Einleitung

 

Das stärkste Argument gegen Gott -

wäre der Beweis seiner Existenz.

M.S. Salomon

hg

kh

ie Grundlage des westlich-hermetischen Weges ist die Kabbala (mündliche Überlieferung). Diese Lehre fasst eine Fülle von praktisch-theoretisch philosophischen und psychologischen Themen zusammen, die nicht nur in den religiösen Schriften der Juden, sondern auch in der alchemistischen, okkulten, freimaurerischen und rosenkreuzerischen Lehren ihren Ausdruck findet. Man bezeichnet sie nicht umsonst als "die Mystik des Westens".

 

In Anbetracht der vielen Theorien und Mythen, die sich im Nebel der Zeiten verlieren und uns zu erzählen versuchen, wie die Kabbala entstanden und überliefert worden sein soll, wird an dieser Stelle meinerseits schon mal wohlweislich auf eine grundlegende Beweisführung verzichtet, die kabbalistischen Lehr- und Schulungsmethoden chronologisch aufzuzeichnen oder die Herkunft der Kabbala sogar zu analysieren.

 

Porta Lucis - Paulus Ricius - 1516

  Sag mir, wo die Pfade sind, wo sind sie

  geblieben? Sag mir, wo die Pfade sind,

  was ist geschehn? Kabbalisten nahmen

  sie geschwind! Wann wird man je

  verstehn, wann wird man je verstehn?

Nun, manche meinen z.B., dass die Kabbala vom Erzengel Raziel ( Raz "Geheimnis") an Adam und Eva bei deren Vertreibung aus dem Paradies vermacht worden ist, damit diese wieder ins Paradies zurück finden mögen, einige wiederum verkünden, dass die Kabbala vom ägyptisch-eingeweihten Moses, an das jüdische Volk überliefert worden ist, andere behaupten einen noch viel grösseren Okkultkokolores.

 

So oder so, die Qualität einer Speise beweist sich noch lange nicht im Urteil ihrer Vorkoster, so prominent diese auch sein mögen. Auch nützt es nichts, nur die Herkunft der Zutaten darzulegen. Man muss die Speise schon selber essen und aus diesem Grunde wünsche ich schon mal vorab einen guten Appetit.

 

Doch welche Einflüsse haben die Kabbala wohl massgeblich geprägt und beeinflusst?

 

Leider wird bei einem genauerem Quellenstudium ziemlich schnell klar, dass bei der Entstehung und der Zusammenstellung der Kabbala keine göttliche Inspiration massgeblich beteiligt war.

So stammt aus der griechischen Philosophie z.B. der Gedanke, dass die Welt auf Zahlen und Buchstaben aufgebaut ist. Im Timaios spricht Platon von den mathematischen Verhältnissen, auf denen die Welt aufgebaut ist. 

Die neupythagoräischen Philosophen deuten die Zahlen und Buchstaben als göttliche, von übernatürlichen Kräften erfüllten Wesenheiten.

Auch die kabbalistische Idee der Sephiroth war bei den alten Juden unbekannt und stammen von den neuplatonischen Intelligenzen her, die zwischen der himmlischen und der materiellen Welt vermitteln.

Dass Dinge und Lebewesen als Ideen schon vor ihrer materiellen Erschaffung bestehen, ist auch von Platon und Zoroaster angesprochen worden.

Weitere Ähnlichkeiten zeigen sich ganz klar zwischen den Lehren der Kabbala einerseits und den gnostischen Lehren, den Anschauungen der alexandrischen Schule, der Philosophie des Philo und der Stoiker andererseits. 

 

"Der Golem, wie er in die Welt kam" - Stummfilm aus dem Jahr 1920

  Die zu klein geratene böse

  Stiefmutter übergibt dem drallen

  Schneewittchen den vergifteten

  Apfel.

Die frühen Kabbalisten (tja, wo sind denn nur die frühen Kabbalistinnen zu finden?), die sich diesen Einflüssen nicht entziehen wollten oder aber ihnen nicht widerstehen konnten, sahen sich dem Problem gegenüber, wie sie das neue Gedankengut verwerten konnten, ohne der heiligen Schrift, die ja von Gott eingegeben worden ist und nicht verändert werden darf, Gewalt anzutun.

Nun, sie fanden dafür die Lösung, dass sie in die alten Texte all dies hineinlasen, was sie in ihnen zu finden wünschten und behaupteten, diese Gedanken seien von Anfang an in der heiligen Schrift verborgen gewesen. Um dies zu beweisen, griffen sie zu allerlei Kunstgriffen, wie etwa zu dem, die Bedeutung von Buchstaben zu ändern bzw. einen Buchstaben durch einen anderen zu ersetzen und auf diese Weise neue Wörter in Übereinstimmung mit der kabbalistischen Lehre zu bilden. 

 

Von diesem Punkt an war es nur noch ein kleiner Schritt, von bibliomantischen (Wahrsagen aus Textstellen) Spielereien, zu magischen Operationen und dem Glauben, mit der Macht des gesprochenen Wortes wunderbare Wirkungen zu vollbringen.

Phantastische Berichte über jüdische Adepten, die Wunder mit der Kabbala vollbrachten, festigten den Glauben an die Macht der Buchstaben und des Wortes. 

 

So hat Elisas von Chelm, ein Meister des 16. Jahrhunderts, mit Hilfe des Sepher Jetzirah einen künstlichen Menschen namens Golem (wörtlich: formloser Stoff), geschaffen, der zu Leben kam, als Elias den geheimen Namen Gottes auf die Stirn des groben Lehnklotzes schrieb.

Eine ähnliche Meisterleistung wurde später dem Wunderrabbi Judah Löw ben Besalel von Prag zugeschrieben, der aus Angst vor dem immer grösser werdenden Ungetüm einen Teil des geheimen Wortes Ameth "Bestand, Wahrheit" von der Stirn entfernte (Er löschte den ersten Buchstaben Aleph, der die Luft und den Lebensatem symbolisiert, von seiner Stirn. Die verbleibenden Buchstaben bildeten das Wort Moth "Tot, Leichnam"), woraufhin der Golem wieder zu einer leblosen, stumpfen Masse wurde.

 

  Hula-Hoop-Reifenwerbung im Sport- und

  Spasskatalog "The Secret Teaching of All Ages"

  von Manly P. Hall aus dem Jahr 1925

Auch wenn diese kabbalistischen Kunststückchen heutzutage ein wenig märchenhaft anmuten, so stellt doch die moderne Form der Kabbala mit ihrem Grunddiagramm, dem Lebensbaum, ein in sich mehr oder weniger schlüssiges theoretisch-theosophisches System dar und hat in der heutigen Form bestimmt nichts mehr mit den mittelalterlichen Pseudo-Wissenschaften und vergilbt-fleckigen Grimoires (Zauberbüchern) gemeinsam, die in unkundiger Weise schon mal die Lehren der Kabbala verwertet haben.

 

Die Kabbala war und ist in erster Linie ein System des jüdischen Geheimwissens. In ihrem systematischen Aufbau, kann und soll sie aber auch als Schlüssel zum vergleichenden Studium anderer Religionen dienen, wenn sie mit einem kreativen Herzen und einem offenen Geist an die heutige Zeit angepasst wird. So kann man aus der Kenntnis mythologischer Überlieferungen und mit Hilfe des Lebensbaumes nachvollziehen, was womöglich die Griechen unter Pallas Athene, Zeus, Demeter und all den anderen olympischen Göttern verstanden, was sich die Ägypter unter Isis, Ra, Osiris, Seth und die Kelten sich unter Ceridwen und Herne vorstellten. 

 

Während des Studiums der Kabbala empfehle ich wärmstens, sich mit den verschiedensten Mythen der Menschheit auseinanderzusetzen.

Die meisten Mythen vereinigen in sich eine Vielzahl von Bedeutungen, natürliche und künstliche, moralische und ethische, philosophische und metaphysische, religiöse und theologische, mystische und okkulte. Sie können zum Menschen oder zum Universum oder zu beiden in Beziehung gesetzt werden.

Durch eine uns simpel anmutende Geschichte können wir zum Verständnis der unendlichen Wahrheit kommen und sie in allen Bereichen unseres Bewusstseins lebendig machen. Das gleiche trifft auf das zusammengesetzte umfassende Symbol des Lebensbaumes zu, der das Fundament der Kabbala ist.

Er ist nicht nur ein in sich geschlossenes Symbol, sondern in seinem Licht können auch andere Symbolsysteme gedeutet worden. Er verbindet miteinander Mythologien, Religionen und okkulte Symbolsysteme wie z.B. die Astrologie, die Alchemie und den Tarot.

 

Somit kann die Kabbala möglicherweise wahrhaftig der Grundstein der "westlichen Mysterientradition" sein. 

 

 

 

Eine klitze-kleine Bemerkung am Rande.

 

 

Ein kunterbuntes Diagramm des "Hermetic Order of the Golden Dawn" Manche/r orthodoxe Kabbalist/in wird nach dem Studium dieser Seiten möglicherweise mit Befremden mahnen, dass der Autor dieser Schrift über gar keine Befugnis verfügt, die Kabbala öffentlich darzulegen, da der klassisch-jüdischen Tradition gemäss, nur derjenige sich mit der Kabbala auseinandersetzen darf, der eine Familie sein eigen nennt, über vierzig Jahre alt ist und profunde Kenntnisse des alten Testaments besitzt. 

 

Und bei Sandalphon und dem geheiligten Shemhamephorasch, sie haben recht! 

 

Keine der oben genannten Voraussetzungen erfülle ich auch nur im Geringsten, was mir die geneigte Leserschaft bitte mit gnädigem Herzen nachsehen möchte. 

 

So oder so, ich für meinen Teil habe versucht, die Kabbala ein wenig zu modernisieren. Ob mir das gelungen ist, muss der geneigte Leser und die geneigte Leserin am Ende dieses Werkes selbst beurteilen. Jedenfalls trage ich allein zähneknirschend die Verantwortung für alle kleineren und grösseren Mängel in dieser kleinen Schrift. 

 

Bist du mit der hier besprochenen Version der Kabbala nicht einverstanden?

 

Prächtig, prächtig... 

 

Sei offen, weit und tief wie der Gral, wenn du dich dem grossen Abenteuer der Kabbala zuwendest, dann wirst du erkennen, dass es im Leben einer echten Magierin und eines echten Magiers sowieso nur eine "einzig wahre" Kabbala gibt:

 

Deine Eigene!