Kether - Krone

 

reines Sein

 

Alle Göttinnen sind eine Göttin,

alle Götter sind ein Gott

und beides hat eine gemeinsame Ursache.

Dion Fortune

 

 

ie Sephirah Kether ist der Kabbala zufolge die Quelle der Schöpfung, der Punkt, von dem aus den Tiefen des gewaltigen Nichtmanifestierten das Leben emporquillt.

 

Kether ist das, was im Begriff ist, sich zu manifestieren. Kether ist das Zentrum, welches sich inmitten einer wirbelnden Bewegung aus dem Nicht-Seins kristallisiert hat und in sich die Summe alles dessen birgt, was noch kommen wird.

 

Die Smaragdtafel des Hermes Trismegistos sagt:

 

"Und wie alles aus Einem stammt, durch das Denken des Einen, so rührt auch alles Geschaffene durch Angleichung aus diesem Einen".

 

Dieses Eine von dem Hermes spricht ist der kabbalistisch-hermetischen Tradition gemäss das offenbarte, lebendige und bewusste Licht Aur oder LVX, die strahlende Energie des kosmischen Bewusstseins. 

 

Aus dem Standort von Kether her betrachtet, ist alles Seiende eins, denn Kether ist die fundamentale Lebenskraft an der Wurzel jeder Form. Die Ebene Kethers liegt jenseits der Begriffe von gut und böse. Diese Polaritäten treten erst in Bewusstseinsstadien auf, welche durch die Form begrenzt sind.

 

Es ist grenzenlos, unendlich, namenlos, formlos, jenseits aller Spekulation,

ohne Rückhalt, ohne Verankerung, weder anstössig noch heilig,

weder verfinsternd noch erleuchtend, weder teilbar noch zählbar...

Wer dies erfährt, der hat die Verwirklichung erreicht.

Liber Freakonomikon

 

Kether ist die Krone der Schöpfung und wer mit den Chakras vertraut ist wird bemerken, dass Kether identisch ist mit dem Scheitelchakra, dem tausendblättrigen Lotus der buddhistischen-indischen Lehre.

Die anderen Symbole, der Punkt und der Punkt im Kreis beziehen sich auf die Manifestation Kethers, welche die einfachste Form der Manifestation ist.

Ebenso ist der Punkt das einfachste geometrische Zeichen und die Konkretisierung eines Zentrums im grossen Kreislauf des Nicht-Manifestierten. Kethers ergänzende Bezeichnung: der "Ur-Punkt" und der "glatte Punkt" sind weitere Symbole, welche die oben angeführte Aussage unterstützen. Die Bezeichnung: "der glatte Punkt" ist vom Verstand her betrachtet absurd, denn seiner Definition nach besitzt der Punkt keine Oberfläche und kann demzufolge keine rauen oder glatten Eigenschaften aufweisen. Mit dieses Ausdruck soll eine Kugel ohne Grösse dargestellt werden.

 

Kether wird auch das "Verborgene des Verborgenen" und "das Haupt, welches nicht ist" bezeichnet. Vergleichbar mit der dunklen Seite des Mondes, die für den Menschen auf der Erde ewig unsichtbar bleibt, hat auch Kether eine zum Nicht-Manifestierten gehörende Seite. Diese andere Hälfte kann von der Schöpfung, die aus Kether hervorgegangen ist nicht erfasst werden.

 

Das klassisch-magische Bild für die beiden Bezeichnungen Kethers bringt als Symbol einen bärtigen, alten König im Profil. Wie irrtümlich ein solches Symbol verstanden werden kann, sehen wir an der naiven Vorstellung des Gläubigen, welcher Gott als alten Mann mit weissem Umhang, Jesuslatschen und wallend weissem Bart darstellt. Das weisse Gewand und der weisse Bart sind trotzdem konkrete Beispiele für die Kraft, die hinter den kabbalistischen Symbolen steht.

Die Farbe weiss ist nämlich eine Kether-Farbe. Sie erscheint z.B. in der Bezeichnung "das weisse Haupt". So wie in der Farbe weiss alle anderen Farben enthalten sind, enthält angeblich Kether alle späteren Schöpfungsarten.

Auf dem magischen Bild wird er in Profil dargestellt, da die von uns abgewandte Seite Kethers zum Nicht-Manifestierten gehört.

 

Warum, so könnte man sich ja mal fragen, wird diese Sephirah, die ja ihrem Wesen gemäss androgyn ist, durch das Bild eines alten, bärtigen Königs im Profil dargestellt?

 

Nun, die Kabbala ist eine esoterische Lehre, die im Geheimen über einen grossen Zeitraum von gelehrten Männern an wohlfeil vorbereitete Schüler überliefert worden ist.

Und genau hier stossen wir auf ein grosses "Problem" der Kabbala, wie auch des gesamten westlich-hermetischen Weges. Die okkulten Lehren wurden über Jahrhunderte hinweg, wenn nicht sogar schon länger, fast ausschliesslich von Männern interpretiert und von Männer an Männer überliefert. Frauen hatten, wenn überhaupt, fast keine Möglichkeiten, diese okkulten Lehren zu studieren. Die Mitgliedschaft in einer Mysterienschule, wie z.B. der Freimaurerei oder den Rosenkreuzern, war ihnen Jahrhunderte lang nicht gestattet. Dadurch wurde die hermetische Lehre einseitig wahrgenommen und die Harmonie und das Gleichgewicht, das der Baum des Lebens eigentlich so anschaulich zeigt, von ihren patriarchalen Prägungen und Sozialisierungen überlagert.

 

In verschiedenen heiligen Schriften wird erwähnt, dass der Mensch das Ebenbild Gottes oder der Götter ist. Man könnte aber diese Aussage auch einfach umkehren und zu Recht verkünden, dass die Gottheiten nur das übersteigerte Spiegelbild des Menschen und der Gesellschaft ist, in der sie sich tummeln. Gottheiten mit menschlichen Regungen, Vorlieben und Schwächen, irgendwie lächerlich, oder!?

Was ist von einem Gott zu halten, der bei Abendwind im Garten spazieren geht (1.Mose 3.8), rachsüchtig und eifersüchtig ist (Jesaja 34. 2-8), kleine Kinder in Ägypten eigenhändig erwürgt (2.Mose 12.29), befiehlt, dass Schwangeren die Bäuche aufgeschlitzt werden (Hosea 14,1), er sich selbst in seinem Sohn sich selbst opfert und alle die, die seine zärtliche Liebe zurückweisen, für alle Ewigkeiten unendlicher Pein und Qual aussetzt? Oh Graus!

 

Der kosmische Urgrund ist unnennbar und formlos. Aus genau diesem Grund ist dieser Urgrund eine perfekte Projektionsfläche für unsere Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen, aber auch für unsere unmenschlichen Gesinnungen und Perversionen, zu denen nur der menschliche Geist fähig ist.

In Gesellschaften, in der Männer privilegiert sind und faktisch ausschliesslich politische, religiöse und familiäre Macht ausüben können, ist es klar, das auch die oberste Instanz im Himmel eine männliche Kraft sein muss und das Weibliche eine eher untergeordnete, dienende Stelle im Schöpfungsplan einnimmt. So wird auch in einer kriegerischen Gesellschaft die oberste Instanz eine Kriegsgottheit sein und in einer Kultur, die Ackerbau und Viehzucht betreibt, werden Vegetationsgottheiten einen grossen Stellenwert besitzen.

Wenn man sich von diesen patriarchalen Bildern und Inhalten lösen möchte, so könnte man auch sagen, dass das Verdichten und Zusammenpressen des unendlichen Lichts auf einen Punkt, symbolisch der Kontraktion einer Gebärmutter beim Geburtsvorgang gleichzusetzen ist. Erinnere dich auch an die Zuordnung der Gebärmutter zum Nichts. Auch die Farbe weiss passt sehr gut zur grossen Mutter, der weissen Göttin, die das Universum und alle Götter geboren hat.

 

Es gibt daher eine Fülle von Möglichkeiten das magische Bild von Kether in eine neue zeitgemässe Form zu kleiden. So könnte man das klassische magische Bild so belassen wie es ist, nur dass die dem Nichts zugewandte Seite der Göttin entspräche, also somit eine androgyne Gottheit dargestellt würde. Oder umgekehrt, die Göttin wäre dem Lebensbaum zugekehrt und die dem Nichts zugewandte Seite würde den Gott symbolisieren. Ein schönes Bild wäre auch eine androgyne tanzende Gottheit oder eine klassische alchemistische Darstellung, Rebis genannt, die die Einheit der Königin (Quecksilber) mit dem König (Sulphur) symbolisiert.

Du siehst also, dass Zuordnungen und Bilder des westlich-hermetischen Weges, je nach Standpunkt und Prägungen verschieden aufgefasst werden können. Es obliegt deinem eigenen Studium und deiner eigenen Kreativität über diese Bilder und Symbole zu meditieren und dort Anpassungen vorzunehmen, wenn du es für richtig findest.

 

Die Tugend dieser Sephirah ist das Erreichen, die Vollendung des grossen Werkes. Wohlan..., ein edles Ziel, ein abenteuerliches Unterfangen! Die Vollendung des grossen Werkes, der Stein der Weisen, die Suche nach der Gralsburg!

Von Sehnsucht nach Selbstverwirklichung getrieben verkommt aber unsere Suche oft zu einer Erleuchtungsjagd. Und eben genau diese Erleuchtungs-Jagd hält uns davon ab, genau das zu erkennen und zu erfahren, was in diesem Moment geschieht. In der ständigen Erwartung, dass eines Tages das grosse, wunderbare Erwachen geschieht, versäumt man die Notwendigkeit für den gegenwärtigen, kreativen Augenblick. So wird ständig gehofft, irgendeinmal dieses Eine zu finden, das alles "Leiden" beenden wird. Kether ist das ewige Jetzt, daher kann auch das grosse Erwachen nur im hier und jetzt geschehen. Nicht im Gestern und nicht im Morgen. Irgendwie logo, oder?!

Es mag vielleicht paradox erscheinen, aber vielleicht ist es genau umgekehrt. Wie wäre es für dich, der/die du auf der Suche nach persönlichem Wachstum und persönlicher Freiheit bist, auch deine Suche loszulassen, alles loszulassen, nichts mehr zu befürchten, nichts mehr zu erwarten und dich auf die absolute Realität des "Hier und Jetzt" einzulassen? Ist Erleuchtung von Dogmen, Ritualen und Meditationen abhängig oder von dem Mut der Realität direkt ins Antlitz zu schauen und sie zu akzeptieren, ungehindert, ob diese uns nun schmeckt und gegebenenfalls unserer Meinungen und Theorien über Bord zu werfen?

 

So heisst es in einem Ritualtext der Fellowship of Isis:

 

"Aber ihr müsst erkennen, dass weder tugendhafte Taten noch Gebete,

weder Meditation noch Strebsamkeit,

weder selbstauferlegte Bussen und nicht einmal Verehrung

mich aus meiner mystischen Höhle hervorrufen können.

Denn ich komme nach meinem eigenen Willen zu den Narren,

zu den Weisen, zu den Vorbereiteten und zu den Unvorbereiteten,

zum Heiligen und zum Verbrecher.

Niemand kann die Stunde meines Kommens vorhersagen,

noch zu wem ich kommen werde.

Dennoch bereiten die Weisen sich vor,

damit ihre Wohnstätten nicht durch mein Feuer zerstört werden."

 

Genau jetzt, in diesem Augenblick offenbart sich übrigens die Realität. Für jeden und jede, nicht nur für eine so genannte "spirituelle Elite". Sie liegt nicht in der Zukunft, noch in der Vergangenheit. Das Hier und Jetzt ist die Ewigkeit selbst.

Ist die Zeit somit nur eine "Folgeerscheinung des Denkens" und somit eine "Illusion"?

Im Allgemeinen ist man davon überzeugt, dass die Zeit in einer linearen Linie verläuft. Angefangen in der fernsten Vergangenheit, bis zur unendlichen Zukunft. Und auf dieser geraden "Zeitlinie" leben wir unser Leben. Doch die Zukunft existiert noch gar nicht und die Vergangenheit ist schon vorüber. Sind demnach Vergangenheit und Zukunft nichts anderes als Gedanken, die im gegenwärtigen Geist erscheinen?

Nun mag man einwenden: "Nun ja, es tönt ja ganz nett. Aber ich sehe doch alte Denkmäler und Gebäude, die in der Vergangenheit gebaut worden sind!"

Doch diese Gebäude bestehen in der Gegenwart und wenn du denkst, sie seien alt, so ist auch dies nichts weiter als ein gegenwärtiger Gedanke in deinem Kopf. Die Gegenwart ist alles, was du wirklich besitzt. Es kann sich wirklich lohnen, darüber ein wenig nachzudenken. 

 

Versuche dich einfach ganz auf dieses Hier und Jetzt einzulassen. Sei Jetzt in diesem Augenblick wirklich Hier, ohne Meinungen und ohne Vorstellungen wie es sein müsste. Dies ist der Weg des augenblicklichen, direkten Erfassens der Wirklichkeit wie sie ist und der Einheit Kethers.

Versuche nicht fixiert zu sein, sondern sei natürlich, spontan und unverwechselbar dich selbst.

Nun magst du sagen:" Soo..., nun bin ich entspannt im Hier und Jetzt!" Doch genau in diesem Augenblick bist du schon wieder fixiert, bist im Denken und nicht in der Erfahrung. Versuche dich nur ganz auf den gegenwärtigen Augenblick einzulassen, hier, jetzt! Und halte nichts fest.

 

Der Gottesname von Kether ist Eheieh. Er wird mit den "einsaugendenden" und ausströmenden Atem verglichen. Die Wurzel, von der alles ausströmt und zu der alles zurückfliesst, ist somit ein Symbol für Kether. Für die östlichen Mystiker ist der göttliche Atem ein wichtiges und oft gebrauchtes Symbol, auf welches sich ein grosser Teil der Hatha-Yogalehre stützt. Eheieh ist oft übersetzt worden mit "Ich bin". Gershom Sholem schreibt, dass eine wörtlichere und korrektere Übersetzung "Ich werde sein" lauten müsste.

 

Die Farbentsprechung, welche Kether auf der Aziluth-Ebene zugeordnet wird, ist "Glanz", welcher alle Farben überstrahlt.

Metatron zum Kampfe bereit!

- Kupferstich - Quelle und Jahr?

Hmmmmm...

Kether untersteht dem Erzengel Metatron. Die Überlieferung berichtet, dass dieser Erzengel, dessen Name wohl vom griechischen Meta tronos, "nahe dem Thron" abgeleitet ist, den Menschen die Kabbala überbrachte. Interessanterweise ist der Thron, dem dieser Erzengel nahe steht, die Hieroglyphe der Göttin Isis. Man kann sich Metatron in der briatischen Farbe von Kether als eine gewaltige Säule vorstellen, die in reinen weissen Glanz strahlt.

 

Die Schar der Engel,   Chajoth ha Qadesh, welche Kether zugeordnet sind, besteht aus den heiligen lebenden Kreaturen. Diese werden in vier Urformen eingeteilt. In die Form eines Stiers, eines Löwen, eines Adlers und eines Menschen, die schon bei Hesekiel in der Bibel erwähnt werden. Die Engel befassen sich mit der gestaltenden Welt einer Sephirah. Dies ist insofern aufschlussreich, als Formen, die sich in Kether bilden, überall in der ganzen Manifestation reflektiert werden. Diese Auffassung der Alten steht hinter den oft völlig falsch verstandenen vier Elementen. Schüler der Astrologie werden erkennen, dass die Symbole der heiligen lebenden Kreaturen den Tierkreiszeichen Stier, Löwe, Skorpion und Wassermann entsprechen. Diese sind die fixen Symbole für die vier Elemente Erde, Feuer, Wasser und Luft. In Kether finden wir nämlich den Ursprung der Elementarkräfte, die im Tarot wiederum durch die Asse der Münzen, der Stäbe, der Kelche und der Schwerter dargestellt werden. Der Stier ist das zweite Tierkreiszeichen, der Löwe das fünfte, der Skorpion das achte und der Wassermann das elfte Tierkreiszeichen. Zusammengezählt ergeben diese Tierkreiszeichen sechsundzwanzig. Dies entspricht dem Zahlenwert von JHVH, dem was war, ist und sein wird.

 

Nach Ansicht der Alten setzt sich alles Bestehende aus diesen vier Elementen zusammen, welche sich als Gestaltungsmöglichkeiten verstanden werden müssen und keineswegs als die vier physikalischen Elemente. Um mit den Kräften der Engel von Kether in Verbindung zu treten, bedarf es an sich keiner tief greifender Analyse ihrer Entsprechungen. Man stelle sich am besten mit dem geistigen Auge die Swastika vor. Sie ist ein Emblem des gleicharmigen Kreuzes und stellt die vier Elemente in kreisender Bewegung dar. Man kann sich eine reinweiss strahlende Swastika vorstellen mit je einer der heiligen lebenden Kreaturen auf je einem Arm. Dann stelle man sich vor, dass sich die Swastika vor einem weissen mit Gold durchsetzten Hintergrund schnell um eine leuchtende Achse dreht.

 

Diese Bewegung    Rashith ha Gilgalim genannt, erinnert bisweilen an die wirbelnde Bewegung von Kether in Malkuth, nämlich an die "Ur-Bewegung", oder den "ersten Wirbel". Man kann eine Vorstellung vom Kether erhalten, wenn man am nächtlichen Himmel eine wirbelnde Sternennebelmasse beobachtet, welche eine astronomische Analogie der kosmischen Schöpfung ist. Makroprosopus oder "das grosse Antlitz" sind rein kabbalistische Bezeichnungen für Kether und beziehen sich auf eine ganz bestimmte Art, den Lebensbaum aufzuteilen. Diese Aufteilungen werden in einem anderen Kapitel behandelt.

Die Bezeichnung, "das grosse Antlitz" kann jedoch als Bild ohne Verbindung zu einer metaphysischen Lehre verstanden werden. Stelle dir ein grosses Antlitz vor, das aus den tiefen eines ruhigen, unbeweglichen Ozeans aufsteigt, bis es den Raum über dem Horizont vollständig verdeckt. Dann betrachte das Bild dieses gewaltigen Antlitzes als Widerspiegelung auf dem Wasser. Man kann sich mit dem aufsteigenden "grossen Antlitz" identifizieren und seine eigene Widerspiegelung auf der Oberfläche des Wassers erkennen, aus dem man aufgestiegen ist. Man kann sich auch eins fühlen mit der Spiegelung.

 

Alle Urschöpfungsgottheiten der Mythologien und Religionen, welche aus sich selbst erschaffen, dem Abyssus des Wassers oder des Raumes entstiegen, um dann andere Götter, Menschen und sämtliches Leben zu schaffen, können mit Kether in Verbindung gebracht werden. Natürlich kann es auch hier Überschneidungen geben.

 

Ist eine Urschöpfergottheit männlich, so kann sie mit den Funktionen von Chokmah gleichgesetzt werden, handelt es sich um eine weibliche Schöpfergestalt, so steht als Beziehung zu Binah. Die Beschaffenheit von Kether ist jedoch androgyn. Wir haben diese Doppelnatur bereits in Hesiods kosmologischer Abhandlung untersucht, in welcher Gaia als auch Eros als Kether-Gestalten angesehen werden können. Auch Kronos, der seine eigenen Kinder verschlingt, kann insofern als Kether-Gestalt betrachtet werden, als Kether letztendlich alles von ihr Geschaffene wieder in sich zurückzieht.

 

Kronos erscheint in der zweiten göttlichen Dynastie der Griechen. Er gehört an sich zu einer späteren Phase der Manifestation. In der griechischen Version des Himmelskrieges, wie auch in der Bibel und anderen Mythologien, spielen die Titanen eine entscheidende Rolle. Kronos wurde schliesslich von Zeus besiegt, der für die Griechen gemeinsam mit den anderen olympischen Göttern die höchste Manifestation der kosmischen Ganzheit darstellte. In der orphischen Kosmogonie vertritt Kronos eine völlig andere Konzeption. Er wird das erste Prinzip, nämlich die Zeit, genannt. Aus diesen ersten Prinzip gingen Chaos, das Unendliche und Ether, das Endliche und der Raum hervor. Das Chaos war umhüllt von der Nacht und in der Finsternis ward ein Ei geformt, welches die Nacht als Schale umgab. Das Zentrum des Eies war Phanes- das Licht. Dieses wurde in Verbindung mit der Nacht zur Schöpferin aller Gottheiten und auch von Himmel und Erde.

 

Dieser Schöpfungsbericht kann als Verdichtung von Kether angesehen werden. Der Begriff von Zeit, Unendlichem und Endlichem, Licht und Finsternis sind philosophische Abstraktionen. Sie verdeutlichen, dass es sich hier um eine metaphysische Vorstellung handelt, welche vom mythologischen Vorgang versinnbildlicht wird. Diese Schriften wurden Orpheus gewidmet, dessen Lehren aller Wahrscheinlichkeit nach aus den Osten stammen.

 

Im ägyptischen Götterglauben wurden unter anderem die Götter Ptah, Amun, Atum und Neith als Schöpfergottheiten des Universums verehrt. Das heliopolitanische System mit Atum-Ra scheint der kabbalistischen Vorstellung am ehesten zu entsprechen. Der Name des Atum-Ra, welcher im nicht-manifestierten Nu lebte, wurde von einem Stammwort abgeleitet, welches "nicht sein" und auch "vollkommen sein" bedeutet. Somit steht er mit dem dualistischen Aspekt von Kether in Einklang, nämlich mit der Manifestation und Nicht-Manifestation, dem Alpha und Omega, dem Anfang und dem Ende allen Seins.

 

Wie erwähnt, ist das Erkennen und Loslassen all unserer einengenden, tief sitzenden Konditionierungen und unser künstlich aufgeblähtes Ego, meist noch als Demut und Bescheidenheit getarnt, das Hindernis auf unserem Weg.

 

"Schau, Meister Moe, ich habe alles losgelassen. Was sagst du dazu?"

 

Frater Moe antwortet ihm:

"Gut, dann schmeiss auch dies weg."

 

Da sagt der Aspirant ganz erstaunt:

"Aber Meister Moe, ich habe dir doch eben gesagt, dass ich alles losgelassen habe.

Was soll ich denn jetzt noch wegschmeissen?"

 

"Ach so", sagt Moe, "wenn das so ist, dann musst du es weiter tragen."

Liber Freakonomikon

 

Erinnere dich in diesem Zusammenhang an Parzival, den grossen Ritter der Gralsmysterien, der sich den Gral verlustigt hatte, als er dem Fischerkönig die erlösende Frage nicht gestellt hatte. In dem Moment, als er auf seiner langen Pilgerreise aufhörte, der grösste Ritter zu sein, der sich auf der Suche nach dem heiligsten Gegenstand befand und zuguterletzt sogar noch den höchsten Gott verwarf...

 

Siehe da! Plötzlich wurde er vom Gral gefunden!