Netzach - Sieg

 

Emotionen - das Prisma

 

Wer andere erkennt, ist gelehrt.

Wer sich selbst erkennt, ist weise.

Wer andere besiegt, hat Muskelkräfte.

Wer sich selbst besiegt, ist stark.

Wer zufrieden ist, ist reich.

Wer seine Mitte nicht verliert, der dauert.

Laotse

 

 

etzach, die siebte Sephirah des Gefühls und der Kreativität, heisst unter anderem auch die "okkulte Intelligenz". Okkult bedeutet verborgen, geheim oder mysteriös. 

 

Wie der Populär-Okkultismus mit all seinem esoterischen Klimbim selbst, ist auch die Sephirah Netzach von vielem "Blendwerk" und vielen Möglichkeiten zu Missverständnissen umgeben. 

 

Nehmen wir zum Beispiel die Pendler-Gilde, all diese komischen Käutze, die mit ihren unbewussten Muskelreflexen ihre Arbeitsinstrumente dahingehend bearbeiten bis das unbewusst-gewünschte Resultat eintritt. Merkwürdigerweise schlägt das Pendel und die Rute in Kirchen immer genau über dem Altar aus oder bei keltischen "Kraftplätzen" an Menhiren und Steinkreisen, oder torkelt wie wild über Bachblütenwässerchen und anderen bunt gefärbten Flüssigkeiten, die ja besonders Heilkräftig sein müssen!

 

Überraschend? Nö, ehrlich gesagt irgendwie ganz logisch, oder?

 

Nun, dass die die Handhabung des Pendels, der Rute, des Ouija-Brettes und andere angeblich okkulte Praktiken unbewussten Muskelreflexen resultiert wurde schon mehrfach in neurologischen Experimenten bewiesen (Carpenter-Effekt).

Und auch dem immer wieder vorgebrachtem "Beweis", dass ein Rutengänger auf einem freien Feld mit grosser Treffsicherheit eine Wasserader aufzufinden vermag, haftet übrigens überhaupt nichts Ungewöhnliches an. Wasseradern (unterirdische Flüsse) sind in der Geologie ein sehr seltenes Phänomen, sie treten nur in Schotterböden und im verkarsteten Gebirge auf. Das Grundwasser breitet sich in Deutschland und auch in der Schweiz grossflächig-flächig aus und nicht in abgegrenzten Wasseradern. Es existieren KEINE Wasseradern, ausserhalb den oben genannten sehr wenigen Ausnahmen.

Aus diesem Grunde findet ein Wünschelrutengänger auch immer Wasser, wenn er nur genug weit hinunter bohrt. Dass der Wünschelrutengänger mehr oder weniger genau die Tiefe abschätzen kann, resultiert wohl auf seiner langjährigen Erfahrung oder holt sich die Information aus einem geologischen Fachbuch.

 

Doch wer interessiert das schon?! Esoteriker ganz bestimmt nicht!

 

Es ist halt nun mal spannender an die geheimnisvollen Kräfte der Erdstrahlen zu glauben, als an unbewusste Muskelreflexe, romantischer zu behaupten, dass die mystischen Kräfte des Mondes das Leben des Menschen und Pflanzen beeinflussen, obwohl alle Statistiken und seriöse wissenschaftlichen Untersuchungen schon seit langem das Gegenteil beweisen und reizvoller von unglaublich zufälligen Begegnungen mit Bekannten und Verwandten zu faseln, die bestimmt keine Zufälle sein können (Telepathie, oder was?), als sich mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen auseinanderzusetzen!

 

Dass aussergewöhnliche Behauptungen auch aussergewöhnliche Beweise verlangen mag überall zutreffen, aber nur nicht in der Esoterik, da reichen einige unscharfe Photos und abenteuerliche Behauptungen eines Bekannten meiner Schwester, der jemanden kennt, dessen Vater mit jemandem gesprochen hat, dem das WIRKLICH passiert ist!

 

Von der Netzach-Sphäre gehen alle Inspirationen aus, welche nicht nur dem Künstler und der Künstlerin zuteil werden, sondern jedem schöpferisch tätigen Menschen. 

In der Sephirah Netzach befinden sich Kraft und Form im Gleichgewicht. (Die Form hat hier allerdings noch nicht ihre mentale Konkretisierung erfahren, die ein wesentlicher Aspekt der Sephirah Hod ist.) Die Gewahrwerdung des vollkommenen Gleichgewichtes ruft die Erfahrung der "Vision der triumphierenden Schönheit" hervor. Dieses Erleben äussert sich beispielsweise in Freude, Erfüllt sein, Entzücken oder Ekstase.

Die Tendenz, dieses vollkommene Gleichgewicht zu erreichen, zeigt sich nicht nur im grossen Kunstwerk, sondern auch in der Schönheit gut entworfener Maschinen, Werkzeuge, wissenschaftlicher Instrumente etc., denn die Durchführung vollkommener Präzision gibt der Form Schönheit. 

Dieses Prinzip finden wir z.B. bestätigt, wenn wir die formschöne Linienführung und die Leistungsfähigkeit moderner Düsenmaschinen mit dem schwerfälligen Aussehen und der schwachen Leistung der ersten Flugzeuge vergleichen. (Ein Fan von Oltimer-Flugzeugen würde das natürlich ganz anders sehen und dies vehement bestreiten und das ist auch gut so!) 

Auch die Werke Leonardo da Vinci's bestätigen, dass die Kunst und geniale wissenschaftliche Erfindungen in verwandtschaftlicher Beziehung stehen und sich nicht widersprechen müssen. Beide haben ihren Ursprung im "strahlenden Glanz", der kreativen Vorstellungskraft von Netzach. 

 

Netzachs Name "Sieg" ist im Sinne von "Vollendung" zu verstehen.

Es besteht eine Vorbindung zwischen der siebten Sephirah Netzach und dem siebten Schöpfungstag der Genesis: 

 

"So wurden denn der Himmel und die Erde und alle ihre Gestirne vollendet.

Gott vollendete sein Werk, das er geschaffen hatte am siebenten Tage.

Am siebenten Tage ruhte er von all seiner Arbeit, die er getan hatte.

Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn,

denn an ihm hatte Gott von allen seinen Werken, die er geschaffen hatte geruht."

 

Die Rose, eines der Symbole von Netzach, gilt als Symbol der Vollkommenheit. Ihre Blüte vereinigt Duft, Farbe und Form von auserlesener Schönheit. Das stilisierte Bild der Rose besteht aus einem Kreis, der viele symmetrisch zusammen geordnete Halbkreise umschliesst. Ein wahrhaft kosmisches Muster - die Rosa Mystica

 

Vielleicht hast du auch schon die feurige Kraft gespürt, die in dir lodert, wenn du dich kreativ betätigst. Dieses Feuer ist die feurige, kreative Energie von Netzach. Netzach, welche dem Element Feuer angehört, ist eine aktive Sephirah, wie auch Geburah, die ihr diametral gegenüberliegende, höhere Sephirah, desgleichen Chokmah, welche wiederum Geburah diametral gegenübersteht. 

Wenn dem Drang zur kreativen Arbeit nachgegeben wird, wird die freigewordene Schaffenskraft von Glück und Freude begleitet, denn es ist gelungen, das Wesentliche der Idee Ausdruck au geben. Das kann sich im Zusammenhang mit einer künstlerischen Tätigkeit, aber auch in der rituellen Magie ereignen und auch dort, wo sexuelle und emotionelle Kraft frei und unverkrampft fliessen kann. 

Auch in dem Bereich der ausübenden Magie erfüllt Netzach eine wichtige Funktion.

Wenn die der Sephirah Netzach innewohnende Energie nicht aktiviert wird, können die in Hod geformten Bilder nicht inspiriert werden. Jedes Ritual erschöpft sich dann in leeren Gesten und Worten, jede künstlerische Arbeit bleibt ein totes Nachahmen. 

Denke daran, die Arbeitsweise, welche der zeremoniellen Magie zugrunde liegt, ist immer im wahrsten Sinne des Wortes kreativ.

 

Die Symbole der magischen Ausrüstung von Netzach sind die Lampe der Gürtel und das Sistrum. Mit dem Gürtel sollen wir uns zur Tat rüsten (Jeremia 1, Vers 17) und die Lampe, auch "ewige Lampe der Mysterien" genannt, soll uns die Erleuchtung bringen. Das Sistrum ist eng mit der Göttin Hathor verknüpft, die unter anderem auch dieser Sephirah zugeordnet werden kann. 

 

Der Gottesname von Netzach ist   JHVH Tzabaoth und bedeutet: "Die Heerscharen dessen was war, ist und sein wird." Dieser Name weist bereits auf den auffächernden Aspekt von Netzach hin, welcher wie ein Prisma das Sonnenlicht von Tiphareth zerlegt. Die "eine Kraft" wird scheinbar in viele Aspekte aufgegliedert, was durch einen farbenprächtigen Sonnenaufgang eindrucksvoll verdeutlicht werden kann. Die Pracht der farbig angestrahlter Wolken steigert sich noch, wenn auch noch der Morgenstern Venus (das astrologische Prinzip von Netzach) am Himmel glänzt. 

 

Der weibliche Erzengel Haniel ist nicht so bekannt wie die anderen Erzengel der unteren Sephiroth, nämlich wie Michael, der Beschützer, Gabriel, die Übermittlerin von Visionen und Raphael, der heilende Erzengel.

Das ist bedauerlich, denn gerade über den Erzengel Haniel können wir mit den Kräften von Netzach in Berührung kommen. Durch sie können wir zu dem Bewusstsein von Harmonie und Schönheit gelangen. Sie können wir uns als eine grün-goldene Flamme vorstellen, deren Farbe nach oben hin in rosenrot übergeht. 

Wählen wir eine menschliche Form, werden wir über dem Kopf dieser Erscheinung das rosenrote Licht leuchten sehen. Von ihr geht eine Ausstrahlung kosmischen Mitgefühls aus. 

 

Die Schar der Engel heisst Elohim oder Götter und Göttinnen. Wie bereits erwähnt, wird in der Sphäre von Netzach das Eine in die Vielzahl aufgegliedert. Netzach ist der Ausgangspunkt aller mythologischen und religiösen Gefühle, die wir mit den Göttern oder Gottesaspekten verknüpfen. 

 

Mit Netzach wird durch ihr astrologisches Prinzip, der Venus, auch alle Aspekte der Liebe zugeordnet. So finden wir in den verschiedenen Mythologien und auch in der klassischen Literatur zahlreiche Ideen, denen das Netzach-Prinzip zugrunde liegt. 

Lancelot und Guinevra, Tristan und Isolde und Romeo und Julia seien nur nebenher genannt. Die doppelgeschlechtliche Struktur der Psyche, welche in der Jung'schen Psychologie herausgestellt wird, kann der Sephirah Netzach zugeordnet werden.

Das Charakteristikum für den Anima-Animus Archetypus ist allgemein bekannt: Es ist die Vorstellung, welche sich der Mann von dem Urbild der Frau macht. Diese Vorstellung überträgt er dann auf eine Frau, welche einige Ähnlichkeiten mit diesem Urbild aufweist. So kann ein Mann in blinder Verliebtheit auch eine ganz "oberflächliche" Frau mit allen Attributen der Urweiblichkeit ausstatten. 

Wenn nun diese Frau auch ihr männliches Idealbild auf diesen Mann projiziert, so wird das zu einer Beziehung führen, die bald genug zum Scheitern verurteilt ist. Denn im nüchternen Alltag vermag niemand den übersteigerten Erwartungen des Partners zu genügen. 

 

Wie die meisten Götter und Göttinnen hat auch die der Sephirah Netzach zugeordnete Hauptgöttin Aphrodite eine "dunkle" und eine "helle" Seite. Ganz allgemein kann die "weisse Aphrodite" der Atziluth- und der Briah-Ebene zugeordnet werden, während die "dunkle Aphrodite" in den Wirkungsbereich der Jetzirah- und Assiah-Ebene fällt. 

Eine Darstellung der Göttin Aphrodite erweist sich in der Meditation als eine aufschlussreiche Glyphe. Wir können sie uns antropomorph (menschenähnlich) vorstellen, oder in Form einer Säule, auf welcher die obere Hälfte weiss und die untere Hälfte schwarz ist. Die beiden Hauptsymbole der Göttin Aphrodite, die Taube und der Leopard, können ihren "hellen" respektive "dunklen" Aspekten zugeordnet werden. 

Generell stellt in sexueller Hinsicht die Göttin Aphrodite die befreiende, lustvolle, glückliche und fruchtbare Sexualität dar, deren negativer Aspekt die "berechnende, kalte Lust" ist. Das heisst, dass hier die negativen Aspekte der Aphrodite für selbstsüchtige Zwecke eingesetzt werden. 

 

Viel eher lassen sich die grossen Frauengestalten der Mythen, Legenden und klassischen Literatur als Vertreterinnen der Aphrodite-Aspekte erkennen. Zu nennen waren hier z.B. Morgan le Fay, Desdemona, Lady Macbeth, Julia und Elektra. Die Königinnen und Damen am Hofe von König Artus und der keltischen Legenden zeichnen ein umfassendes Bild für die verschiedensten Aspekte, die das Frau-Sein ausmachen: Mutter, Jungfrau, Geliebte, Führerin, Beschützerin, weise Ratgeberin, Zauberin, Kriegerin, Einsiedlerin usw. 

 

Subtile und fortgeschrittene Lehren gibt es in vielen Mythologien. Verweisen möchte ich auf die Vermählung von Isis und Osiris, in welcher Horus gezeugt wurde. Diese Vermählung fand nach dem Tod des Osiris statt. Sie ist ein symbolischer Akt, in dem die "regenerierte Kraft des Liebesaktes aus der Zerstörung aufsteigt". 

Einen ähnlichen Gedanken bringt die Mysterien-Lehre der Hekate, welche auf die Kräfte Bezug nimmt, die nach den Wechseljahren einer Frau frei werden. In diesem Zusammenhang wird die Göttin Aphrodite zuweilen "Erweckerin" genannt. Dieses Erwecken bezieht sich nicht nur auf die Sexualität, sondern auch auf die Kontakte der inneren Ebene.

 

Ein anderer Aspekt dieser "erweckenden" Kraft wird besonders in der Kunst sichtbar, wo die kreative Vorstellungskraft ständig neue Formen und Konzepte schafft. 

Zu Anfang lösen neue Formen der Kunst oft heftigen Widerstand bei denjenigen Menschen aus, welche für neue Erlebnisse noch nicht offen sind. So ist es nun mal, jede Pionierin und jeder Pionier (z.B. in der Wissenschaft oder im Okkultismus) muss zunächst gegen Misstrauen und Ablehnung kämpfen. 

 

Eine andere Aussage von grosser esoterischer Bedeutung verbirgt sich hinter der Bezeichnung "der Sohn der Mutter". Hier handelt es sich darum, dass eine Göttin einen Sohn geboren hat, welchen sie, wenn er erwachsen ist, auf höherer Ebene wieder in ihren Schoss zurücknimmt. Denselben Gedanken finden wir in der Isis- Nephtys und Horus Formel: "Der Stier, welcher von zwei Kühen geboren wurde". 

 

Die Offenbarung des Johannes spricht von einem Buch welches im Munde süss wie Honig schmeckt, aber im Magen bitter wird. Hier wird auf die innere Verbindung Bezug genommen, welche zwischen Netzach und der "grossen bitteren See" von Binah besteht. 

 

In der Mythologie der Assyrer stellt Ishtar einen Aspekt der Kraft der "dunklen Göttin" dar.  Sie ist die grosse Mutter, die sich allen gibt und doch von niemanden durchdrungen wird. Die Beschäftigung mit dieser Mythologie ist durchaus empfehlenswert. 

 

Die mythologische Gestalt des Orpheus steht mit den Kräften von Netzach in enger Verbindung. Orpheus (der Einsame), Leierspieler, Sänger und Begründer der orphischen Mysterien, war Sohn der Muse Kalliope und des Gottes Apollo. Er sang so schön und spielte die Leier so ergreifend, dass die Vögel und alle wilden Tiere herbeikamen, um ihm zuzuhören. Die 7 Saiten der "grossen Leier" von Orpheus verdeutlichen die tief greifende Symbolik der Zahl 7, die ohnehin der Sephirah Netzach zugeordnet ist. 

All diese Andeutungen mögen zunächst wenig aussagen, bieten aber ein fruchtbares Arbeitsmaterial für die Meditation und Forschung. 

 

Das magische Bild von Netzach zeigt eine schöne, nackte Frau, welche Venus und Aphrodite gleichgesetzt werden kann.

Die Sephirah Netzach jedoch nur aus der sexuellen Sicht zu erfassen wäre eine sehr oberflächliche Betrachtungsweise. 

Interessant mag in diesem Zusammenhang erscheinen, dass das astrologische Zeichen der Venus das einzige Planetenzeichen ist, das den ganzen Lebensbaum umschliessen kann. So gewinnt das Bild der enthüllten Göttin eine unendlich viel tiefere Bedeutung als nur die, der Erotik, wie sich ja auch kaum ein Vergleich ziehen lässt zwischen dem kosmischen Eros und der Figur des drollig-fetten, kleinen Liebesgottes in der griechisch-römischen Sagenwelt.