ein wahrhaft bescheidenes Haus, das aber im Blick auf seinen Gründer jenes Besorgtsein um Demut zeigt, welches die glücklichen Nutzniesser des hermetischen Schatzes während ihres gesamten Lebens einzuhalten gelobten. Das Haus wird gewöhnlich mit dem Namen „Herrensitz des Salamanders“ bezeichnet und trägt die Nummer 19 in der ‘rue aux Fèvres’ (etwa: Schmiedestrasse) (Abb. VII).

Trotz unserer Nachforschungen war es uns unmöglich, die geringste Auskunft über seine ersten Besitzer zu erhalten. Man kannte sie nicht. In Lisieux und anderswo weiss niemand, von wem es im 16. Jahrhundert erbaut worden ist, und niemand weiss, wer die Künstler waren, die es ausschmückten. Um keinesfalls gegen die Tradition zu verstossen - zweifellos deshalb hütet der Salamander eifersüchtig sein Geheimnis und das des Alchimisten. Er wurde indessen, im Jahr 1834, zum Gegen- stand einer Notiz, doch diese beschränkt sich auf die reine und simple Beschreibung der geschnitzten Dinge, die der Tourist auf seiner Fassade bewundern kann. Diese Notiz und einige Zeilen, die im „Baudenkmäler-Verzeichnis des Calvados“ von M. de Caumont (Lisieux, Band V) eingeschaltet sind, stellen alles dar, was über den Herrensitz des Salamanders erschienen ist. Dies ist wenig, und wir bedauern das. Denn das kleine, aber köstliche Haus, erbaut durch den Willen eines wahrhaftigen Adepten, geschmückt mit Motiven, die dem hermetischen Symbolismus, der traditionellen Allegorie entliehen wurden, verdient Besseres. Den Leuten von Lisieux wohlbekannt, wird es von der grossen Öffentlichkeit ignoriert, vielleicht sogar von vielen Kunstliebhabern, obwohl seine Ausschmückung, sowohl durch ihren Überfluss und ihre Mannigfaltigkeit als auch durch ihren gut erhaltenen Zustand, dazu berechtigt, es in die erste Reihe der besten Bauten seiner Art einzuordnen. Hier gibt es eine betrübliche Lücke, und wir werden versuchen, sie zuzufüllen, indem wir zugleich den künstlerischen Wert dieser anmutigen Wohnstätte und die anregende Belehrung, die ihre Skulpturen freilegen, beschreiben.

Das Studium der Motive auf der Fassade erlaubt es uns, mit der aus einer geduldigen Analyse geborenen Überzeugung zu behaupten, dass der Erbauer des Herrensitzes ein gebildeter Alchimist war, der gezeigt hat, was sein Talent vermag, mit anderen Worten: ein Adept im Besitz des Steins der Weisen. Wir versichern ebenfalls, dass sein Beitritt zu irgendeinem esoterischen Zentrum, das mit dem verstreuten Templerorden zahlreiche Berührungspunkte hat, sich unbestreitbar erweist. Was aber könnte diese geheime Bruderschaft sein, die es sich zur Ehre rechnete, den gelehrten Philosophen von Lisieux zu ihren Mitgliedern zu zählen? Wir können nicht umhin, unsere Unkenntnis einzugestehen und die Frage in der Schwebe zu lassen. Dennoch: Obwohl wir gegen die Hypothese eine unwiderstehliche Abneigung haben, legen die Wahrscheinlichkeit, die Beziehung der Daten und die Nähe der Orte uns gewisse Mutmassungen nahe, die wir (dem Leser) zur Kenntnisnahme und unter allen Vorbehalten darlegen wollen.

Ungefähr ein Jahrhundert vor dem Bau des Herrensitzes von Lisieux „ackerten“ drei alchimistische Gefährten in Flers (Orne) und verwirklichten hier im Jahre 1420 das Grosse Werk. Es waren der Edelmann Nicolas von Grosparmy, Nicolas oder Noel Valois, auch Le Vallois genannt, und ein Priester namens Pierre Vicot oder Vitecoq. Letzterer bezeichnet sich selbst als „Kaplan und Hausdiener des Herrn von Grosparmy“. Allein de (von) Grosparmy besass einiges Vermögen, mit dem Titel des Lehnsherrn und dem des Grafen von Flers. Es war indes Valois, der als erster das Verfahren des Werkes (grossgeschrieben) entdeckte und es seine Gefährten lehrte, so wie er es in seinen „Fünf Bücher“’ zu verstehen gibt. Er war damals fünfundvierzig Jahre alt, was auf das Jahr 1375 als sein Geburtsdatum zurückschliessen lässt.

 

 

 Abb. VII: LISIEUX – MANOIR DE LA SALAMANDRE – XVIe SIÉCLE.

 L´homme à l´écot du poteau cormier.


 

Die drei Adepten schrieben verschiedene Werke zwischen den Jahren 1440 und 1450.[1] Keines dieser Bücher ist übrigens jemals gedruckt worden. N. ach einem Vermerk, dem Manuskript Nr. 158 (125) der Bibliothek von Rennes bei- gefügt, wäre es ein normannischer (in der Normandie ansässiger) Edelmann, M. Bois Jeuffroy’, der alle Originalabhandlungen von Nicolas de Grosparmy, Valois und Vicot geerbt hätte. Er verkaufte deren voll- ständige Abschrift an den „seligen Herrn Grafen von Flers, mittels 1500 Pfund sowie eines Pferdes als Preis“. Dieser Graf von Flers und Baron von Tracy ist Louis de Pellevé (gestorben 1660), der von seiten der Frauen Grossenkel des Autors Grosparmy war.

Aber diese drei Adepten, die in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Flers wohnten und arbeiteten, werden ohne den geringsten Grund als dem 16. Jahrhundert angehörig zitiert. In der Abschrift, die die Bibliothek von Rennes besitzt, wird indessen deutlich gesagt, dass sie das Schloss von Flers bewohnten, dessen Besitzer Grosparmy war, „an welchem Orte sie das philosophische Werk vollbrachten und ihre Bücher verfassten“. Der anfängliche Irrtum, bewusst oder nicht, stammt von einem anonymen Schreiber, Autor der ‘Remarques“ (Anmerkungen) genannten Vermerke, geschrieben an den Rand einiger handschriftlicher Kopien der Werke Grosparmy’s, die dem Chemiker Chevreul gehört hatten. Dieser nahm, ohne die aus der Luft gegriffene Chronologie dieser Vermerke weiter zu prüfen, Bezug auf die Daten, welche durch den anonymen Schreiber systematisch um ein Jahrhundert verschoben worden waren, und alle ihm folgenden Autoren verbreiteten diesen unverzeihlichen Irrtum um die Wette. Wir wollen in kurzer Form die Wahrheit wieder- einsetzen. Alfred de Caix (-1868) fügt, nachdem er gesagt hat, dass Louis de Pellevé 1660 im Elend starb, hinzu: „Nach dem Dokument, das vorangeht, wäre das Land von Flers von Nicolas de Grosparmy erworben worden; aber der Autor der ‘Anmerkungen’ befindet sich hier im Widerspruch zu M. de la Ferrière (1855), der mit dem Datum 1404 einen Raoul de Grosparmy als Lehnsherrn des Ortes nennt. „ Nichts entspricht mehr der Wahrheit, wenn auch Alfred de Caix andererseits die verfälschte Chronologie des unbekannten Anmerkungenschreibers zu akzeptieren scheint. Im Jahre 1404 war Raoul de Grosparmy tatsächlich Lehnsherr von Beuville und von Flers, und obwohl man nicht weiss, mit welchem Titel er Eigentümer wurde, kann das Faktum nicht in Zweifel gezogen wer- den. „Raoul de Grosparmy“, schreibt der Graf Hector de la Ferrière, „muss der Vater des Nicolas de Grosparmy sein, der mit seiner Frau Marie de Roeux drei Söhne hinterliess, Jehan de Grosparmy, Guillaume und Mathurin de Grosparmy, sowie eine Tochter, Guillemette de Grosparmy, am 8. Januar 1496 dem Germain de Grimouville verheiratet. Zu diesem Zeitpunkt war Nicolas de Grosparmy tot, und Jehan de Grosparmy, Baron von Flers, sein ältester Sohn, und Guillaume de Grosparmy, sein zweiter Sohn, gewährten ihrer Schwester in Anbetracht ihrer Heirat dreihundert turonensische (in Tours geprägte) Pfund baren Geldes und eine Rente (einen Zins) von zwanzig Pfund pro Jahr, tilgbar zu einem Preis von vier- hundert turonensischen Pfund.“

Das ist es also, was vollkommen feststeht: Die Daten, die sich auf die Abschriften der verschiedenen Manuskripte von Grosparmy und von Valois beziehen, sind streng zutreffend und absolut authentisch. Folglich könnten wir es unterlassen, die biographische und chronologische Zeitenfolge des Nicolas Valois zu erforschen, da es ja erwiesen ist, dass dieser der Gefährte und Tischgenosse des Lehnsherrn-Grafen von Flers war. Aber es ist noch zuträglich, den Ursprung des auf den so schlecht informierten Kommentator der Manuskripte Chavreuls zurückzuführenden Irrtums aufzudecken. Sagen wir sogleich, dass er von einer ärgerlichen Homonymie (Namensübereinstimmung) herkommen könnte; es sei denn, dass unser Anonymus, indem er all die Daten fälschte, Nicolas Valois mit dem prächtigen Herrschaftshaus von Caen, das durch einen seiner Nachfolger erbaut wurde, eine Ehre erweisen wollte.

Von Nicolas Valois heisst es, er habe gegen Ende seines Lebens die vier Ländereien von Escoville, von Fontaines, von Mesnil-Guillaume und von Manneville erworben. Die Tatsache ist indessen keineswegs bewiesen; kein Dokument bestätigt sie, abgesehen von der unbegründeten und unzuverlässigen Behauptung des Autors besagter ‘Anmerkungen“. Der alte Alchimist, ‘Schmied’ des Vermögens der Le Vallois’ und Lehnsherren von Escoville, lebte klug nach den philosophischen Disziplin- und Moralgeboten. Derjenige, der im Jahr 1445 für seinen Sohn schrieb, dass „die Geduld die Leiter der Philosophen und die Demut das Tor zu ihrem Garten ist“, konnte kaum dem Beispiel folgen und auf grossem Fusse leben wie die Mächtigen, ohne gegen seine Überzeugungen zu verstossen. Es ist also wahrscheinlich, dass er im Alter von siebzig Jahren, ohne eine andere materielle Besorgnis als die seiner Werke, im Schloss von Flers eine Existenz von Arbeit, Stille und Einfachheit vollendete, zusammen mit den beiden Freunden, mit denen er das Grosse Werk verwirklicht hatte. Seine letzten Jahre waren in der Tat der Abfassung der Werke gewidmet, die bestimmt waren, die wissenschaftliche Ausbildung seines Sohnes zu vervollkommnen, welcher nur unter dem Beinamen des „frommen und. edlen Ritters“[2] bekannt ist, dem Pierre Vicot den mündlichen Einweihungsunterricht gab. Es ist der Priester Vicot, auf den tatsächlich in diesem Abschnitt des Manuskriptes Valois’ angespielt wird: „ Im Namen des Allmächtigen Gottes, erkenne, mein sehr geliebter Sohn, den Willen (die Absicht) der Natur durch die im folgenden kundgegebenen Belehrungen. Wenn in den letzten Tagen meines Lebens mein Körper, bereit, meine Seele zu entlassen, nur noch die Stunde des Herrn und des letzten Atemzugs erwartete, so ergreift mich der Wunsch, dir als ein Testament und letzten Willen diese Worte zu überlassen, durch welche du über mehrere schöne Dinge belehrt werden wirst, die die sehr würdige Transmutation der Metalle berühren...

Deshalb habe ich dich lehren lassen die Prinzipien der natürlichen Philosophie, um dich mehr zu dieser heiligen Wissenschaft zu befähigen. „[3]

Die ‘Fünf Bücher’ des Nicolas Valois, an deren Beginn dieser Abschnitt steht, tragen das Datum von 1445 - ohne Zweifel dasjenige ihrer Vollendung -, was darauf schliessen liesse, dass der Alchimist, im Gegensatz zu der Version des Autors der ‘Anmerkungen’, in einem vorgerückten Alter starb. Man kann vermuten, dass sein Sohn, erzogen und ausgebildet nach den Regeln der hermetischen Weisheit, sich damit begnügen musste, die Ländereien des Gutes von Escoville zu erwerben oder deren Einkünfte anzurühren, wenn er sie von Nicolas Valois geerbt hatte. Wie dem auch sei, und obwohl uns kein geschriebenes Zeugnis hilft, diese Lücke zu füllen, bleibt eines sicher, dass nämlich der Sohn des Alchimisten, selber Adept, dieses Gut (Besitztum) niemals ganz oder teilweise hat bauen lassen; ferner unternahm er gar keinen Schritt mehr zur Bestätigung des Titels, der sich daran geknüpft fand; schliesslich weiss niemand, ob er wie sein Vater in Flers lebte oder sich in Caen niederliess. Auf den ersten anerkannten Inhaber der Titel des Junkers und Lehnsherrn von Escoville, vom Mesnil-Guillaume und anderer Plätze ist wahrscheinlich der Plan zur Errichtung des Herrschaftssitzes des Grossen Rosses zurückzuführen, der in der Stadt Caen von seinem ältesten Sohn Nicolas Le Valois verwirklicht wurde. In jedem Fall wissen wir aus sicherer Quelle, dass Jean Le Vallois, erster (Träger) des Namens und Enkel von Nicolas, „am 24. März 1511 vor Gericht erschien, mit dem stählernen Brustharnisch und der Pickelhaube zum Zeichen der Adligen der Vogtei Caen angezogen, nach einem Zeugnis des Generalstatthalters der besagten Vogtei, das vom selben Tag datiert ist. „ Er hinterliess Nicolas Le Vallois, Lehnsherr von Escoville und vom Mesnil-Guillaume, geboren 1494 und am 7. April 1534 mit Marie du Val ver- heiratet, die ihm Louis de Vallois zum Sohn schenkte, Junker, Lehnsherr von Escoville, am 18. September 1536 in Caen geboren, welcher später beratender Sekretär (Geheimrat) des Königs wurde.

Es ist also Nicolas Le Vallois, der Urenkel des Alchimisten von Flers, der die Arbeiten am Herrschaftssitz von Escoville ausführen liess, welche ein Dutzend Jahre beanspruchten, ungefähr von 1530 bis 1540. Eben diesem Nicolas Le Vallois schreibt unser Anonymus, vielleicht durch die Ähnlichkeit der Namen getäuscht, die Arbeiten seines Vorfahren Nicolas Valois zu, indem er nach Caen verlegt, was sich in Flers abgespielt hat. Dem Bericht von de Bras („Die Forschungen und Antiquitäten der Stadt Caen“, S. 132) zufolge wäre Nicolas Le Vallois jung gestorben, im Jahre 1541. „Am Freitag, dem Tag der Könige, tausendfünfhunderteinundvierzig“, schreibt der alte Historiker, „Nicolas Le Vallois, Herr von Escoville, Fontaines, Mesnil-Guillaume und Manneville, der stattlichste (Mann) der Stadt damals: sowie er sich an seinen Tisch setzen sollte, im Pavillonsaal dieser schönen und prächtigen Wohnung, nahe des Kreuzweges Sankt Peter, den er ein Jahr zuvor hatte bauen lassen - als er eine Auster mit Schale ass, im Alter von ungefähr siebenundvierzig Jahren, fiel er plötzlich tot hin infolge eines Schlaganfalls, der ihn erstickte. „

Am Ort bezeichnete man den Herrschaftssitz von Escoville unter dem Namen „Herrschaftssitz des Grossen Rosses“.[4] Nach dem Zeugnis des Vauquelin des Yveteaux hätte sein Eigentümer Nicolas Le Vallois hier das Grosse Werk vollendet, „in der Stadt, wo die Hieroglyphen (Bilderschriften) des Hauses, das er hier erbauen liess und das man noch hier sieht, am Platz Sankt-Peter gegenüber der gleichnamigen grossen Kirche, von seiner Wissenschaft zeugen. „ „Es gäbe also“, fügt Robillard de Beaurepaire hinzu, „Hieroglyphen in den Skulpturen des Herrschaftssitzes des Grossen Rosses; es wäre nun möglich, dass all diese Einzelheiten, die zusammenhanglos zu sein scheinen, eine ganz bestimmte Bedeutung hätten für den Urheber des Baus und für alle Adepten der hermetischen Wissenschaft, bewandert in den geheimnisvollen Formeln der alten Philosophen, der Magier, der Brahmanen und der Kabbalisten. „ Von all den Statuen, die diese anmutige Wohnung schmückten, ist das Hauptstück, vom alchimistischen Gesichtspunkt her, „diejenige (Statue), welche - über der Tür stehend - dem Vorbeigehenden zuallererst ins Auge fiel und dem Wohnsitz seinen Namen gegeben hatte, das Grosse Ross, von allen zeitgenössischen Autoren beschrieben und gerühmt, heute leider nicht mehr vorhanden. „ Sie wurde im Jahre 1793 unerbittlich zer- schlagen. In seinem Werk mit dem Titel „Die Ursprünge von Caen“ behauptet Daniel Huet, dass das Reiterstandbild zu einer Szene der Apokalypse (Kap. 19, V-. 2) gehörte, entgegen der Meinung Bardou’s, des Pfarrers von Cormelles, der hierin Pegasus sah, und de la Roque’s, der in der Statue das eigentümliche Bildnis des Herkules erkannte. In einem vom Pater de la Ducquerie an Daniel Huet gerichteten Brief sagt jener, dass „die Figur des grossen Rosses am Vordergiebel des Hauses des M. Le Valois von Ecoville nicht, wie M. de la Roque und mehrere andere nach ihm glaubten, ein Herkules ist; es ist eine Vision der Apokalypse. Das wird bestätigt durch die Inschrift, die sich unterhalb findet. Auf den Schenkel dieses Reiters sind folgende Worte der Apokalypse geschrieben: „Der König der Könige und der Herr der Herren“ (lat.: „Rex Regum et Dominus Dominantium“). „ Ein an- derer Korrespondent des gelehrten Prälaten von Avranches, der Arzt Dubourg, ist in dieser Hinsicht auf ausführlichere Einzelheiten eingegangen. „Um auf ihren Brief zu antworten“, schrieb er, „beginne ich damit, Ihnen zu sagen, dass es zwei Darstellungen im Basrelief gibt, die eine oben, wo dieses grosse Ross in der Höhe dargestellt wird, mit Gewölk unter seinen Vorderfüssen. Der auf ihm sitzende Mann hatte ein Schwert vor sich, das aber nicht mehr da ist; er hält in seiner rechten Hand eine lange Eisenrute; über und hinter ihm folgen Reiter, über deren Köpfen - sowohl vor als auch über ihm - ein Engel in der Sonne erscheint. Unterhalb der Türrundung findet sich eine weitere Darstellung des Mannes zu Pferde, im kleinen (Format), auf einem Haufen toter Körper und Pferde, die die Vögel fressen. Er ist nach Osten hin gewandt, gegenüber dem anderen, und vor ihm ist der falsche Prophet dar- gestellt und der mehrköpfige Drache und die Reiter, gegen die der Reiter anzugehen scheint. Er wendet den Kopf nach hinten, so als wolle er die Darstellung des falschen Propheten und des Drachen sehen, welcher in ein altes Schloss eindringt, von wo Flammen ausgehen, in denen der falsche Prophet schon zur Hälfte seines Körpers steht. Es findet sich eine Beschriftung auf dem Schenkel des grossen Reiters und an mehreren anderen Stellen, wie der König der Könige, der Herr der Herren und andere Auszüge aus dem Kapitel 19 der Apokalypse. Da diese Buchstaben nicht gemeisselt sind, glaube ich, dass sie vor nicht langer Zeit geschrieben wurden, aber es gibt eine(n) Marmor(platte) ganz oben, wo geschrieben steht: Und das war sein Name, das Wort Gottes. „[5]

Es ist keineswegs unsere Absicht, hier das Studium der symbolischen Bildhauerkunst vorzunehmen, welche die wichtigsten Geheimnisse der Wissenschaft ausdrücken oder auslegen soll. Diese sehr bekannte, oft beschriebene philosophale Wohnstätte mag zum Gegenstand persönlicher Interpretationen der Liebhaber sakraler Kunst werden. Wir werden uns darauf beschränken, auf einige besonders instruktive und beachtens- werte Figuren hinzuweisen. Dies ist zunächst der Drache vom beschädigten Tympanon (Giebelfeld) der Eingangstür, zur Linken unter dem Peristy (Säulenumgang), welcher der Laternentreppe vorangeht. Auf der seitlichen Fassade müssen zwei schöne Statuen, die David und Judith darstellen, die Aufmerksamkeit auf sich lenken; die letztere (Statue) wird begleitet von einem sechszeiligen Vers aus der (damaligen) Epoche:

 

„Man sieht hier das Portrait

Von Judith, der Tugendhaften,

Wie sie durch eine stolze Tat

Abschlug den rauchigen Kopf

Von Holofernes, der das glückliche

Jerusalem zerstört hat. „

 

 

Oberhalb dieser grossen Figuren sieht man zwei Szenen; die eine schildert die Entführung Europas, die andere die Befreiung Andromedas durch Perseus. Sie bieten eine Bedeutung entsprechend derjenigen des sagen- haften Raubs der Deianira, gefolgt vom Tod des Nessos, welchen wir später analysieren werden, wenn wir vom Mythos von Adam und Eva sprechen. In einem anderen Pavillon liest man auf dem inneren Fries eines Fensters: „Marsyas victus obmutescit“ (lat.: der besiegte Marsyas verstummt). „Das ist“, sagt Robillard de Beaurepaire, „eine Anspielung auf den musikalischen Wettstreit zwischen Apollon und Marsyas, in dem - als Komparsen - die Instrumententräger[6] erscheinen, die wir weiter oben erkennen. Schliesslich, um das Ganze zu krönen, oberhalb der kleinen Laterne eine kleine, heute ganz verwitterte Figur, in welcher M. Sauvageon vor mehreren Jahren Apollon, den Gott des Tages und des Lichtes, glaubte erkennen zu können; und unterhalb der Kuppel der grossen Laterne, in einer Art von kleinem, flügellosem Tempel, die gut erkennbare Statue des Priapos. Wir wären beispielsweise, fügt der Autor hinzu, arg in Verlegenheit gebracht, sollten wir erklären, welche präzise Bedeutung man der Person mit ernsthaftem Gesichtsausdruck, deren Kopf ein hebräischer Turban bedeckt, zuschreiben muss; derjenigen, welche so kraftvoll aus einem gemalten oculus (lat.: Auge) auftaucht, während ihr Arm die Dicke des Simses durchstösst; einer sehr schönen Darstellung der heiligen Cäcilia, die auf der Theorbe (grosse Basslaute) spielt; den Schmieden, deren Hämmer - am Fuss der Pilaster (viereckige Wandpfeiler) - auf einen nicht vorhandenen Amboss schlagen; den so eigentümlichen äusseren Ausschmückungen der Diensttreppe, mit dem Wahlspruch: „Labor improbus omnia vincit“ (lat.: Anhaltende Arbeit siegt über alles)... Übrigens wäre es vielleicht nicht nutzlos gewesen, um den Sinn all dieser Skulpturen zu durchdringen, sich nach den geistigen Neigungen und den gewohnten Beschäftigungen desjenigen zu erkundigen, der sie so auf seiner Wohnstätte verschwendet hatte. Man weiss, dass der Lehnsherr von Eco- ville einer der reichsten Männer der Normandie war; was man weniger weiss, ist, dass er sich jederzeit mit leidenschaftlichem Eifer den geheimnisvollen Forschungen der Alchimie gewidmet hatte. „

Von dieser knappen Darlegung müssen wir vor allem behalten, dass es im 15. Jahrhundert in Flers ein Zentrum (einen Kern) hermetischer Philosophen gab; dass diese Schüler heranbilden konnten - was bestätigt wird durch das den Nachfolgern von Nicolas Valois, den Lehnsherren von Escoville, übermittelte Wissen - und ein Einweihungszentrum bilden; dass es, da die Stadt Caen etwa gleich weit von Flers und von Lisieux entfernt liegt, möglich wäre, dass der unbekannte Adept, der sich in den „Herrensitz des Salamanders“ zurückgezogen hatte, seine erste Belehrung von irgendeinem Meister empfing, der zur okkulten Gruppe von Flers oder von Caen gehörte.

In dieser Hypothese liegt weder materielle Unmöglichkeit noch Unwahrscheinlichkeit; aber wir könnten ihr dennoch keinen grösseren Wert zugestehen, als man ihn von dieser Art Berechnungen erwarten kann. Auch bitten wir den Leser, sie so zu nehmen, wie wir sie ihm anbieten, nämlich mit aller gebotenen Vorsicht und (nur) mit dem Anspruch einfacher Wahrscheinlichkeit.

 

 

II

Wir befinden uns hier am seit langem geschlossenen Eingang des anmutigen Herrensitzes. Die Schönheit des Stils, die glückliche Wahl der Motive, die Feinheit der Ausführung machen aus dieser kleinen Tür eines der gefälligsten Stücke der Holzskulptur im 16. Jahrhundert. Eine Freude für den Künstler, ebensosehr wie ein Schatz für den Alchimisten, ist dieses ausschliesslich dem Symbolismus des harten Weges gewidmete hermetische Paradigma - des einzigen (Weges), den sich die Urheber vorbehalten haben, ohne seine Erklärung zu liefern (Abb. VIII).

Um aber die Studierenden empfindlicher zu machen für den besonderen Wert der analysierten Sinnbilder, werden wir die Ordnung der Arbeit beachten (einhalten), ohne uns durch Erwägungen baulicher Logik oder ästhetischer Ordnung leiten zu lassen.

Auf dem Giebelfeld der Tür mit den geschnitzten Feldern bemerkt man eine interessante allegorische Gruppe, bestehend aus einem Löwen und einer Löwin, die sich gegenüber sitzen. Mit ihren Vordertatzen halten sie beide eine menschliche Maske, welche die Sonne verkörpert, um- schlossen von einer zum Spiegelgriff gebogenen Schlingpflanze. Löwe und Löwin, männliches Prinzip und weibliche Tugend, spiegeln den physischen Ausdruck der zwei Naturen wider, die von ähnlicher Form, aber gegensätzlichen Eigenschaften sind; diese muss die Kunst zu Beginn der Praxis erwählen. Von ihrer Vereinigung, vollendet nach gewissen geheimen Regeln, stammt diese doppelte Natur her, gemischte Materie, welche die Weisen ‘androgyn“ genannt haben, ihr ‘Hermaphrodit’ oder ‘Spiegel der Kunst’. Es ist diese Substanz, zugleich positiv und negativ, Patient, der sein eigenes Agens enthält, welche die Basis, die Grundlage des Grossen Werkes ist. Von diesen beiden getrennt ins Auge gefassten Naturen ist diejenige, welche die Rolle weiblicher Materie spielt, allein bezeichnet und alchimistisch benannt auf dem Stützstein, der einen vorspringenden Balken des oberen Stockwerks trägt. Man sieht dort die Figur eines geflügelten Drachen mit zu einem Ring (oder: einer Schleife) gebogenem Schweif. Dieser Drache ist das Abbild und Symbol des primitiven und flüchtigen Körpers, wahrhaftiger und einzig(artig)er Gegenstand, über den man zuallererst arbeiten muss. Die Philosophen haben ihm eine Menge verschiedener Namen gegeben, ausser demjenigen, unter dem er gemeinhin bekannt ist. Das hat verursacht und verursacht noch soviel Verwirrung, soviel Verlegenheit unter den Anfängern, vor allem denjenigen, die sich wenig um Prinzipien kümmern und nicht wissen, bis wohin sich die Möglichkeit der Natur erstrecken kann. Trotz der allgemeinen Meinung, die besagt, dass unser Gegenstand niemals bezeichnet worden ist, behaupten wir im Gegen- teil, dass viele Werke ihn nennen und dass alle ihn beschreiben. Aber wenn er bei den guten Autoren zitiert wird, könnte man nicht unterstellen, dass er hervorgehoben oder ausdrücklich gezeigt wird; häufig findet man sogar, dass er. unter die Körper (Stoffe) eingestuft wird, die als dem Werk unpassend oder fremd zurückgewiesen werden. Ein klassisches Verfahren, dessen sich die Adepten bedient haben, um die Laien abzulenken und ihnen den geheimen Zugang zu ihrem Garten zu entziehen.

Sein traditioneller Name ‘Stein der Philosophen’ bezeichnet diesen Körper gut genug, um als nützliche Basis zu seiner Identifizierung zu dienen. In der Tat ist er wahrhaftig Stein, weil er beim Herauskommen aus der Mine die äusserlichen Eigenschaften zeigt, die allen Erzen gemeinsam sind. Es ist das Chaos der Weisen, in das die vier Elemente eingeschlossen sind, aber verworren und ungeordnet. Es ist unser Greis und der Vater der Metalle, dem diese ihren Ursprung verdanken, weil er die erste metallische Äusserung auf der Erde darstellt. Es ist unser Arsen, das Cadmium, das Antimon, die Zinkblende, der Bleiglanz, der Zinnober, der Kolkothar, der ‘auri- (Gold-) chalque’, das Realgar, das Auripigment, der Galmei, das Thutie (Zinkoxyd, das in der Kalzination gewisser Metalle entsteht), der Weinstein etc. All diese Erze haben ihm, durch die hermetische Stimme, die Ehre ihres Namens dargebracht. Man nennt ihn ferner (den) ‘schwarzen Drachen, mit Schuppen bedeckt’, ‘giftige Schlange’, ‘Tochter Saturns’ und „das geliebteste seiner Kinder“. Diese Primärsubstanz sah ihre Entwicklung („Evolution“) unterbrochen durch das Zwischenschalten und Eindringen eines fauligen und brennbaren Schwefels, der das reine Quecksilber verschleimt, es festhält und koaguliert.


 

 Abb. VIII: LISIEUX – MANOIR DE LA SALAMANDRE.

 Eingangstüre (16. Jahrhundert).


 

Und obgleich es gänzlich flüchtig ist, nimmt dieses urzuständliche („primitive“) Quecksilber, zum Körper geworden unter der schnell trocknenden Wirkung des arsenhaltigen Schwefels, das Aussehen eines festen, schwarzen, dichten, faserigen, brüchigen, bröckeligen Klumpens an, was sein bisschen Nützlichkeit in den Augen der Menschen gemein, niederträchtig und verachtungswert macht. In diesem Gegenstand - einem armen Verwandten der Familie der Metalle - findet der erleuchtete Künstler indessen alles, was er braucht, um sein grosses Werk anzufangen und zu vollenden, denn er tritt hier, wie die Autoren sagen, zu Beginn, in der Mitte und zum Ende des Werkes ein. Auch haben die Alten ihn dem Chaos der Schöpfung verglichen, wo die Elemente und die Prinzipien, das Dunkel und das Licht sich vermengt, vermischt und ausserstande sahen, aufeinander zu reagieren. Das ist der Grund, weshalb sie ihre Materie in deren erster Existenz symbolisch unter der Gestalt der Welt bezeichnet haben, welche die Stoffe unserer hermetischen Erdkugel bzw. des Mikrokosmos in sich fasste, angesammelt ohne Ordnung, ohne Form, ohne Rhythmus und Mass.

Unsere Erdkugel, Widerschein und Spiegel des Makrokosmos, ist also nur eine Parzelle des ursprünglichen Chaos, vom göttlichen Willen zur elementaren Erneuerung in den drei Reichen (Herrschafts- gebieten) bestimmt; aber eine Folge geheimnisvoller Umstände hat sie gegen das Mineralreich hin orientiert und gelenkt. Auf diese Weise informiert und spezifiziert, den die mineralische Evolution und Progression regierenden Gesetzen unterworfen, enthält dieses Stoff gewordene Chaos in verworrenem Zustand den reinsten Samen und die den Mineralien und Metallen am nächsten stehende Substanz, die es gibt. Die philosophale Materie ist also mineralischen und metallischen Ursprungs. Folglich braucht man sie nur in der mineralischen und metallischen Wurzel zu suchen, welche, wie Basile Valentin im Buch der ‘Zwölf Schlüssel’ sagt, vom Schöpfer einzig dem Geschlecht der Metalle vorbehalten und versprochen wurde. Wer also den geweihten Stein der Philosophen in der Hoffnung sucht, diese kleine Welt in den Substanzen anzutreffen, die dem mineralischen und metallischen Reich fremd sind, der wird niemals ans Ziel seiner Pläne gelangen. Und es geschieht, um den Lehrling vom Weg des Irrtums abzubringen, dass die alten Autoren ihn lehren, immer der Natur zu folgen. Denn die Natur handelt nur in der ihr eigenen Art, entwickelt oder vervollkommnet sich nur in sich selbst und durch sich selbst, ohne dass irgendeine heterogene Sache ihren Gang behindert oder der Wirksamkeit ihrer Schöpfungskraft entgegentritt.

Am Pfosten der linken Einfassung jener Tür, die wir studieren, zieht ein Motiv die Aufmerksamkeit auf sich und hält sie fest. Das Hochrelief stellt einen mit dem Ärmelwams reich bekleideten Mann dar, dessen Kopf mit einer Art Kappe (wörtl.: Mörser) bedeckt und auf dessen Brust ein Wappen dargestellt wird, das den sechszackigen Stern zeigt. Diese Person von Stand, auf den Deckel einer Urne mit modellierten Wanden gestellt, soll nach dem Brauch des Mittelalters den Inhalt des Gefässes angeben. Es ist die Substanz, die im Verlaufe der Sublimierungen über dem Wasser aufsteigt, auf dem sie wie ein Öl schwimmt; es ist das ‘Hyperion’ und das ‘Vitriol’ des Basile Valentin, der ‘grüne Löwe’ Ripley’s und Jacques Tesson’s, in einem Wort: die wahrhaftige Unbekannte des grossen Problems. Dieser Ritter, von schöner Haltung und aus himmlischem Geschlecht, ist keineswegs ein Fremder für uns: Mehrere hermetische Stiche haben ihn uns vertraut gemacht. Salomon Trismosin zeigt ihn in der ‘Toyson d’Or’ stehend, die Füsse auf die Ränder zweier mit Wasser gefüllter Schalen gestellt, welche den Ursprung und die Quelle dieses geheimnisvollen Brunnens ausdrücken; Wasser von doppelter Natur und Eigenschaft, der Milch der Jungfrau und dem Blut Christi entstammend; feuriges Wasser und wässeriges Feuer, Kraft der beiden Taufen, von denen in den Evangelien die Rede ist: „Ich taufe euch mit Wasser; aber es wird ein anderer kommen, der stärker ist als ich, und ich bin nicht würdig, ihm das Band seiner Schuhe zu lösen. Es ist der, welcher euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen wird. Er hat die Getreideschwinge in der Hand, und er wird seine Tenne fegen; er wird den Weizen in seine Scheune sammeln und die Spreu mit einem Feuer verbrennen, das niemals verlöschen wird. „ (Lukas 3, 16-17 und Parallelstellen) Das Manuskript des Philosophen Solidonius gibt dasselbe Motiv im Bilde eines; Kelchs voll Wasser wieder, aus dem zwei Personen bis zum Gürtel auftauchen, im Mittelpunkt einer sehr dichten Arbeit, die das gesamte Werk zusammenfasst. Was den Azoth - Traktat betrifft, so ist es ein gewaltiger Engel - derjenige aus dem Gleichnis des hl. Johannes in der Offenbarung -, welcher die Erde mit einem Fuss betritt und das Meer mit dem anderen, während er mit der rechten Hand eine angezündete Fackel hochhebt und mit der linken einen mit Luft gefüllten Schlauch zusammendrückt, klare Abbildungen der vier Urelemente: Erde, Wasser, Luft, Feuer. Der Körper dieses Engels, bei dem zwei Flügel den Kopf ersetzen, wird vom Siegel de s geöffneten Buchs bedeckt, geschmückt mit dem kabbalistischen Stern und dem aus sieben Wörtern bestehenden Wahlspruch des Vitriol: ‘Betrachte das Innere der Erde, und du wirst, wenn du es recht machst, den verborgenen (oder: geheimen) Stein finden’ (Lateinisch). „Dann sah ich“, schreibt der hl. Johannes[7], „einen anderen starken und mächtigen Engel, der vom Himmel herabstieg, angetan mit einer Wolke, und er hatte einen Regenbogen auf seinem Haupt. Sein Angesicht war wie die Sonne und seine Füsse wie Feuersäulen. Er hatte ein kleines geöffnetes Buch in der Hand, und er setzte seinen rechten Fuss auf das Meer und seinen linken Fuss auf die Erde. Und er rief mit lauter Stimme, wie ein Löwe, der brüllt; und nachdem er gerufen hatte, liessen sieben Donner ihre Stimmen erschallen. Und als die sieben Donner ihre Stimmen hatten ertönen lassen, ging ich daran, zu schreiben; aber ich hörte eine Stimme aus dem Himmel, die zu mir sagte: Versiegle die Worte der sieben Donner und schreibe sie nicht auf... Und diese Stimme, die ich aus dem Himmel gehört hatte, wandte sich mir nochmals zu und sprach: Geh hin, nimm das kleine geöffnete Buch, das in der Hand des Engels ist, welcher auf dem Meer und auf der Erde steht. Ich ging also hin, den Engel zu finden, und sagte zu ihm: Gib mir das kleine Buch. Und er sprach zu mir: Nimm es und verschlinge es; es wird Bitterkeit in deinem Bauch hervorrufen, aber in deinem Mund wird es süss sein wie Honig.“

Dieses Produkt, durch den Engel oder den Menschen allegorisch ausgedrückt - Attribut des Evangelisten St. Matthäus -, ist nichts anderes als das Quecksilber der Philosophen, von doppelter Natur und Eigenschaft, teils fest und stofflich, teils flüchtig und geistig, was genügt, um das Werk zu beginnen, zu vollenden und zu vervielfältigen. Das ist die einzige und alleinige Materie, derer wir bedürfen, ohne uns um den Erwerb einer anderen zu kümmern; aber um nicht zu irren, ist es notwendig zu wissen, dass die Autoren ihre Abhandlungen im allgemeinen damit beginnen, dass sie von diesem Quecksilber und seinem Erhalt (seiner Erwerbung) ausgehen. Dieses (das Quecksilber) ist die Mine und die Wurzel des Goldes, und nicht das kostbare Metall, das absolut unnütz und unbrauchbar ist auf dem Weg, den wir studieren. Eyrenée Philalèthe(Irenäus Philalethus) sagt ganz zu Recht, dass unser Quecksilber, kaum mineralisch, noch weniger metallisch ist, weil es nur den metallischen Geist oder Samen in sich schliesst, während der Körper dazu neigt, sich von der mineralischen Eigenschaft zu entfernen. Es ist indessen der Geist des Goldes, eingeschlossen in ein transparentes Öl, leicht gerinnbar; das Salz der Metalle, denn jeder Stein ist Salz, und das Salz unseres Steines, denn der Stein der Philosophen, welcher dieses Quecksilber ist, von dem wir sprechen, ist der Gegenstand des philosophalen Steines. Daher kommt es, dass mehrere Adepten, weil sie die Vermengung schaffen wollten, es Nitrum oder Salpeter (lat. ‘sal petri’, Steinsalz) genannt haben und das Zeichen des einen auf das Bild des anderen nachgezeichnet haben. Ferner haben seine kristallene Struktur, seine physische Ähnlichkeit mit aufgelöstem (geschmolzenem) Salz, seine Transparenz es erlaubt, es den Salzen anzugleichen und ihm alle entsprechenden Namen zuzuschreiben. So wird es nach und nach, gemäss dem Willen oder der Phantasie der Schriftsteller, das Seesalz und das Steinsalz, das Alembrothsalz, das Saturnsalz, das Salz der Salze. Es ist auch das berühmte ‘grüne Vitriol’, ‘oleum vitri’ (lat.: Öl des Glases), welches Pantheus als die ‚chrysocolle’ (Goldleim) beschreibt, andere als das Borax oder ‘atincar’; das ‚römische Vitriol’, weil ’Rhome’, der griechische Name für die Ewige Stadt, Stärke, Kraft, Macht, Herrschaft bedeutet; das Mineral Pierre-Jean Fabre’s, weil in ihm, wie er sagt, das Gold lebt (klingt im französischen ähnlich wie ‘vitryol’). Gleichermassen nennt man es Proteus (bedeutet auch: wetterwendischer Mensch), wegen seiner Metamorphosen während der Arbeit, und auch Chamäleon (griechisch: kriechender Löwe), weil es nach und nach alle Farben des Spektrums annimmt.

Hier nun das letzte Motiv der Dekoration unserer Tür. Es ist ein Salamander, der als Kapitell für das gedrehte Säulchen des rechten Sockels dient. Er scheint uns gewissermassen der Schutzgeist dieser anmutigen Wohnstätte zu sein, denn wir finden ihn an anderer Stelle wieder, geschnitzt auf den Stützstein des mittleren Pfostens im Erdgeschoss und bis hinauf zur Dachluke. In Anbetracht der gewollten Wiederholung des Symbols könnte es sogar so scheinen, als hätte unser Alchimist eine besondere Vorliebe für dieses Wappenreptil gehabt. Damit massen wir uns aber nicht an, darauf anzuspielen, dass er ihm den erotischen und groben Sinn hätte zuschreiben können, welchen François I. so sehr an- nahm; das hiesse den Künstler zu beleidigen, die Wissenschaft zu ent- ehren, die Wahrheit zu verletzen nach dem Muster des Liederjans von hohem Geschlecht, aber niedriger Intellektualität, dem wir leider sogar den widersinnigen Namen der ‘Renaissance“ verdanken.[8] Aber ein eigentümlicher Zug des menschlichen Charakters veranlasst den Menschen, dasjenige noch inniger zu lieben, um dessentwillen er am meisten Leid und Kummer erfahren hat; dieser Grund würde es uns ohne Zweifel erlauben, den dreifachen Gebrauch des Salamanders. Hieroglyphe des geheimen Feuers der Weisen, zu erklären. Es ist in der Tat so, dass unter den Nebenprodukten, die in Form von Hilfsmitteln oder von Dienern in die Arbeit eintreten, keines undankbarer erforscht und mühsamer identifiziert werden kann als dieses. Bei den zusätzlichen Vorbereitungen kann man noch - anstelle der erwünschten Hilfsarzneien – gewisse Ersatzmittel gebrauchen, die geeignet sind, ein entsprechendes Ergebnis zu liefern; in der Verarbeitung des Quecksilbers indessen könnte nichts an die Stelle des geheimen Feuers treten, dieses Geistes, der imstande ist, es zu beleben, es zu verherrlichen (oder: begeistern) und ein Ganzes mit ihm zu bilden, nachdem er es aus der unreinen Materie extrahiert hat. „Ich würde Sie sehr bedauern“, schreibt Limojon de Saint-Didier (1699), „wenn Sie, wie ich, nach Erkenntnis der wahrhaftigen Materie fünfzehn Jahre gänzlich in der Arbeit, im Studium und in der Meditation verbracht hätten, ohne aus dem Stein den kostbaren Saft, den jener in seinem Schoss einschliesst, extrahieren zu können, weil man das geheime Feuer der Weisen nicht kennt, welches aus dieser scheinbar trockenen und dürren Pflanze ein Wasser fliessen lässt, das die Hände nicht benetzt. „ Ohne es, ohne dieses in einer salzartigen Form verborgene Feuer, könnte die zubereitete Materie ihre Mutterfunktionen weder anstreben noch erfüllen, und unsere Arbeit bliebe für immer chimerisch (eingebildet) und vergeblich. Jede Zeugung verlangt nach der Hilfe eines eigenen Agens, bestimmt für den Bereich, in den die Natur sie gestellt hat. Und jedes Ding trägt Samen (in sich). Die Tiere kommen aus einem Ei oder aus einem befruchteten Eichen zur Welt; die Pflanzen gehen aus einem sich schnell vermehrenden Samenkorn hervor; ebenso haben die Mineralien und die Metalle als Samen eine metallische Flüssigkeit, die durch das mineralische Feuer fruchtbar gemacht wird. Dieses ist also das aktive Agens, das durch die Kunst in den mineralischen Samen eingeführt wird, und dieses ist es, wie Philalethus uns sagt, „was als erstes die Achse zur Drehung und das Rad zur Bewegung bringt“. Von daher ist es leicht zu verstehen, von welchem Nutzen dieses metallische Licht ist, und mit welcher Sorgfalt wir uns bemühen müssen, es zu erkennen, es an seinen spezifischen, wesentlichen und verborgenen Eigenschaften zu unterscheiden.

Salamander, lateinisch ‘salamandra’, kommt von ‘sal’ (Salz) und von ‘mandra’, was „Stall“ und auch „Felsenhöhlung, Einsamkeit, Einsiedelei“ bedeutet. ‘Salamandra’ ist also der Name für „Stallsalz“, „Felsensalz“ oder „einsames Salz“. Dieses Wort trägt in der griechischen Sprache einen anderen Sinn, welcher Aufschluss gibt über die Wirkung, die es hervorruft. ‘Salamandra’ (griechisch) scheint gebildet zu sein aus ‘Sala’ (Unruhe, Aufregung), zweifellos gebraucht für ‘salos’ oder ‘zale’ (aufgewühltes Wasser, Unwetter, Schwankung), und aus ‘mandra’, was denselben Sinn hat wie im Lateinischen. Aus diesen etymologischen Ableitungen können wir den Schluss ziehen, dass das Salz, Geist oder Feuer, in einem Stall, einer Felsenhöhlung, einer Grotte entsteht... Das genügt. Auf das Stroh seiner Krippe gebettet, in der Grotte von Bethlehem, ist Jesus da nicht die neue Sonne, die der Welt das Licht bringt? Ist er nicht Gott selbst, in seiner fleischlichen und vergänglichen Hülle? Welcher doch gesagt hat: „Ich bin der Geist und ich bin das Leben; ich bin gekommen, das Feuer an die Dinge zu legen“?

Dieses geistige Feuer, ins Bild gesetzt und verkörpert im Salz, ist der verborgene Schwefel, weil er sich im Laufe seines Wirkens unseren Augen niemals offenbart und ihnen niemals wahrnehmbar wird. Und dennoch ist dieser Schwefel, so unsichtbar er auch ist, keineswegs eine geistreiche Abstraktion, ein doktrinärer Kunstgriff. Wir können ihn absondern, ihn extrahieren aus dem Körper, der ihn verbirgt, und zwar durch ein geheimes Mittel und in der äusseren Gestalt eines trockenen Pulvers, welches in diesem Zustand ungeeignet und wirkungslos in der philosophischen Kunst wird. Dieses reine Feuer, von gleichem Wesen wie der spezifische Schwefel des Goldes, doch weniger verarbeitet, ist dagegen ergiebiger als derjenige des kostbaren Metalls. Aus diesem Grund verbindet es sich leicht mit dem Quecksilber der unvollkommenen Mineralien und Metalle. Philalethus versichert uns, dass man es verborgen findet im Leib des Aries bzw. des Widders, einer Konstellation, welche die Sonne im April durchläuft. Um es noch besser zu bezeichnen, wollen wir schliesslich hinzufügen, dass dieser Widder, „der in sich den magischen Stahl versteckt“, auf seinem Wappenschild offenkundig das Bild des hermetischen Siegels, des Sterns mit sechs Strahlen, trägt. In dieser ganz gemeinen Materie, die uns einfach nützlich erscheint, müssen wir also das geheimnisvolle Sonnenfeuer suchen, subtiles Salz und geistiger Schwefel, mattes (diffuses) Himmelslicht im Dunkel des Körpers, ohne das nichts werden kann und das durch nichts ersetzt werden könnte.

Wir haben weiter oben den bedeutenden Platz bezeichnet, den der Salamander, besonderes Wahrzeichen des bescheidenen und gelehrten Besitzers, unter den sinnbildlichen Gegenständen des kleinen Hauses von Lisieux einnimmt. Man findet ihn, sagten wir, bis hinauf zur Dachluke des Giebels wieder, fast unerreichbar und ganz in den Himmel gerichtet. Er umschliesst hier den Stichel der ‘Haube’ zwischen zwei parallel zueinander auf das Holz der Fensterumrahmungen geschnitzten Drachen (Abb. IX). Diese beiden Drachen, der eine apterisch (griechisch ‘apteros’, ohne Flügel), der andere chrysopterisch (griechisch ‘chrysopteros’, mit vergoldeten Flügeln), sind diejenigen, von denen Nicolas Flamel in seinen ‘Hieroglyphischen Figuren’ spricht und die Michel Maier (‘Symbola aureae mensae’, Frankfurt 1617) zusammen mit der vom Kreuz gekrönten Erdkugel für dem Stil des berühmten Adepten eigentümliche Symbole hält. Diese einfache Feststellung beweist die umfassende Kenntnis, die der Künstler von Lisieux von den philosophischen Texten und von dem jedem seiner Vorgänger eigenen Symbolismus hatte. Andererseits führt uns die Wahl gerade des Salamanders zu dem Gedanken, dass unser Alchimist lange suchen und zahlreiche Jahre auf die Entdeckung des geheimen Feuers verwenden musste. Die Hieroglyphe verschleiert in der Tat die physikalisch-chemische Natur der Früchte aus dem Garten der Hespera (vgl. Hesperis = griech. Abendgöttin), Früchte, deren späte Reife den Weisen erst im Alter erfreut und die er kaum am Abend seines Lebens erntet, in der Abenddämmerung (Hesperis) einer mühseligen und beschwerlichen Laufbahn. Jede dieser Früchte ist das Ergebnis einer fortschreitenden Kondensation des Sonnenfeuers durch das geheime Feuer, inkarniertes Wort, in all den Dingen dieser Welt verkörperter himmlischer Geist. Und es sind die gesammelten und konzentrierten Strahlen dieses doppelten Feuers, welche einen reinen, durchscheinenden, geläuterten, regenerierten Körper, einen Körper von strahlendem Glanz und von wunderbarer Kraft färben und beleben.


 

 Abb. IX: LISIEUX – MANOIR DE LA SALAMANDRE – XVIe SIÉCLE.

 Der Salamander und die zwei Drachen an der Lukarne.


 

An diesem Punkt der Verherrlichung angelangt, wird das feurige Prinzip - materiell und spirituell - durch die Universalität seiner Wirksamkeit jenen Körpern assimilierbar, die in den drei (Be-) Reichen der Natur umfasst sind; es übt seine Wirksamkeit (Wirkungskraft) sowohl bei den Tieren und bei den Pflanzen als auch im Inneren der mineralischen und metallischen Körper aus. Das ist der magische Rubin, ein Agens, das mit der feurigen Energie und Subtilität ausgestattet ist und bekleidet mit der Farbe und den vielfältigen Eigenschaften des Feuers. Das ist ferner das Öl Christi oder des Kristalls, die heraldische Eidechse, welche die Flamme anzieht, sie verschlingt, ausspeit und wieder hervorbringt, ausgestreckt auf ihre Geduld wie der alte Phönix auf seine Unsterblichkeit.

 

 

III

Auf dem mittleren Pfeiler des Erdgeschosses entdeckt der Besucher ein sonderbares Basrelief. Ein Affe ist hier damit beschäftigt, die Früchte eines jungen Apfelbaumes zu essen, der kaum grösser ist als er (Abb. X).

Vor diesem Motiv, das für den Eingeweihten die vollkommene Verwirklichung („Realisation“) zum Ausdruck bringt, nähern wir uns dem WERK vom Ende her. Die glänzenden Blüten, an deren lebendigen und schillernden Farben unser Handwerker seine Freude hatte, sind nach und nach verwelkt und verblichen; dann haben die Früchte Gestalt angenommen, und so grün sie am Anfang auch waren, bieten sie sich ihm jetzt mit einer glänzenden, purpurnen Schale geschmückt dar, sicheres Zeichen ihrer Reife und ihrer Köstlichkeit.

Dies bedeutet, dass der Alchimist in seiner geduldigen Arbeit der gewissenhafte Nachahmer der Natur sein muss, der Affe der Schöpfung nach dem genuinen Ausdruck mehrerer Meister. Angeleitet durch die Analogie, führt er im Kleinen - mit seinen schwachen Mitteln und in einem eingeschränkten Bereich - aus, was Gott im Grossen in dem kosmischen Weltall tat. Hier das Unermessliche; dort das Winzige. An diesen beiden äussersten Grenzen derselbe Gedanke, dasselbe Streben, ein gleicher Wille in seiner Bedingtheit. Gott macht das Ganze aus dem Nichts: er schafft. Der Mensch greift ein Teilchen aus diesem Ganzen heraus: er verlängert und führt weiter. Auf diese Weise erweitert der Mikrokosmos den Makrokosmos. Das ist sein Ziel, seine Daseinsberechtigung; das scheint uns seine wahre irdische Mission (Sendung, Auftrag) und der Grund seines eigenen Heils zu sein. Oben Gott; unten der Mensch. Zwischen dem unsterblichen Schöpfer und seiner vergänglichen Kreatur die ganze geschaffene NATUR. Suchen Sie: Sie werden nichts mehr finden, nichts weniger entdecken als der Urheber der ersten Kraft, in die Menge der Nutzniesser des göttlichen Beispiels eingebunden, demselben gebieterischen Willen beständiger Aktivität, ewiger Arbeit unterworfen.

Alle klassischen Autoren sind sich einig in der Erkenntnis, dass das GROSSE WERK ein auf die menschlichen Verhältnisse und Möglichkeiten reduzierter Abriss des göttlichen WERKES ist. Und so, wie der Adept hier die beste seiner Eigenschaften einbringen muss, wenn er es zum Guten ausführen will, erscheint es recht und billig, dass er die Früchte vom Baum des Lebens erntet und seinen Nutzen aus den herrlichen Äpfeln des Gartens der Hesperiden zieht.

Aber da wir, der Phantasie oder dem Verlangen unseres Philosophen gehorchend, gezwungen sind, eben an dem Punkt zu beginnen, wo die Kunst und die Natur ihr Werk gemeinsam vollenden, bedeutete das nicht, blindlings zu handeln, indem wir uns nämlich Gedanken darüber machten, das, was wir suchen, zuerst zu kennen? Und ist sie nicht trotz des Paradoxons eine vorzügliche Methode, diejenige, welche mit dem Ende beginnt? - Derjenige wird leichter finden, was er braucht, der deutlich weiss, was er erhalten will. In den okkulten Kreisen unserer Epoche spricht man viel vom Stein der Weisen, ohne zu wissen, was er in Wirklichkeit ist. Viele gebildete Leute qualifizieren den hermetischen Edelstein als „mysteriösen Körper“; sie haben über ihn die Meinung gewisser Spagyriker des 17. und 18. Jahrhunderts, die ihn zur Zahl der abstrakten Wesenheiten rechneten, qualifiziert als Nicht seiende oder in der Vernunft Seiende. Informieren wir uns also, um von diesem unbekannten Körper eine Vorstellung zu haben, die so nah wie möglich an der Wahrheit liegt; studieren wir die seltenen und nach unserem Geschmack zu knappen Beschreibungen, die uns einige Philosophen hinterlassen haben, und sehen wir uns das an, was gelehrte Personen und zuverlässige Zeugen gleichermassen darüber berichten.


 

 Abb. X: LISIEUX – MANOIR DE LA SALAMANDRE.

 La Salamandre et le Singe au Pommier.


 

Zuvor wollen wir sagen, dass der Ausdruck ‘Stein der Weisen’ (wörtlich: „philosophaler Stein“) nach der geweihten Sprache ‘Stein, der das Zeichen der Sonne trägt“ bedeutet. Nun, dieses Sonnenzeichen ist charakterisiert durch die rote Färbung, welche in der Intensität variieren kann, so wie es Basile Valentin (in ‘Die Zwölf Schlüssel der Philosophie’, 1659; hrsg. 1956) sagt: „Seine Farbe spielt vom Kirschroten ins Weinrote, oder auch von der Rubinfarbe in die Granatapfelfarbe; was seine Schwere angeht, so wiegt er weitaus mehr, als er an Grösse (Quantität) hat. „ Dies zur Farbe und zur Dichte. Der Kosmopolit (‘Kosmopolit oder Neues Chemisches Licht’ 1669), von dem Louis Figuier glaubt, er sei der unter dem Namen Sethon bekannte Alchimist, und andere, (er sei der) unter dem Namen Michael Sendivogius (bekannte), beschreibt uns sein durchscheinendes Aussehen, seine kristallene Form und seine Schmelzbarkeit in diesem Abschnitt: „Wenn man unseren Gegenstand in seinem letzten Zustand der Vollendung, durch die Natur gemacht und zusammengesetzt, fände; wenn er schmelzbar wie Wachs oder Butter wäre und seine Röte, seine Durchsichtigkeit und Klarheit aussen sichtbar würde, so wäre das wahrhaftig unser gebenedeiter Stein. „ Seine Schmelzbarkeit ist in der Tat so beschaffen, dass alle Autoren sie mit derjenigen des Wachses (64° cent.) verglichen haben; „er schmilzt in der Flamme einer Kerze“, wiederholen sie; aus diesem Grund haben ihm einige sogar den Namen ‘grosses rotes Wachs’[9] gegeben. Mit diesen physikalischen Merkmalen verbindet der Stein mächtige chemische Eigenschaften, die Fähigkeit der Durchdringung bzw. ‘Ingression’, die absolute Festigkeit, die Rostfreiheit („Inoxyssilität“), die ihn unverkalkbar macht, eine extreme Feuerbeständigkeit, schliesslich seine Unauflösbarkeit und sein vollkommener Sättigungsgrad („Indifferenz“) hinsichtlich der chemischen Kräfte („Agenzien“). Es ist auch das, was uns Henri Khunrath in seinem ‘Amphitheatrum Sapientiae AEternae’ („Amphitheater der Ewigen Weisheit“) lehrt, wenn er schreibt: „Endlich, wenn das Werk vom Aschfarbenen zum reinen Weiss übergegangen sein wird, dann zum Gelb, wirst du den Stein der Weisen, unseren über die Herrscher erhabenen König, aus seinem gläsernen Grab gehen sehen, sich von seinem Bett erheben und auf unsere Weltbühne kommen in seiner verherrlichten Gestalt, das heisst erneuert (regeneriert) und mehr als vollkommen; anders ausgedrückt: der glänzende Karfunkel, sehr strahlend vor Pracht, und seine sehr feinen und sehr geläuterten Teile sind durch den Frieden und die Eintracht der Mischung untrennbar verbunden und zu Einem zusammengefügt; gleichmässig, durchscheinend wie das Kristall, kompakt und sehr schwer, leicht schmelzbar im Feuer wie das Harz, zerfliessend wie das Wachs und mehr als das Quecksilber, aber ohne irgendwelchen Rauch auszuströmen; die festen und dichten (kompakten) Körper durchdringend und in sie eindringend, so wie Öl in das Papier eindringt; löslich und dehnbar in jeder Flüssigkeit, die fähig ist, ihn aufzuweichen; zerreibbar wie das Glas; von der Farbe des Safrans (Krokus), wenn man ihn zerstäubt, aber rot wie der Rubin, wenn er in unversehrter Masse bleibt (diese Röte ist die Signatur der vollkommenen Verfestigung und der festen Vollkommenheit); beständig färbend und einfärbend; fest in den ‘Widerwärtigkeiten’ aller Experimente, selbst in den Prüfungen durch den verzehrenden Schwefel und die erhitzten Wasser und die sehr heftige Verfolgung durch das Feuer; immer dauerhaft, unverkalkbar und, nach dem Muster des Salamanders beständig und alle Dinge gerecht richtend (denn er ist auf seine Weise alles in allem) und ausrufend: Hier bin ich, ich werde alle Dinge erneuern.“

Der Stein der Weisen, der im Grab eines für äusserst reich gehaltenen Bischofs gefunden wurde und den der englische Abenteurer Edouard Kelley genannt Talbot um das Jahr 1585 von einem Wirt erworben hatte, war rot und sehr schwer, aber ohne jeden Geruch. Indessen sagt Bérigard de Pise, dass ein tüchtiger Mann ihm ein Grossteil (3 Gramm 82) eines Pulvers gab, dessen Farbe derjenigen des Klatschmohns (oder: der Klatschrose) ähnlich war und das den Geruch des kalzinierten Siedesalzes verströmte.[10]

Helvetius (Jean-Frederic Schweitzer) sah den Stein, den ihm ein fremder Adept am 27. Dezember 1666 zeigte, in Form einer metallischen Schwefelfarbe. Dieses Produkt, pulverisiert, stammte also, wie Khunrath es sagt, aus einer roten Masse. Bei einer Transmutation, die im Juli 1602 von Sethon vor dem Doktor Jacob Zwinger vorgenommen wurde, war das benutzte Pulver, dem Bericht Dienheims zufolge, „ziemlich schwer und von einer Farbe, die zitronengelb schien“. Ein Jahr später, während einer zweiten ‘Projektion’ am 11. August 1603 beim Goldschmied Hans von Kempen in Köln, ist es ein roter Stein, dessen sich derselbe Künstler bedient.

Nach mehreren glaubwürdigen Zeugen könnte der unmittelbar in Pulverform erhaltene Stein eine ebenso lebendige (hochrote) Färbung zeigen wie diejenige, die im kompakten Zustand gebildet würde. Der Fall ist ziemlich selten, aber er kann eintreten und ist es wert, erwähnt zu werden. So benutzte ein italienischer Adept, der im Jahre 1658 die Transmutation vor dem protestantischen Pastor Gros beim Goldschmied Bureau aus Genf durchführte, ein - wie die Assistenten (Teilnehmer) behaupten - rotes Pulver. Schmieder beschreibt den Stein, den Bötticher Lascaris verdankte, als eine Substanz, die aussah wie ein Glas von feuerroter Farbe. Gleichwohl hatte Lascaris dem Domenico Manuel (Gaetano) ein dem Zinnoberrot ähnliches Pulver übergeben. Dasjenige Gustenhovers war auch sehr rot. Was die Probe angeht, die Dierbach von Lascaris überlassen wurde, so wurde sie durch den Rat Dippel mit dem Mikroskop untersucht und schien aus einer Vielzahl roter oder orangefarbener Körnchen oder Kristalle zusammengesetzt; dieser Stein hatte eine Stärke, die etwa dem Sechshundertfachen der Einheit (wörtlich: „sechshundertmal die Einheit“) entspricht.

Jean-Baptiste Van Helmont, der von dem Experiment berichtet, das er im Jahre 1618 in seinem Laboratorium zu Vilvorde nahe Brüssel durchführte, schreibt: „Ich habe mehr als einmal den Stein der Weisen gesehen und ihn berührt; seine Farbe war wie Safran (Krokus) in Pulverform, aber schwer und leuchtend wie zerstäubtes Glas. „ Dieses Produkt, von dem ein Viertel Korn (13 Milligramm 25) acht Unzen Gold hervorbringt, liess eine beträchtliche Energie erkennen: ungefähr 18470 mal die Einheit.

Im Zusammenhang mit den Farbstoffen, d. h. den durch Auflösung („Solution“) zäher metallischer Extrakte erhaltenen Flüssigkeiten, besitzen wir den Bericht des Godwin Hermann Braun aus Osnabrück, der im Jahre 1701 die Transmutation durchführte, und zwar mit Hilfe eines Farbstoffs, der aussah wie ein „ziemlich flüssiges und braunfarbenes“ Öl. Der berühmte Chemiker Henckel (1760) berichtet im Anschluss an Valentini folgende Anekdote: „Es kam eines Tages zu einem berühmten Apotheker aus Frankfurt am Main namens Salwedel ein Fremder, der einen braunen Farbstoff hatte, welcher fast den Geruch des Öls vom Hirschhorn hatte[11]; mit vier Tropfen von diesem Farbstoff verwandelte er eine Menge Blei in Gold von 23 Karat 7 1/2 Korn. Derselbe Mann gab dem Apotheker, der ihn beherbergte, einige Tropfen von diesem Farbstoff, und dieser machte daraufhin gleichartiges Gold, das er zum Gedenken an jenen Mann aufbewahrt, zusammen mit der kleinen Flasche, in der er (der Farbstoff) war, und wo man noch Spuren dieses Farbstoffs sehen kann. Ich habe diese Flasche zwischen meinen Händen gehabt und kann davon jedermann Zeugnis ablegen. „

Ohne die Wahrhaftigkeit dieser beiden letzten Fälle (oder: Fakten) zu bestreiten, weigern wir uns doch, sie in die Reihe der Transmutationen zu stellen, die durch den Stein der Weisen in dem besonderen Zustand von Projektionspulver verwirklicht worden sind. Alle Farbstoffe sind da. Ihre Abhängigkeit von einem besonderen Metall, ihre begrenzte Kraft (oder: Wirksamkeit, Vermögen), die spezifischen Merk- male, die sie darbieten, veranlassen uns, sie als einfache metallische Produkte zu betrachten, Auszüge aus gewöhnlichen Metallen mittels bestimmter Verfahren, genannt kleine Besonderheiten, welche von der Spagyrik her aufbauen und nicht von der Alchimie. Im übrigen haben diese Farbstoffe, weil sie metallisch sind, keine andere Wirksamkeit als die, in solche Metalle allein einzudringen, die als Grundlage bei ihrer Zubereitung gedient haben.

Lassen wir also diese Verfahren und diese Farbstoffe beiseite. Was vor allem von Belang ist: Wir müssen behalten, dass der Stein der Weisen sich uns in Form eines kristallenen Körpers darbietet, durchscheinend, rot in der Masse, gelb nach der Zerstäubung; dieser Körper ist fest und sehr schmelzbar, obgleich beständig gegenüber jeder Temperatur, und sei- ne charakteristischen Eigenschaften machen ihn einschneidend, heftig, durchdringend, unauflösbar und unverkalkbar. Fügen wir noch hinzu, dass er löslich ist in geschmolzenem Glas (wörtlich: Glas im Schmelzen), aber sich augenblicklich verflüchtigt, wenn man ihn auf ein geschmolzenes Metall wirft. Da haben wir, zusammengefasst in einem einzigen Gegenstand, physikalisch-chemische Eigenschaften, die ihn besonders von der metallischen Natur entfernen und seinen Ursprung arg schleierhaft machen. Ein wenig Überlegung wird uns aus der Klemme helfen. Die Meister der Kunst lehren uns, dass das Ziel ihrer Arbeiten ein dreifaches ist. Was sie an erster Stelle zu verwirklichen trachten, das ist die universale Medizin, oder der Stein der Weisen im engeren Sinne. In Salzform erhalten, vervielfältigt oder nicht, ist er nur brauchbar für die Heilung der menschlichen Krankheiten, die Erhaltung der Gesundheit und das Wachsen (oder: die Vermehrung) der Pflanzen. Löslich in jeder alkoholischen Flüssigkeit, nimmt seine Lösung den Namen „trinkbares Gold“ an (obwohl er nicht das geringste Gold-Atom enthält), weil er eine herrliche gelbe Farbe zur Schau stellt. Seine heilende Kraft und die Mannigfaltigkeit seiner Verwendung in der Therapeutik machen ihn zu einem wertvollen Hilfsmittel in der Behandlung schwerer und unheilbarer Leiden. Er hat keinerlei Wirkung auf die Metalle, abgesehen vom Gold und Silber, mit denen er sich (ver)bindet und die er mit seinen Eigenschaften ausstattet, aber folgerichtig leistet er keine Dienste für die Transmutation. Indessen, wenn man über die Höchstzahl seiner Vervielfältigungen hinausgeht, wechselt er die Form und, statt den festen und kristallenen Zustand wiederanzunehmen, indem er erkaltete, bleibt er flüssig wie das Quecksilber und absolut ungerinnbar. Im Dunkeln strahlt er dann mit einem milden, roten und phosphoreszierenden Schimmer, dessen Glanz schwächer bleibt als der einer gewöhnlichen Nachtlampe. Die universale Medizin ist zum unauslöschbaren Licht geworden, zum leuchtenden Produkt dieser unaufhörlichen Lampen, die dem Hinweis gewisser Autoren zufolge in einigen antiken Gräbern gefunden worden seien. Auf diese Weise strahlend und flüssig, ist der Stein der Weisen unserer Meinung nach kaum fähig, weiter getrieben zu werden; seine feurige Kraft (Eigenschaft)verstärken zu wollen, erschiene uns gefährlich; das Wenigste, was man befürchten könnte, wäre ihn zu verflüchtigen und den Nutzen einer beträchtlichen Arbeit zu verlieren. Wenn man schliesslich die universale Medizin, festgefügt mit sehr reinem Gold oder Silber, durch direkte Fusion fermentiert, erhält man das „Projektionspulver“, die dritte Form des Steins. Das ist eine durchscheinende Masse, je nach dem gewählten Metall rot oder weiss, zerstäubbar, sich allein zur metallischen Transmutation eignend. Auf das Mineralreich hin orientiert, determiniert und spezifiziert, ist sie unnütz und wirkungslos für die beiden anderen (Be-)Reiche.

Aus den vorhergehenden Erwägungen leitet sich deutlich ab, dass der Stein der Weisen, oder die universale Medizin, trotz seines (ihres) metallischen Ursprungs nicht bloss aus metallischer Materie gemacht ist. Wenn es anders wäre und man ihn (den Stein) lediglich aus Metallen zusammensetzen müsste, so bliebe er den Bedingungen unterworfen, welche die mineralische Natur beherrschen, und brauchte überhaupt nicht fermentiert zu werden, um die Transmutation zu bewirken. Andererseits wäre das grundlegende Axiom, welches lehrt, dass die Körper keinerlei Wirkung auf die Körper haben, falsch und paradox. Nehmen Sie sich die Zeit und Mühe zum Experimentieren, und Sie werden erkennen, dass die Metalle nicht auf andere Metalle wirken. Mögen sie in den Zustand von Salzen oder von Asche, von Glas oder von Kolloiden gebracht werden - immer werden sie ihre Natur im Laufe der Versuche bewahren und sich in der Desoxydation („Reduktion“) ohne den Verlust ihrer spezifischen Eigenschaften trennen.

Allein die metallischen Geister besitzen das Vorrecht, die metallischen Körper zu verändern, zu modifizieren und zu denaturieren. Sie sind die wahren Initiatoren aller körperlichen Metamorphosen, die man hier beobachten kann. Aber weil es so ist, dass diese zarten, äusserst feinen und verflüchtigenden Geister ein Vehikel brauchen, eine Hülle, die imstande ist, sie festzuhalten; dass deren Materie sehr rein muss - um dem Geist zu erlauben, dort zu bleiben - und sehr fest, um seine Verflüchtigung- (Verdunstung) zu verhindern; dass sie schmelzbar bleiben muss, damit der Ingress begünstigt wird; dass es unerlässlich ist, ihr eine absolute Resistenz gegen die Reduktionskräfte zu sichern, deshalb also versteht man mühelos, dass diese Materie nicht allein in der Kategorie der Metalle gesucht werden kann. Das ist der Grund, weshalb Basile Valentin empfiehlt, den Geist in der metallischen Wurzel zu fassen, und weshalb Bernard le Trévisan (von Trier) sich dagegen verwahrt, die Metalle, die Mineralien und ihre Salze zur Konstruktion des Körpers zu verwenden. Der Grund ist einfach und drängt sich von selbst auf. Wenn der Stein aus einem metallischen Körper und einem auf diesen Körper fixierten Geist zusammengesetzt wäre - und zwar so, dass dieser auf jenen wirkte, als ob er von derselben Spezies wäre -, dann würde das Ganze die charakteristische Form des Metalls annehmen. Man könnte in diesem Fall Gold oder Silber, ja sogar ein unbekanntes Metall erhalten und weiter nichts. Das ist es, was die Alchimisten immer gemacht haben, weil sie die Universalität und das Wesen des Agens, das sie suchten, nicht (er)- kannten. Nun, wonach wir mit allen Philosophen fragen, ist nicht die Verbindung eines Körpers und eines metallischen Geistes, aber wohl die Kondensation, die Agglomeration dieses Geistes in einer kohärenten Hülle, die zäh und feuerfest ist, fähig, ihn zu umhüllen, alle seine Teile zu imprägnieren und ihm einen wirksamen Schutz zu sichern. Es ist diese Seele - dieser Geist oder dieses Feuer -, gesammelt, konzentriert und koaguliert in der reinsten, der widerstandsfähigsten und der vollkommensten unter den irdischen Materien, welche (Seele) wir unseren Stein nennen. Und wir können versichern, dass jede Unternehmung, die nicht diesen Geist als Richtschnur hat und diese Materie als Grundlage, niemals zum angestrebten Ziel führen wird.

 

 

IV

In der ersten Etage des Herrenhauses von Lisieux - in den linken Pfeiler der Fassade geschnitten - hebt ein Mann von primitivem Aussehen einen Baumstamm von ziemlich stattlichem Ausmass hoch und scheint ihn wegtragen zu wollen (Abb. VII).

Dieses Symbol, das reichlich unverständlich zu sein scheint, verbirgt indessen das bedeutendste der zweitrangigen Geheimnisse („Arkana“). Wir wollen sogar sagen, dass aufgrund von Unkenntnis dieses Punktes der Lehre - und auch, weil sie die Belehrung durch die alten Autoren zu buchstäblich befolgt haben - zahlreiche gute Künstler die Frucht ihrer Arbeit nicht haben ernten können. Und wie viele Forscher, eher Schwärmer als tief Eindringende, stossen sich und straucheln noch heute - aus trügerischen Folgerungen heraus - am Stein des Anstosses! Hüten wir uns, die menschliche Logik, die so oft der natürlichen Einfachheit entgegensteht, zu weit zu treiben. Wenn man die Wirkungen, welche die Natur um uns herum sichtbar macht, unbefangener beobachten könnte; wenn man sich damit begnügte, die erhaltenen Resultate unter Anwendung derselben Mittel zu überprüfen; wenn man die Suche nach dem Geheimnis der Ursachen, seine Erklärung durch das Wahrscheinliche, das Mögliche oder das Hypothetische dem Faktum unterordnete, dann wären (bereits) zahlreiche Wahrheiten entdeckt worden, die es noch zu suchen gilt. Hüten Sie sich also misstrauisch davor, in Ihre Beobachtungen das einfliessen zu lassen, was Sie zu kennen glauben, denn Sie würden veranlasst sein festzustellen, dass es wertvoller gewesen wäre, nichts gelernt zu haben, als alles verlernen zu müssen.

Dies sind vielleicht überflüssige Ratschläge, weil sie in ihrer Anwendung die Anspannung eines hartnäckigen Willens verlangen, dessen die Mittelmässigen unfähig sind. Wir wissen, was es kostet, die Diplome, die Siegel und die Pergamente gegen den bescheidenen Mantel des Philosophen auszutauschen. Wir haben mit vierundzwanzig Jahren diesen Kelch, mit bitterem Trank angefüllt, leeren müssen. Mit tief verletztem Herzen, beschämt von den Irrtümern unserer jungen Jahre, haben wir Bücher und Hefte verbrennen müssen, unsere Unwissenheit eingestehen und als bescheidener Neophyt (Konvertit) eine andere Wissenschaft auf den Bänken einer anderen Schule entschlüsseln. Auch ist es für jene, die den Mut gehabt haben, alles zu vergessen, dass wir die Mühe auf uns nehmen, das Symbol zu studieren und es vom esoterischen Schleier zu befreien.

Der Baumstamm, dessen sich dieser Kunsthandwerker einer anderen Zeit bemächtigt hat, scheint kaum seiner handwerklichen Begabung dienen zu müssen. Und dennoch handelt es sich hier um unseren trockenen Baum, um denselben, der die Ehre hatte, einer der ältesten Strassen von Paris seinen Namen zu geben, nachdem er lange auf einem berühmten (Aushänge-)Schild figuriert hatte. Edouard Fournier („Rätsel der Strassen von Paris“, 1860) lehrt uns, dass - nach Sauval (Bd. I, S. 109) - dieses Schild noch um 1660 zu sehen war. Es zeigte den Vor- übergehenden eine „Herberge, von der Monstrelet spricht, „ (Bd. I, Kap, CLXXVII) an, und es war gut gewählt für eine solche Unterkunft, die von 1300 an den Pilgern des Heiligen Landes als Nachtlager hatte dienen müssen. Der Trockene Baum war ein Andenken aus Palästina; es handelte sich um den ganz nahe bei Hebron[12] gepflanzten Baum, der, nachdem er seit dem Anfang der Welt „grün und blätterreich“ gewesen war, sein Blattwerk an dem Tag, da Unser Herr am Kreuz starb, verlor und daraufhin vertrocknete: „aber um wieder grün zu werden, wenn ein Herr, Prinz vom Okzident, das Land der Verheissung gewinnen wird - mit der Hilfe der Christen - und die Messe wird singen lassen unter diesem trockenen Baum. „

Dieser ausgetrocknete Baum, dürrem Felsgestein entspriessend, findet sich auf der letzten Platte der „Kunst des Töpfers“ („Die drei Bücher von der Kunst des Töpfers“, Paris 1861) abgebildet; aber man hat ihn mit Blättern und Früchten bedeckt dargestellt, mit einer Banderole, die die Devise trägt: „Sic in sterili“(Lat.: „So im unfruchtbaren (Zustand)“). Er ist es auch, den man auf die schöne Tür der Kathedrale von Limoges gemeisselt findet, ebenso wie in einem vierblättrigen Ornament der Grundmauer von Amiens. Es sind ebenfalls zwei Bruchstücke dieses verstümmelten Stammes, die ein steinerner Kleriker über der grossen, als Weihwasserbecken dienenden Schale in der bretonischen -Kirche von Guimiliau (Finistère) hochhebt. Schliesslich finden wir den trockenen Baum noch auf einer gewissen Anzahl weltlicher Gebäude des 15. Jahrhunderts wieder. In Avignon krönt er die korbbogenförmige Tür des alten Kollegs von Roure; in Cahors dient er als Einfassung für zwei Fenster (Haus Verdier in der rue des Boulevards), ebenso wie für eine kleine Tür, die zu dem in derselben Stadt gelegenen Kolleg Pellegri gehört (Abb. XI).

So sieht die Hieroglyphe aus, die von den Philosophen übernommen wurde, um die metallische Leblosigkeit („Inertie“) auszudrücken, d. h. den besonderen Zustand, den die menschliche Tätigkeit die desoxydierten („reduzierten“) Metalle annehmen lässt. Der hermetische Esoterismus weist in der Tat nach, dass die metallischen Körper lebendig und mit vegetativer Kraft ausgestattet bleiben, solange sie in ihren Lagern mineralisiert sind. Sie finden sich hier verbunden mit dem spezifischen Agens oder mineralischen Geist, der ihre Vitalität, Ernährung und Entwicklung sicherstellt, und zwar bis zu dem von der Natur geforderten Zeitpunkt, in dem sie dann das Aussehen und die Eigenschaften des gediegenen Silbers und Goldes annehmen. An diesem Ziel angelangt, trennt sich das Agens vom Körper, der aufhört zu leben, fest wird und nicht fähig zur Transformation. Würde er während mehrerer Jahrhunderte auf der Erde bleiben, so könnte er nicht aus sich heraus den Zustand ändern noch die Wesenszüge aufgeben, die das Metall vom mineralischen Aggregat unterscheiden.

Aber es wäre weit gefehlt, anzunehmen, dass sich alles so einfach im Inneren der metallhaltigen Lager abspielt. Den Wechselfällen dieser Übergangswelt unterworfen, haben sehr viele Erze ihre Entwicklung unterbrochen durch die Einwirkung tiefgründiger Ursachen - Erschöpfung der Nährgrundstoffe, Mangel an kristallenen Zufuhren, Unzulänglichkeit von Druck, Hitze etc. - oder äusserlicher, Ursachen – Risse, Zufluss von Wasser, Öffnung der Mine. Die Metalle verfestigen sich dann und bleiben mineralisiert mit ihren erworbenen Eigenschaften, ohne das Entwicklungsstadium, das sie erreicht haben, überschreiten zu können. Andere, jüngere, warten noch auf das Agens, das ihre Festigkeit und Konsistenz sicherstellen muss, behalten den flüssigen Zustand und sind ganz und gar ungerinnbar. Das ist der Fall beim Quecksilber, das man häufig im ursprünglichen Zustand findet oder durch den Schwefel (Zinnober) mineralisiert, sei es in der Grube auf Tagebau selbst, sei es ausserhalb seines Ursprungsortes.

In dieser ursprünglichen Form - und obwohl die metallurgische Bearbeitung nicht eingegriffen hat - sind die Metalle ebenso unempfindlich wie jene, deren Erze das Brennen und Schmelzen durchgemacht haben. Ein eigenes vitales Agens besitzen sie nicht mehr als diese. Die Weisen sagen uns, dass sie tot sind, zumindest dem Anschein nach, weil es uns unmöglich ist, uns in Form ihrer festen und kristallisierten Masse um das im Innersten ihres Seins verborgene („latente“), potentielle, versteckte Leben zu bemühen. Es sind die toten Bäume (obwohl sie noch einen Rest Feuchtigkeit enthalten), welche keine Blätter, Blüten, Früchte und vor allem keinen Samen mehr hervorbringen werden.

Mit gutem Recht versichern also gewisse Autoren, dass das Gold und das Quecksilber bei der Ausarbeitung des Werkes, im ganzen oder teilweise, nicht ‘konkurrieren’ (zusammenlaufen; auch: sich vereinigen)können. Das erste, sagen sie, weil sein eigenes Agens im Laufe seiner Vollendung von ihm getrennt worden ist, und das zweite, weil es hier niemals ein- (oder: zu-) geführt worden ist. Andere Philosophen behaupten gleichwohl, dass das Gold, obschon steril in seiner festen Form, seine verlorene Vitalität wiedererlangen und seine Entwicklung wiederaufnehmen kann, unter der Voraussetzung, dass man es „in seine Erstmaterie wiedereinsetzen“ kann; doch hier handelt es sich um eine zweideutige Auskunft, bei der man sich wohl hüten muss, sie im gewöhnlichen Sinn aufzufassen. Halten wir uns einen Augenblick bei diesem strittigen Punkt auf und verlieren wir keinesfalls die Möglichkeit der Natur aus den Augen: Das ist das einzige uns zur Verfügung stehende Mittel, unseren Weg in diesem winkligen Labyrinth zu erkennen.


 

 Abb. XI: CAHORS – COLLÉGE PELLEGRI – PORTE DU XVe SIÉCLE.

 L´Arbre sec.


 

Die meisten Hermetiker meinen, man müsse unter dem Ausdruck „Reinkrudation“ die Rückkehr des Metalls in seinen ursprünglichen Zustand verstehen; sie sind sich einig über die Bedeutung des Wortes selbst, welches die Aktion des „Roh-Machens“, des „Zurückversetzens“ ausdrücke. Diese Auffassung ist falsch. Es ist der Natur - und mehr noch der Kunst - unmöglich, die Wirkung einer säkularen (alle hundert Jahre eintretenden oder hundertjährigen) Arbeit zu zerstören. Was er- reicht ist, bleibt erreicht. Und das ist der Grund, weshalb die alten Meister versichern, dass es leichter ist, Gold zu machen, als es zu zerstören. Niemand wird sich jemals rühmen, dem gebratenen Fleisch und dem gekochten Gemüse das Aussehen und die Eigenschaften zurück- zugeben, die sie besassen, bevor sie der Wirkung des Feuers ausgesetzt wurden. Hier noch sind die Analogie und die Möglichkeit der Natur die besten und sichersten Leitlinien. Nun, nirgendwo in der Welt gibt es irgendein Beispiel für Regression.

Andere Forscher glauben, dass es genügt, das Metall in der ursprünglichen und quecksilberhaltigen Substanz zu baden, welche es durch langsames Reifen und zunehmendes Gerinnen (Koagulieren) hervorgebracht hat. Diese Folgerung ist eher trügerisch als wahrhaftig. Selbst unterstellt, dass sie diese Erstmaterie („primäre Materie“) kennten und wüssten, woher sie zu nehmen sei - was die grössten Meister nicht wissen -, so könnten sie schliesslich nur eine Vermehrung des verwendeten Goldes erhalten und nicht einen neuen Körper, dessen Kraft derjenigen des wertvollen Metalls überlegen wäre. Die so verstandene Operation lässt sich zusammenfassen als Mischung ein und desselben Körpers, die zwei verschiedenen Stufen seiner Entwicklung - die eine flüssig, die andere fest - entnommen ist. Mit ein wenig Nachdenken ist leicht zu verstehen, dass eine solche Unternehmung nicht zum Ziel führen kann. Sie steht übrigens im formalen Gegensatz zu dem philosophischen Axiom, das wir oft ausgesprochen haben: Die Körper haben keinerlei Wirkung auf die Körper; allein die Geister sind aktiv und wirksam.

Unter dem Ausdruck: „Das Gold in seine Erstmaterie wiedereinsetzen“ müssen wir also die Belebung des Metalls verstehen, verwirklicht durch den Gebrauch jenes vitalen Agens, von dem wir gesprochen haben. Es handelt sich um den Geist, der dem Körper während seines Auftretens auf dem physischen Plan entflohen ist; um die metallische Seele bzw. um diese Erstmaterie, die man gar nicht anders hat bezeichnen wollen und die ihren Wohnsitz im Schoss der unbefleckten Jungfrau genommen hat. Die Belebung (oder: Beseelung) des Goldes, symbolische Vitalisierung des trockenen Baumes oder Auferstehung des Toten, wird uns allegorisch durch den Text eines arabischen Autors gelehrt. Dieser Autor namens Kessaeus, der sich - sagt uns Brunet in seinen Bemerkungen über das „Evangelium der Kindheit“ - intensiv damit beschäftigt hat, die orientalischen Legenden hinsichtlich der von den Evangelien erzählten Ereignisse zu sammeln, berichtet die Umstände der Niederkunft Marias mit diesen Worten: „Als der Zeitpunkt ihrer Entbindung nahte, verliess sie mitten in der Nacht das Haus des Zacharias und begab sich auf den Weg aus Jerusalem hinaus. Und sie sah einen vertrockneten Palmbaum; und als Maria sich zu Füssen dieses Baumes gesetzt hatte, blühte er sogleich auf und bedeckte sich mit Blättern und mit Grün, und er trug einen grossen Überfluss an Früchten durch das Eingreifen der Kraft Gottes. Und Gott liess daneben eine Quelle mit lebendigem Wasser entspringen, und als die Geburtswehen Maria quälten, drückte sie den Palmbaum fest mit ihren Händen. „

Wir könnten es nicht besser sagen noch mit grösserer Klarheit sprechen.

 

 

V

Auf dem Mittelpfeiler der ersten Etage nimmt man eine für die Liebhaber des Symbolismus und die auf ihn Neugierigen recht interessante Gruppe wahr. Obwohl sie arg gelitten hat und sich heute beschädigt, rissig, durch die Unwetter zerfressen darbietet, kann man trotz allem noch ihr Thema erkennen. Es ist eine Person, die zwischen ihren Beinen einen Greif zusammendrückt, dessen mit Krallen versehene Füsse gut sichtbar sind, ebenso wie der Löwenschwanz, der das Hinterteil verlängert - Einzelheiten, die für sich allein genommen eine genaue Identifizierung erlauben. Mit der linken Hand greift der Mann das Monstrum an den Kopf und macht mit der rechten Anstalten, es zu schlagen (Abb. XII).

Wir erkennen in diesem Motiv eines der höheren Sinnbilder der Wissenschaft, dasjenige nämlich, das die Vorbereitung der Erstmaterien des Werkes abdeckt. Aber während der Kampf zwischen dem Drachen und dem Ritter den anfänglichen Zusammenstoss anzeigt, das Duell der minerlischen Produkte, die ihre bedrohte Integrität zu verteidigen trachten, bezeichnet der Greif das Resultat der Operation, übrigens verschleiert unter den Mythen verschiedener Ausdrucksformen, die aber sämtlich die Wesenszüge der Inkompatibilität, der natürlichen und tiefen Abneigung darstellen, welche die miteinander in Berührung gekommenen Substanzen gegeneinander haben.

Aus dem Kampf, den der Ritter bzw. der geheime Schwefel dem arsenigen Schwefel des alten Drachen liefert, geht der astrale (Stern-) Stein hervor, weiss, schwer, strahlend wie reines Silber; er erscheint signiert, das Siegel seines Adelstandes tragend, den Namensstempel (frz. „griffe“), esoterisch übersetzt durch den Greif („griffon“) - sicheres Indiz für die Eintracht und den Frieden zwischen dem Feuer und dem Wasser, zwischen der Luft und der Erde. Dennoch könnte man nicht hoffen, zu dieser würdevollen Haltung schon bei der ersten Verbindung zu gelangen. Denn unser schwarzer Stein, mit Fetzen bedeckt, ist mit soviel Unreinheiten besudelt, dass es sehr schwierig ist, ihn vollständig davon zu befreien. Aus diesem Grunde ist es wichtig, ihn mehreren ‘Levigationen’ (‘lévigation’= das Reduzieren, Desoxydieren einer Substanz in ein sehr feines Pulver) (welche die ‘Waschungen’ des Nicolas Flamel sind) auszusetzen, um ihn nach und nach von seinen Schmutzflecken zu säubern, von dem fremdartigen und zähen Schmutz, der ihn belästigt, und um ihn - bei jeder von ihnen (den ‘Levigationen’) - mehr Glanz, Politur und Schimmer annehmen zu sehen.

Die Eingeweihten wissen, dass unsere Wissenschaft, obgleich rein natürlich und einfach, keineswegs gewöhnlich („vulgär“) ist; für die Begriffe, derer wir uns bedienen - im Anschluss an die Meister -, gilt das nicht weniger. Man möge hier also gut acht geben, denn wir haben sie mit Bedacht gewählt, in der Absicht, den Weg zu zeigen, die Klüfte, die sich in ihn eingraben, in der Hoffnung zu bezeichnen, auf diese Weise die Lernbegierigen zu erleuchten, die Verblendeten, die Habsüchtigen und die Unwürdigen aber fernzuhalten. Lernen Sie, Sie, die schon wissen, dass all unsere Waschungen feurig sind, dass all unsere Reinigungen sich im Feuer, durch das Feuer und mit dem Feuer vollziehen. Aus diesem Grunde haben einige Autoren diese Operationen unter dem chemischen Titel von ‘Kalzinationen’ beschrieben, weil die Materie - lange der Wirkung der Flamme ausgesetzt - ihr ihre unreinen und „adustiblen“ (?) Teile an sie abgibt. Auch sollen Sie wissen, dass unser Felsgestein - verschleiert in der Figur des Drachen - zunächst eine dunkle, stinkende und vergiftete Woge, deren dichter und verflüchtigender („volatiler“) Dampf extrem giftig ist, ausfliessen lässt. Dieses Wasser, das den Raben zum Symbol hat, kann nur mit Hilfe des Feuers gewaschen und gebleicht werden. Und eben das geben uns die Philosophen zu verstehen, wenn sie in ihrem rätselvollen Stil dem Künstler empfehlen, ihm den Kopf abzuschneiden. Durch diese feurigen Waschungen gibt das Wasser seine schwarze Färbung auf und nimmt eine weisse Farbe an. Der enthauptete Rabe haucht die Seele aus und verliert seine Federn. Auf diese Weise, durch seine häufige und wiederholte Wirkung auf das Wasser, zwingt das Feuer dieses, seine Spezifischen Eigenschaften besser zu verteidigen, indem es aufgibt, was an ihm überflüssig ist. Das Wasser zieht sich zusammen, verengt sich, um dem tyrannischen Einfluss des Vulcanus (Feuergott) zu widerstehen; es ernährt sich vom Feuer, das seine reinen und homogenen Moleküle vereinigt („aggregiert“), und gerinnt („koaguliert sich“) schliesslich zu dichter körperlicher Masse, heiss bis zu dem Punkt, an dem die Flamme nicht mehr imstande ist, es weiter zu verherrlichen („exaltieren“).

Es gilt Ihnen, unbekannte Brüder der geheimnisvollen Sonnenstadt, dass wir den Plan entworfen haben, die verschiedenen und aufeinanderfolgen- den Weisen unserer Reinigungen zu lehren. Sie werden uns, dessen sind wir sicher, dafür dankbar sein, dass wir Sie auf diese Klippen, Riffe des hermetischen Meeres hingewiesen haben, an denen schon so viele un- erfahrene Argonauten Schiffbruch erlitten haben. Wenn Sie also den Greif - der unser Sternstein (astraler Stein) ist - besitzen möchten, indem Sie ihn von seinen arsenigen Schlacken befreien, so nehmen Sie zwei Teile von jungfräulichem Boden, unseren schuppigen Drachen, und einen Teil vom feurigen Agens, welches dieser tapfere, mit der Lanze und dem Schild bewaffnete Ritter ist. Ares (griech. Kriegsgott), stärker als Aries, muss in geringer Menge (dabei) sein. Zerstäuben Sie und fügen Sie den fünfzehnten Teil vom Ganzen dieses reinen, weissen, wunderbaren, mehrere Male gewaschenen und kristallisierten Salzes, das Sie notwendigerweise kennen müssen, hinzu. Mischen Sie innig; indem Sie sich das schmerzhafte Leiden Unseres Herrn als Beispiel nehmen, kreuzigen Sie dann mit drei Eisen- stiften, damit der Körper stirbt und daraufhin auferstehen kann. Nach- dem dies getan ist, stossen Sie die gröbsten Ablagerungen („Sedimente“) vom Kadaver aus; zerkleinern und zerreiben Sie die Gebeine; rühren Sie das Ganze auf mildem Feuer mit einer stählernen Stange um. Werfen Sie dann in diese Mischung die Hälfte des zweiten Salzes - dem Tau entzogen, der im Monat Mai die Erde fruchtbar macht -, und Sie werden einen helleren Körper als den vorausgehenden erhalten. Wiederholen Sie dasselbe Verfahren dreimal; Sie werden zur Grube (auf Tagebau) unseres Quecksilbers gelangen und die erste Stufe der Leiter der Weisen erklommen haben. Als Jesus am dritten Tag nach seinem Tode auferstand, besetzte ein leuchtender und in Weiss gekleideter Engel allein das leere Grab...

Aber wenn es genügt, die durch den Drachen dargestellte geheime Substanz zu kennen, um seinen Antagonisten zu entdecken, so ist es unerlässlich zu wissen, welches Mittel die Weisen mit dem Ziel benutzen, die masslose Heftigkeit der feindlichen Parteien zu begrenzen und zu mässigen. In Ermangelung des notwendigen Vermittlers - von dem wir niemals eine symbolische Interpretation gefunden haben - würde sich der unwissende Experimentierer schweren Gefahren aussetzen. Beängstigter Beobachter des Dramas, das er unvorsichtigerweise entfesselt hätte, könnte er weder dessen Phasen steuern noch die Raserei regulieren. Feuerspritzen, zuweilen sogar die heftige Explosion des Ofens wären die traurigen Folgen seiner Verwegenheit. Aus diesem Grunde bitten wir - unserer Verantwortung bewusst - diejenigen, die dieses geheime Wissen nicht besitzen, sich bis dahin zu enthalten. So werden sie dem betrüblichen Schicksal eines unglücklichen Priesters der Diözese Avignon entgehen, das die folgende Notiz kurz berichtet: „Der Abt Chapaty glaubte den Stein der Weisen gefunden zu haben, aber weil zu seinem Unglück der Schmelztiegel zerbrach, sprang das Metall gegen ihn, heftete sich auf seinem Gesicht, an seinen Armen und seinem Gewand fest; so lief er in die ‘Strassen der Krankenschwestern’, wälzte sich wie ein Besessener im Rinnstein und kam erbärmlich um, verbrannt wie ein Verdammter. 1706. „

Wenn Sie in dem Gefäss ein Geräusch vernehmen, das dem des siedenden Wassers entspricht - dumpfes Grollen der Erde, deren Schoss das Feuer zerreisst -, dann seien Sie bereit zu kämpfen und bewahren Sie ihre Kaltblütigkeit. Sie werden Rauchschwaden und blaue, grüne und violette Flammen bemerken, die eine Folge überstürzter Detonationen begleiten...

Wenn das Aufbrausen vorüber und die Ruhe wiederhergestellt ist, werden Sie ein grossartiges Schauspiel geniessen können. Auf einem Feuermeer bilden sich feste Inselchen, schwimmen obenauf, belebt von langsamen Bewegungen, nehmen eine Unendlichkeit lebendiger Farben an und geben sie wieder auf; ihre Oberfläche bläht sich auf, zerplatzt in der Mitte und macht sie winzigen Vulkanen ähnlich. Sie verschwinden dann, um hübschen grünen, durchscheinenden Kugeln Platz zu machen, die sich schnell um die eigene Achse drehen, rollen, zusammenstossen und sich zu jagen scheinen inmitten vielfarbiger Flammen, regenbogenfarbiger Reflexe des weissglühenden Bades.

Bei der Beschreibung der beschwerlichen und heiklen Vorbereitung unseres Steins haben wir es unterlassen, von dem wirksamen Beitrag zu sprechen, den gewisse äussere Einflüsse hier leisten müssen. In diesem Zusammenhang könnten wir uns damit begnügen, Nicolas Grosparmy, einen Adepten des 15. Jahrhunderts, von dem wir zu Beginn dieser Studie gesprochen haben, zu zitieren, dazu Cyliani, einen Philosophen des 19. Jahrhunderts, nicht zu vergessen Cyprian Piccolpassi, einen italienischen Töpfermeister, welche einen Teil ihrer Lehre der Prüfung dieser Bedingungen gewidmet haben; aber ihre Werke sind nicht zugänglich (verständlich) für alle. Wie dem auch sei: Um die berechtigte Neugier der Suchenden im Rahmen des Möglichen zu befriedigen, wollen wir sagen, dass ohne die absolute Übereinstimmung der höheren Elemente mit den niederen unsere der astralen Kräfte beraubte Materie von gar keinem Nutzen sein kann. ‘Der Körper, auf den wir hinauswollen, ist vor seiner Inangriffnahme mehr irdisch als himmlisch; die Kunst muss ihn, indem sie die Natur unterstützt, mehr himmlisch als irdisch machen. Die Kenntnis des geeigneten Augenblicks, der Zeiten, des Ortes, der Jahreszeit etc. ist also unerlässlich für uns, um den Erfolg dieses geheimen Erzeugnisses sicherzustellen. Lasst uns die Stunde vorhersehen können, in der die Gestirne am Himmel d. er Fixsterne die günstigste Erscheinung bilden. Denn sie werden sich widerspiegeln in diesem göttlichen Spiegel, der unser Stein ist. und werden dort ihren Eindruck hinterlassen. Und der irdische Stern, geheime Fackel unserer Nativität (gross geschrieben), wird das Probezeichen der glücklichen Vereinigung des Himmels und der Erde sein oder, wie Philalethus schreibt, der „Vereinigung der höheren ‘ Kräfte in den niederen (untergeordneten) Dingen“. Die Bestätigung dafür werden Sie erhalten, wenn Sie im Inneren des feurigen Wassers oder, dem typischen Ausdruck des Vinceslas Lavinius de Moravie folgend, dieses „irdischen Himmels“ die hermetische Sonne entdecken, zentrisch und strahlend, offenkundig, sichtbar und offenbar geworden.

Fangen Sie einen Sonnenstrahl, verdichten („kondensieren“) Sie ihn in einer stofflichen Form, nähren Sie dieses ‘korporifizierte’ geistige Feuer mit elementarem Feuer, und Sie werden den grössten Schatz dieser Welt besitzen.

Es ist nützlich zu wissen, dass der von dem Ritter - ob er sich St. Georg, St. Michael oder St. Marcel in der christlichen Tradition; Mars, Theseus, Iason, Herkules in der Sage nennt - gelieferte kurze, aber heftige Kampf erst mit dem Tod der beiden Kämpfer (hermetisch ausgedrückt: des Adlers und des Löwen) endet und mit ihrer Verbindung zu einem neuen Körper, dessen alchimistische Signatur der Greif ist. Rufen wir uns ins Gedächtnis, dass es in allen alten Sagen Asiens und Europas immer ein Drache ist, der verantwortlich ist für die Bewachung der Schätze. Er wacht über die Goldäpfel der Hesperiden und über das hängende Vlies Kolchids. Aus diesem Grunde muss man ganz notwendigerweise dieses aggressive Monstrum zum Schweigen bringen, wenn man sich danach der Reichtümer bemächtigen will, die es beschützt. Eine chinesische Sage erzählt von dem alchimistischen Gelehrten Hujumsin, der nach seinem Tode unter die Götter eingereiht wurde, dass dieser Mann einen schrecklichen Drachen, der das Land verwüstete, tötete und dieses Monstrum dann an einer Säule festband. Das ist genau das, was Iason im Wald von AEtes tut und Cyliani in seiner allegorischen Erzählung vom ‘entschleierten Hermes’. Die Wahrheit, sich immer selbst gleich, bringt sich mit Hilfe analoger Mittel und Fiktionen zum Ausdruck.

Die Kombination zweier Anfangsmaterien, die eine verflüchtigend, die andere fest, ergibt einen dritten - vermischten - Körper, der die erste Verfassung des Steins der Weisen bezeichnet. Das ist, wir haben es gesagt, der Greif, halb Adler und halb Löwe, ein Symbol, das demjenigen des Korbes von Bacchus und des Fisches der christlichen Ikonographie entspricht. Wir müssen in der Tat bemerken, dass der Greif anstelle einer Löwenmähne oder eines Feder-Halsschmucks einen Kamm aus Fischflossen trägt. Dieses Detail hat seine Bedeutung. Denn wenn es zweckmässig ist, den Zweikampf herauszufordern und das Gefecht zu beherrschen, so muss man noch das Mittel entdecken, mit dem man den reinen, wesentlichen Teil des neu geschaffenen Körpers einfängt, den einzigen, der uns nützlich ist, das heisst das Quecksilber der Weisen. Die Dichter erzählen uns, dass Vulcanus, als er Mars und Venus beim Ehebruch überraschte, sich beeilte, sie mit einem Garn (Fangnetz) oder mit einem Netz einzuschliessen, damit sie seiner Rache nicht ausweichen könnten. Desgleichen raten uns die Meister, auch ein ‘dünnes Netz“ oder ein ‘feines Garn’ zu gebrauchen, um das Produkt nach Massgabe seines Auftretens einzufangen. Der Künstler fängt, metaphorisch ausgedrückt, den mystischen Fisch und lässt das Wasser leer, regungslos, ohne Seele zurück: Bei dieser Operation scheint der Mensch also den Greif zu töten. Das ist die Szene, die unser Basrelief wiedergibt.

Wenn wir nachforschen, welche geheime Bedeutung dem griechischen Wort ‘gryps’ (Greif) anhängt, das als Wurzel ‘grypos’ hat, das heisst ‘den Schnabel gekrümmt haben’, so werden wir ein verwandtes Wort finden, nämlich ‘griphos’, dessen Assonanz unserem französischen Wort noch näher kommt. Nun drückt ‘griphos’ zugleich ein ‘Rätsel’ und ein ‘Netz’ aus. Man sieht auf diese Weise, dass das Fabeltier in seinem Bild und in seinem Namen das am undankbarsten zu entschlüsselnde hermetische Rätsel enthält, dasjenige des philosophalen Merkurs (oder: des Merkurs der Weisen), dessen tief im Körper verborgene Sub- stanz sich wie der Fisch im Wasser mit Hilfe eines geeigneten Netzes fangen lässt.

Basile Valentin, der sich gewöhnlich klarer ausdrückt, hat sich nicht des Symbols des christlichen ICHTHYS[13] bedient, das er lieber in dem kabbalistischen und mythologischen Namen Hyparions humanisiert hat. Auf diese Weise weist er auf diesen Ritter hin, indem er die drei Operationen des Grossen Werkes in einer rätselhaften Formel darstellt, welche drei knappe, folgendermassen ausgesprochene Sätze umfasst:

„Ich bin geboren aus Hermogenes. Hyperion hat mich erwählt. Ohne Jamsuph bin ich gezwungen umzukommen. „

Wir haben gesehen, wie und nach dem Ende welches Vorgangs der Greif entsteht, welcher Hermogenes oder der merkuriellen (quecksilberhaltigen) Erstsubstanz entstammt. Hyperion, griechisch ‘Hyperion’, ist der Vater der Sonne; er ist es, der ausserhalb des zweiten weissen Chaos - gebildet durch die Kunst und dargestellt durch den Greif - die Seele befreit, die er eingeschlossen hält, den Geist, das verborgene Feuer oder Licht, und sie (die Seele) über die Masse trägt, und zwar in Gestalt eines klaren und durchsichtigen Wassers: ‘Spiritus Domini ferebatur super aquas“ (lat.: ‘Der Geist des Herrn wird über die Wasser getragen’). Denn die vorbereitete Materie, welche alle zu unserem grossen Werk notwendigen Elemente enthält, ist nur eine fruchtbar gemachte Erde, in der noch einiger Wirrwarr herrscht; eine Substanz, die in sich das zerstreute Licht fasst, das die Kunst sammeln und absondern muss, indem sie den Schöpfer nachahmt. Diese Er- de, wir müssen sie abtöten und zersetzen, was darauf hinausläuft, den Greif zu töten und den Fisch zu fangen, das Feuer von der Erde zu trennen, das Feine vom Dicken, „behutsam, mit grosser Geschicklichkeit und Vorsicht“, entsprechend dem, was Hermes in seiner ‘Smaragdenen Tafel’ lehrt.

Das ist die chemische Rolle Hyperions. Sein Name selbst, gebildet aus ‘Hyp’, der Verkürzung von ‘Hypér’ (über), und aus ‘erion’ (Grabmal, Grabstätte), das ‘éra’ (Erde) als Wurzel hat, zeigt das an, was aus der Erde aufsteigt, über dem Grab der Materie. Wenn man es vorzieht, kann man die Etymologie wählen, nach der ‘Hyperion’ sich ableiten würde von ‘Hypér’ (über) und ‘ion’ (Veilchen). Zwischen beiden Sinnmöglichkeiten (Deutungsmöglichkeiten) liegt eine vollkommene hermetische Übereinstimmung; aber wir bringen diese Variante nur, um die Praktikanten unseres Standes zu erleuchten, indem wir darin dem Wort des Evangeliums folgen: „Gebt also gut acht, wie ihr hört, denn dem, der schon hat, wird man noch geben; und dem, der nichts hat, wird man selbst das wegnehmen, was er zu haben glaubt. „ (Matth. 25, 29-30. Luk. 8, 18 und 19, 26. Mark. A, 25)

 

 

 

VI

Oberhalb der Gruppe des Mannes mit dem Greif eingeschnitzt werden Sie einen mächtigen, fratzenhaften Kopf bemerken, der mit einem Spitzbart verziert ist. Seine Wangen, die Ohren, die Stirn sind so breit ausgezogen, dass sie den Anblick ausufernder Masse bieten. Diese flammende Maske mit dem wenig sympathischen Grinsen erscheint gekrönt und ausgestattet mit gehörnten, bebänderten Aufsätzen, die sich an die gedrehte Franse des Sims-Unterteils lehnen (Abb. XII). Mit seinen Hörnern und seiner Krone nimmt das Sonnensymbol die Bedeutung eines wahrhaftigen ‘Baphomet’ an, das heisst des synthetischen Bildes, auf dem die Eingeweihten des Tempels alle Elemente der hohen Wissenschaft und der Tradition gruppiert hatten. Wirklich eine komplexe Figur unter dem äusseren Schein von Einfachheit, eine sprechende Figur, trotz ihrer rohen und primitiven Ästhetik gross an Belehrung. Wenn man hier zunächst die mystische Verschmelzung der Naturen des Werkes, symbolisiert durch die auf den Sonnenkopf gesetzten Hörner der Mondsichel, wiederfindet, so ist man nicht weniger überrascht von dem fremden Ausdruck, Widerschein einer verzehrenden Glut, den dieses un- menschliche Gesicht, Gespenst des letzten (jüngsten) Gerichts, ent- wickelt. Nicht erst der Bart, Hieroglyphe des gegen die Erde geschleuderten Licht- und Feuerbündels, beweist, welch genaue Kenntnis unseres Schicksals der Gelehrte besass...

Haben wir hier die Wohnung irgendeines Mitgliedes der Sekten der Er- leuchteten oder der Rosenkreuzler, Abkömmlinge der alten Templer, vor uns? Die zyklische Theorie, gleichlaufend mit der Hermeslehre, ist hier so klar dargelegt, dass man nur aus Ignoranz oder Unredlichkeit die Gelehrsamkeit unseres Adepten in Zweifel ziehen könnte. Was uns angeht, so steht unsere Überzeugung fest; wir sind sicher, uns angesichts so vieler entschiedener Bestätigungen auf keinen Fall zu täuschen: Es handelt sich wirklich um einen ‘baphomet’ - erneuert aus demjenigen der Templer -, den wir hier vor den Augen haben. Dieses Bild, über das man nur unbestimmte Angaben oder einfache Hypothesen besitzt, war niemals ein Idol (Götzenbild), wie einige es geglaubt haben, sondern nur ein vollständiges Sinnbild der geheimen Überlieferungen des Ordens, das vor allem aussen verwendet wurde, als esoterisches Paradigma, Ritterschaftssiegel und Erkennungszeichen. Man reproduzierte es auf den Schmuckstücken ebenso wie auf dem Giebel der Kommandeurssitze und auf dem Giebelfeld ihrer Kapellen. Es setzte sich zusammen aus einem gleichschenkligen Dreieck mit nach unten gerichteter Spitze, Hieroglyphe des Wassers, des ersten geschaffenen Elementes nach Thaies von Milet, der behauptete, das „Gott“ dieser Geist ist, der alle Dinge aus dem Wasser gebildet hat“ (Cicero, ‘De Natura Deorum’ = ‘Über das Wesen der Götter’).


 

 Abb. XII: LISIEUX – MANOIR DE LA SALAMANDRE – XVIe SIÉCLE.

 Baphomet – Combat de l´Homme et du Griffon.


 

Ein zweites ihm ähnliches Dreieck, im Verhältnis zum ersten umgekehrt, aber kleiner, zeichnete sich in der Mitte ein und schien den Raum einzunehmen, welcher im menschlichen Gesicht der Nase vorbehalten ist. Es symbolisierte das Feuer, genauer: das im Wasser eingeschlossene Feuer oder den göttlichen Funken, die inkarnierte Seele, das in die Materie eingegossene Leben. Auf die umgekehrte Grundlinie des grossen Wasser-Dreiecks stützte sich ein graphisches Zeichen, das dem Buchstaben H der Lateiner oder dem ‚eta’ (H) der Griechen ähnlich war - allerdings mit grösserer Breite - und dessen zentraler Balken von einem mittleren (in der Mitte gelegenen oder geteilten?) Kreis geschnitten wurde. Dieses Zeichen bedeutet in hermetischer Steganographie (‘stegano-’ = ‘dicht) den universalen Geist, den Schöpfergeist, Gott. Im Inneren des grossen Dreiecks, wenig oberhalb und an jeder Seite des Feuer-Dreiecks, sah man links den Mondkreis mit eingeschriebener Sichel und rechts den Sonnenkreis mit sichtbarem Mittelpunkt. Diese kleinen Kreise fanden sich in der Art der Augen eingesetzt. Fest verbunden mit der Grundlinie des kleinen inneren Dreiecks, brachte schliesslich das auf die Erdkugel gestellte Kreuz die doppelte Hieroglyphe des Schwefels, des aktiven Prinzips, vereinigt mit dem Quecksilber, dem passiven Prinzip und Lösungsmittel aller Metalle, zur Geltung. Häufig grub sich ein mehr oder weniger langes, an die Spitze des Dreiecks gesetztes Segment mit Linien vertikaler Richtung ein; hierin erkannte der Laie keineswegs den Ausdruck der Lichtstrahlung, sondern eine Art Spitzbart.

Auf diese Weise dargestellt, bietet der ‘baphomet’ eine grobe tierische, unbestimmte Gestalt von schwieriger Identifizierung dar. Das ist es, was ohne Zweifel die Mannigfaltigkeit der Beschreibungen erklären würde, die von ihm vorgenommen worden sind und in denen man den ‘baphomet’ als einen mit einem Heiligenschein umgebenen Totenkopf sieht oder als einen Ochsenschädel, zuweilen als einen Ziegenbock-Kopf des ägyptischen (Gottes) Hapi (oder Apis) und, besser noch, als das grauenerregende Gesicht des Satan in Person! Einfache Eindrücke, weit entfernt von der Wirklichkeit, aber so wenig orthodoxe Bilder, dass sie - ach! - dazu beigetragen haben, über die gelehrten Ritter des Tempels die Anklage der Dämonologie und der Hexerei zu vergiessen, aus der man eine der Grundlagen ihres Prozesses, eines der Motive ihrer Verdammung gemacht hat.

Wir haben eben gesehen, was der ‘baphomet’ war; jetzt müssen wir versuchen, den hinter dieser Bezeichnung verborgenen Sinn freizulegen. In dem reinen hermetischen, der Arbeit des Werkes entsprechenden Ausdruck kommt ‘Baphomet’ aus den griechischen Wurzeln ‘Bapheus’ („Färber“) und ‘més’, gesetzt für ‘mén’ („der Mond“); sofern man sich nicht an ‘méter’, Genitiv ‘metros’, („Mutter oder Gebärmutter“) halten will, was auf den gleichen Sinn von Mond hinausläuft, da der Mond wahrhaftig die merkurielle (Quecksilber-) Mutter oder Gebärmutter ist, die den Farbstoff oder Samen des Schwefels empfängt, welcher in der metallischen Erzeugung das Männliche, den Färber - ’Baphéus’ -, repräsentiert. ‘Baphé’ hat die Bedeutung von „Eintauchen“ und zugleich von „Färben“. Und man kann sagen, ohne zu sehr auszuschweifen (das geheime Wissen unter die Leute zu bringen), dass der Schwefel, der Vater und Färber des Steins, den quecksilbrigen Mond durch Eintauchen befruchtet, was uns zur symbolischen Taufe von Mete zurückführt, die noch durch das Wort ‘baphomet’[14] ausgedrückt wird. Dieser erscheint also ganz als die vollständige Hieroglyphe der Wissenschaft, sonst dargestellt in der Person des Gottes Pan, des mythischen Bildes der Natur in voller Aktivität.

Das lateinische Wort ‘Bapheus’ (Färber) und das Verb ‘meto’ (pflücken, ernten, abernten) weisen ebenfalls auf diese besondere Fähigkeit hin, die das Quecksilber oder der Mond der Weisen besitzt, nämlich nach Massgabe seiner Aussendung - und das während des Eintauchens oder des Bades des Königs - den Farbstoff aufzufangen, den er aufgibt (abtritt) und den die Mutter während der erforderlichen Zeit in ihrem Schoss bewahrt. Eben das ist der Gral, der den eucharistischen Wein enthält, Flüssigkeit von geistigem Feuer, vegetative, lebendige und belebende Flüssigkeit, welche in die materiellen Dinge eingeführt wird.

Was den Ursprung des Ordens, seine Abkunft, die Kenntnisse und Anschauungen der Templer angeht, so können wir nichts Besseres tun, als einen Abschnitt der Studie wörtlich zu zitieren, die der gelehrte Philosoph Pierre Dujols den ritterlichen Ordensbrüdern in seiner „Allgemeinen Bibliographie der Okkulten Wissenschaften“ widmet (aus Anlass des „Wörterbuchs der Historischen Kontroversen“, Paris 1866).

„Die Brüder des Tempels“, sagt der Autor, „ - man könnte das nicht mehr verneinen - waren wirklich dem Manichäismus angegliedert. Überdies deckt sich die These des Barons von Hammer mit dieser Auffassung. Für ihn sind die Anhänger Mardecks (gemeint ist der babylonische Gott Marduk), die Ismaeliten, die Albigenser, die Templer, die Freimaurer, die Erleuchteten abhängig von derselben geheimen Tradition, die ausgegangen ist von jenem ‘Haus der Weisheit’ (Dar-el-hickmet), welches um das 11. Jahrhundert von Hakem in Kairo gegründet worden war. Der deutsche Akademiker Nicolai folgert in einem entsprechenden Sinn und fügt hinzu, dass der berühmte ‘baphomet’, den er vom griechischen ‘Baphometos’ ableitet, ein pythagoreisches Symbol war. Wir wollen uns gar nicht bei den divergierenden Meinungen von Anton, Herder, Munter etc. aufhalten, aber für einen Augenblick bei der Etymologie des Wortes ‘baphomet’ haltmachen. Der Gedanke Nicolais ist annehmbar, wenn man mit Hammer diese leichte Variante zugesteht: ‘Baphé Méteos’, was man übersetzen könnte mit ‘Taufe Metes’. Gerade hat man einen Ritus dieses Namens bei den Ophiten festgestellt. In der Tat war Mete eine androgyne (doppelgeschlechtige) Gottheit, die die ‘Nature naturante’ (‘naturierende Natur’) darstellte. Proclus sagt wörtlich, dass Metis, auch ‘Erikarpaios’ oder ‘Natura germinans’ (‘sprossende Natur’) genannt, der hermaphroditische Gott der Schlangenanbeter war. Man weiss auch, dass die Hellenen mit dem Wort ‘Métis’ die als Gattin Jupiters verehrte Klugheit be- zeichneten. Kurz und gut, diese philologische Diskussion erhärtet in unbezweifelbarer Weise, dass der Baphomet der heidnische Ausdruck für Pan war. Nun, wie die Templer hatten die Ophiten zwei Taufen: die eine war die Wasser- oder exoterische Taufe; die andere, die esoterische, die des Geistes oder des Feuers. Letztere wurde die ‘Taufe Metes“ genannt. Der hl. Justin und der hl. Irenäus nannten sie die ‘Erleuchtung’. Sie ist die ‘Taufe des Lichts’ der Freimaurer. Diese Reinigung - das Wort ist hier wirklich zur Sache gehörig - findet sich auf einem der gnostischen Götzenbilder (Idole), die Herr von Hammer entdeckt hat und von denen er eine Skizze angefertigt hat. Es hält in seinem Schoss - achten Sie gut auf die Gebärde: er spricht - ein mit Feuer gefülltes Becken. Diese Tatsache, die dem teutonischen Gelehrten und mit ihm allen Symbolisten hätte auffallen müssen, scheint ihnen nichts gesagt zu haben. Indessen nimmt der berühmte Gral-Mythos seinen Ausgang gerade von dieser Allegorie. Mit Recht handelt der gelehrte Baron ausgiebig dieses geheimnisvolle Gefäss ab, dessen genaue Bedeutung man noch immer sucht. Jedermann weiss, dass in der alten germanischen Sage Titurel dem Heiligen Gral in Montsalvat einen Tempel errichtet und dessen Bewachung zwölf Tempelrittern anvertraut. Herr von Hammer möchte hier das Symbol der gnostischen Weisheit sehen, eine sehr vage Folgerung nach so langem Brennen. Man möge uns verzeihen, wenn wir es wagen, einen anderen Gesichtspunkt (oder: Standpunkt) vorzuschlagen. Der Gral - wer zweifelt heute daran? - ist das höchste Mysterium der mystischen Ritterschaft und des Freimaurertums, das daraus ‘degeneriert’; er ist der Schleier des Schöpferfeuers, der Deus absconditus (lat.: der geheime, verborgene Gott) in dem Wort INRI, das oberhalb des Kopfes Jesu am Kreuz eingeritzt war. Wenn Titurel also seinen mystischen Tempel erbaut, so geschieht das, um hier das geweihte Feuer der Vestalinnen, der Mazdaener (antike iranische Religion) und sogar der Hebräer anzuzünden, denn die Juden unterhielten ein ewiges Feuer im Tempel von Jerusalem. Die zwölf Kustoden erinnern an die zwölf Zeichen des Zodiakus (Tierkreises), welche die Sonne, Urbild des lebendigen Feuers, jährlich durchläuft. Das Gefäss des Idols des Baron von Hammer ist identisch mit dem pyrogenen (feuererzeugenden) Gefäss der Parsen (Altperser), das man voller Flammen darstellt. Auch die Ägypter besassen dieses Kennzeichen: Serapis wird häufig mit demselben Objekt auf ihrem Kopf abgebildet, an den Rändern des Nil ‘Gardal’ genannt. In diesem ‘Gardal’ bewahrten die Priester das materielle Feuer, wie die Priesterinnen hier das himmlische Feuer Phtahs aufbewahrten. Für die Eingeweihten der Isis war der ‘Gardal’ die Hieroglyphe des göttlichen Feuers. Nun, dieser Feuergott, dieser Liebesgott inkarniert sich fortwährend (ewig) in jedem Wesen, da im Universum alles seinen vitalen Funken hat. Es ist das seit dem Anfang der Welt geopferte Lamm, das die katholische Kirche ihren Gläubigen unter der Gestalt der in das Hostiengefäss eingeschlossenen Eucharistie als das Liebessakrament anbietet. Das Hostiengefäss - ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt! - repräsentiert ebenso wie der Gral und die geweihten Trinkschalen aller Religionen das weibliche Organ der Zeugung und entspricht dem kosmogonischen (die Weltentstehung betreffenden) Gefäss Platons, dem Becher Hermes und Salomons, der Urne der alten Mysterien. Der ‘Gardal’ der Ägypter ist also der Schlüssel zum ‘Gral’. Das ist, kurz gesagt, dasselbe Wort. Tatsächlich ist, von Verzerrung zu Verzerrung, aus ‘Gardal’ ‘Gradal’ geworden, dann - mit einer Art Aspiration (Hauchen)- ‘Gral’ (im Französischen ‘Graal’). Das Blut, das in dem heiligen Kelch brodelt, ist die feurige Fermentation des Lebens oder der Zeugungsmischung. Wir könnten die Verblendung jener nur bedauern, die sich darauf versteiften, in diesem Symbol - seiner Schleier bis zur Nacktheit beraubt - nur eine Entweihung des Göttlichen zu sehen. Das Brot und der Wein des mystischen Opfers, das ist der Geist bzw. das Feuer in der Materie; durch ihre Vereinigung bringen sie das Leben hervor, Da liegt 4er Grund, weshalb die Evangelien genannten christlichen Einführungshandbücher Christus allegorisch sagen lassen: ‘Ich bin das Leben; ich bin das lebendige Brot: ich bin gekommen, das Feuer an die Dinge zu legen’ und es einhüllen in das sanfte exoterische Zeichen des Nahrungsmittels schlechthin.

 

VII

Bevor wir das hübsche Herrenhaus des Salamanders verlassen, wollen wir noch auf einige in der ersten Etage befindliche Motive hinweisen, die, ohne soviel Interesse zu beanspruchen wie die vorhergehenden, doch nicht frei von symbolischem Wert sind.

Zur Rechten des Pfeilers, der das Bild des Holzfällers trägt, sehen wir zwei miteinander verbundene Fenster, das eine blind, das andere gläsern. In der Mitte der klammerverzierten Bögen erkennt man auf dem ersten (Fenster) eine heraldische Lilienblume (‘fleur de lys’)[15], das Sinnbild der Souveränität der Wissenschaft, welches später zum Attribut des Königtums wird. Das Zeichen des Adeptats (der Gesamtheit der eingeweihten Alchimisten) und des erhabenen Wissens verlor, in- dem es zur Zeit der Entstehung der Heraldik in den königlichen Wappen figurierte, keineswegs die hohe Bedeutung, die es trug, und diente seitdem immer dazu, die Überlegenheit, das Übergewicht, den Wert und die Würde, die man erworben hatte, zu bezeichnen. Aus diesem Grund erhielt die Hauptstadt des Königreichs die Erlaubnis, zum silbernen Gefäss (oder: Schiff) auf dem Feld der Mündungen ihrer Waffen drei hauptsächlich auf azurblauen Grund gesetzte Lilienblumen hinzuzufügen. Wir finden übrigens die Bedeutung dieses Symbols deutlich erklärt in den Annalen von Nangis: „Die Könige von Frankreich pflegten an ihren Waffen die Lilienblume zu tragen, gezeichnet durch drei Blätter, so als ob sie jedermann andeuten sollten: Glaube, Weisheit und Ritterlichkeit sind, durch die Vorsorge und die Gnade Gottes, in unserem Königreich reichlicher vorhanden als in allen anderen. Die beiden Blätter der Lilienblume, die ‘oeles’ (?) sind, bedeuten Verstand und Ritterlichkeit, welche Glauben behüten.“

Auf dem zweiten Fenster reizt ein pausbäckiger, runder und mondgesichtiger Kopf, von einem Phallus gekrönt, die Neugierde an. Wir entdecken hier die sehr ausdrucksvolle Angabe der beiden Prinzipien, deren Verbindung die philosophale Materie erzeugt. Diese Hieroglyphe des Agens und des Patienten, des Schwefels und des Quecksilbers, der Sonne und des Mondes - der philosophischen Eltern des Steins - ist aussagekräftig genug, um uns eine Erklärung zu erlassen.

Zwischen den Fenstern trägt das mittlere Säulchen anstelle des Kapitells eine Urne, die derjenigen ähnlich ist, welche wir beim Studium der Motive der Eingangstür beschrieben haben. Wir brauchen also die bereits gelieferte Interpretation nicht zu wiederholen. Auf dem gegenüberstehenden Säulchen, in einer Verlängerung nach rechts, ist eine kleine Engelfigur mit bändergeschmückter Stirn befestigt, die Hände gefaltet in der Haltung des Gebets. Etwas weiter tragen zwei wie die vorhergehenden miteinander verbundenen Fenster oberhalb des Fenstersturzes das Bild zweier Schilde auf mit drei Blumen geschmücktem Grund, die das Sinnbild der drei Wiederholungen jedes Werkes sind, auf welche wir im Laufe dieser Analyse häufig und ausführlich Bezug genommen haben. Die Figuren, die den Platz der Kapitelle auf den drei Säulen der Fensterreihe einnehmen, stellen jeweils dar, und zwar von links nach rechts: 1) einen Menschenkopf, in dem wir den Alchimisten selbst vermuten, dessen Blick sich auf die Gruppe mit der den Greif reitenden Person richtet; 2) ein Engelchen, das gegen seine Brust einen viergeteilten Schild drückt, bei dem uns die Entfernung und das nur schwach ausgeprägte Relief an einer detaillierten Beschreibung hindern; 3) schliesslich stellt ein zweiter Engel das geöffnete Buch aus, Hieroglyphe der Materie des Werkes, die dazu vorbereitet und fähig ist, den in ihr enthaltenen Geist offenbar zu machen. Die Weisen haben ihre Materie ‘Liber’ (lat.: Buch) genannt, weil ihre kristallene und lamellenartige Textur aus wie die Seiten eines Buches übereinanderliegenden Blättchen gebildet wird.

An letzter Stelle - in die Masse des äussersten Pfeilers geschnitten - stützt eine Art Herkules, vollständig nackt, mit Mühe die mächtige Masse eines entflammten Sonnenbaphomets. Von allen auf die Fassade geschnitzten Gegenständen ist er der gröbste, seine Ausführung die unglücklichste. Obwohl er aus derselben Epoche stammt, scheint es sicher zu sein, dass dieser untersetzte, missgestaltete kleine Mann mit aufgeblähtem Bauch, mit unverhältnismässigen Geschlechtsorganen von irgendeinem ungeschickten und zweitrangigen Künstler grob bearbeitet sein muss. Mit Ausnahme des Gesichts, von unbeteiligter Physiognomie, scheint an dieser ungefälligen Säulenfigur alles nach Belieben „hingehauen“ zu sein. Diese Figur tritt eine nach innen gebogene Masse, mit zahlreichen Zähnen besetzt wie das Maul eines Walfischs, mit den Füssen. So könnte unser Herkules den Jonas darstellen wollen, diesen kleinen, auf geretteten Propheten, nachdem er drei Tage im Bauch eines Wals verbracht hatte. Für uns ist Jonas das geweihte Bild des grünen Löwen der Weisen, welcher drei philosophische Tage in der Muttersubstanz eingeschlossen bleibt, bevor er durch Sublimierung aufsteigt und auf den Wassern erscheint.


 


[1] Nicolas de Grosparmy beschliesst den ‘Abriss der Theorie’, indem er das genaue Datum der Vollendung dieses Werkes angibt: „welches“, sagt er, „ich zusammengetragen und habe schreiben lassen, und welches fertiggeworden ist am 29. Dezember des Jahres tausendvierhundertneunundvierzig. „

[2] Handschriftliche Werke von Grosparmy, Valois und Vicot... Zweites Buch von Pierre de Vitecoq, Priester: „Euch, edler und heldenhafter Ritter, gebe ich weiter und vertraue Euren Händen an das grösste Geheimnis, das jemals von einem Lebenden wahrgenommen wurde... „.. - „Récapitulation“ von Pierre Vicot, mit einem Vorwort, gerichtet an den „Edlen und frommen Ritter“, Sohn von Nicolas Valois.

[3] 2 weiteres Manuskript-Zitat: „Es folgt die Zusammenfassung von Me Pierre Vicot, Priester... über die vorangehenden Schriften, die er verfasst hat, um den Sohn des Herrn Le Vallois in dieser Wissenschaft zu unterweisen, nach dem Tod des besagten Le Vallois, seines Vaters. „

[4] 1 Eine Inschrift, in die schöne südländische Fassade gemeisselt, die den Hintergrund des Hofes bildet, trägt die Jahreszahl 1535.

[5] Dieses Wort Gottes, welches das „Verbum demissum“ (lat.: das leise oder demütige Wort) des Trevisan und das „Verlorene Wort“ der mittelalterlichen Freimaurer ist, bezeichnet das materielle Geheimnis des Werkes (grossgeschrieben), dessen Enthüllung die Gabe Gottes bildet und über dessen Wesen, gewöhnlichen Namen und Gebrauch alle Philosophen ein undurchdringliches Schweigen bewahren. Es ist also offensichtlich, dass das die Inschrift begleitende Basrelief Bezug haben musste zum Stoff der Weisen und wahrscheinlich auch zu der Art und Weise, ihn zu bearbeiten. So tritt man in das Werk - ebenso wie in den Herrschaftssitz von Escoville - durch die symbolische Tür des Grossen Rosses ein.

[6] 1 Häufig sind an den Wohnungen von Alchimisten unter anderen hermetischen Sinnbildern Musiker oder Musikinstrumente anzutreffen. Bei den Hermes-Jüngern wurde die alchimistische Wissenschaft - im Verlaufe des Buches werden wir sagen, weshalb - die Kunst der Musik genannt.

[7] Offenbarung Kap. 10, V. 1-4; 8, 9. - Dieses sehr lehrreiche Gleichnis findet sich mit einigen Abweichungen, die den hermetischen Sinn präzisieren, in der ‘Vision, die Ben Adam beim Grübeln überkam, zur Zeit der Herrschaft des Königs von Adama, welche (Vision) ans Licht gebracht wurde durch Floretus in Bethabor’.... Hier der uns interessierende Abschnitt des Textes:

„Und ich hörte... eine Stimme vom Himmel, die zu mir sprach und sagte:

Geh und nimm dieses geöffnete Büchlein aus der Hand dieses Engels, der auf dem Meer und auf der Erde steht. - Und ich ging auf den Engel zu und sägte ihm: Übergib mir dieses Büchlein. - Und ich nahm dieses Büchlein aus der Hand des Engels, und ich gab es ihm, damit er es verschlinge. Und als er es gegessen hatte, bekam er so starke Bauchschmerzen, dass er davon schwarz wie Kohle wurde; und als er in dieser Schwärze war, schien die Sonne hell wie am heissesten Mittag, und daher wandelte sich seine Gestalt in einen weissen Marmor; bis schliesslich die Sonne am höchsten stand, wurde er ganz rot wie Feuer... Und dann entschwand das alles...

Und von der Stelle, an der der Engel sprach, erhob sich eine Hand, die ein Glas hielt, in welchem sich ein Pulver von rosaroter Farbe zu befinden schien... Und ich hörte ein grosses Echo sprechen:

Folge der Natur, folge der Natur!“

[8] 1 „Man nennt Francois I. den ‘Vater der Literatur’, und dies wegen einiger Gunsterweisungen, die er drei oder vier Schriftstellern gewährte; aber vergisst man, dass dieser ‘Vater der Literatur’ im Jahre 1535 königliche Patente erliess, durch die er den Buchdruck bei Strafe des Strickes untersagte; dass, nachdem er den Druck geächtet hatte, er eine Zensur errichtete, um die Veröffentlichung und den Verkauf der früher gedruckten Bücher zu verhindern; dass er der Sorbonne das Recht der Gewissensinquisition zusprach; dass gemäss dem königlichen Edikt der Besitz eines alten Buches, das von der Sorbonne verdammt und geächtet wurde, die Besitzer der Todesstrafe aussetzte, wenn dieses Buch in ihrem Heim gefunden wurde, welches die Häscher der Sorbonne durchsuchen durften; dass er sich während seiner gesamten Herrschaft als unerbittlicher Feind der Unabhängigkeit des Geistes und des Fortschritts der Aufklärung erwies, ebenso als fanatischer Schutzherr der ungestümsten Theologen und der scholastischen Ungereimtheiten, die dem wahren Geist der christlichen Religion am meisten entgegengesetzt sind?... Welche Ermutigung für die Wissenschaften und die schöne Literatur! Man kann in Francois I. nur einen glänzenden Irren sehen, der zum Unglück und zur Schmach Frankreichs wurde. „

Abbe de Montgaillard, ‘Geschichte Frankreichs’ (1827).

[9] 3 In der lat. Handschrift 5614 der Nationalbibliothek, die aus Traktaten alter Philosophen zusammengesetzt ist, trägt das dritte Werk den Titel: „Wie man das beste rote Wachs macht“ (lat.).

[10] Indem man ein Liter Meereswasser verdampft, die erhaltenen Kristalle bis zur vollständigen Austrocknung erhitzt und sie in einer Porzellankapsel der Kalzination aussetzt, nimmt man eindeutig den charakteristischen Geruch des Jods wahr.

[11] Das ist der charakteristische Geruch des Ammoniak-Karbamats.

[12] Wir setzen ihn mit der „Eiche von Mamre“ gleich oder, hermetischer, der „verstümmelten“ Eiche („von Mamre“ und „verstümmelt“ lautet im Französischen gleich).

[13] Der griechische Name für ‘Fisch’ setzt sich aus den aneinandergereihten Anfangsbuchstaben der Wörter dieses Satzes zusammen: ‘Iesus Christos Theu Hyios Sotér’, das bedeutet ‘Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter’. Man sieht das Wort Ichthys (Fisch) in die römischen Katakomben eingeritzt; es erscheint auch auf dem Mosaik von St. Apollinarius in Ravenna, auf die Spitze eines sternenbesäten Kreuzes gesetzt, das auf den lateinischen Wörtern SALUS MUNDI (HEIL DER WELT) errichtet ist und an den Enden seiner Arme die Buchstaben Alpha und Omega hat.

[14] Der Baphomet bot manchmal, haben wir gesagt, die Eigenart und das Äussere der Ochsenschädel dar. Auf diese Weise dargestellt, stimmt er mit der Wassernatur überein, die in Neptun, der grössten Meeresgottheit des Olymp, Gestalt annimmt. ‘Poseidon“ wird tatsächlich unter dem Bild des Ochsen, des Stiers oder der Kuh verschleiert, welche Mondsymbole sind. Der griechische Name Neptuns leitet sich ab von ‘Bus’, Genitiv ‘Boos’, („Ochse, Stier“) und von eidos’, ‘eidolon’ („Bild“, „Phantom“ oder „Trugbild“).

[15] Wir belassen der ‘lys’- (Lilien-) Blume ihre alte Orthographie, um den Unterschied im Ausdruck deutlich zu machen, der zwischen diesem heraldischen Sinnbild - das als Irisblume (Schwertlilie) gezeichnet ist - und der natürlichen ‘lis’- (Lilien-) Blume besteht, welche man der Jungfrau Maria als Attribut zuschreibt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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7. Kapitel - Alchimie und SpagyrikInhaltsverzeichnis9. Kapitel - Der alchemische Mythos von Adam und Eva

 

 


© Frater Eidolon letzte Änderung 03.11.05. Eidolons Alchemie ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.

Für Heilsversprechungen, Erlösungstrips und Egowahn konsultieren Sie bitte einen Arzt oder Apotheker, ...oder treten Sie einer Sekte bei!