Daath - Wissen

 

Die unsichtbare Sephirah

 

 

rst in den kabbalistischen Auslegungen der jüngeren Zeit wird Daath als eine Sephirah bezeichnet.

In den früheren Schriften wird Daath zwar auch erwähnt, gilt aber als die Vereinigung des maskulinen und des femininen Prinzips des kosmischen Bewusstseins, von Chokmah und Binah.

 

In den alten kabbalistischen Schwarten wird sogar ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es nur zehn heilige Sephiroth gibt - nicht neun und nicht elf, sondern zehn.

 

So verneint das   Sepher Jetzirah, das Buch der Formgebung, die Sephirah Daath so kategorisch, dass es schon fast verdächtig ist.

 

"Die unendlich erhabenen Sephiroth sind zehn an der Zahl.

Nicht neun nicht elf.

Durchdringe diese Weisheit und meditiere darüber mit all deiner Intelligenz.

Vertiefe dich darin und experimentiere damit."

Sepher Jetzirah 1,4

 

Nun denn, wenn dieser Text nicht zum Nachdenken und Experimentieren anregen sollte...?!

 

Die heutige Kabbalaforschung hat jedoch hinreichende Beweise dafür erbracht, dass Daath durchaus als selbständige Sephirah betrachtet werden kann. Allerdings handelt es sich hier um eine Sephirah mit Sonderstellung und wird die "unsichtbare Sephirah" genannt.

 

Nach Meinung von Crowley hat sie eine andere Dimension als die übrigen Sephiroth.

Auf dem Lebensbaum bildet Daath die Brücke über den Abyssus. Der Abyssus ist der Abgrund, welcher die archetypische Existenz von der phänomenalen trennt.

Er ist eine höhere Analogie des Schleiers Paroketh unterhalb von Tiphareth. In Daath nimmt die reine Kraft Form an. Binah stellt die archetypische Formidee dar, Chesed ist die Form-Sephirah. Daath ist der Zustand zwischen diesen beiden Sephiroth, in welchem sich durch das Zusammenwirken der überirdischen Kräfte Formen zusammenballen. Somit kann Daath als niedere Analogie von Kether angesehen werden, wo die erste Manifestation der Form, nicht aber der Kraft stattfindet. Auf dieser hohen Ebene sind die Formen noch von sehr abstrakter Beschaffenheit, es handelt sich hier vielmehr um Energieanhäufungen. Wirkliche Bilder und geformte Umrisse, wie wir sie kennen, treten erst in der Sephirah Hod auf. Daath ist demnach die höchste Einheit in der Formenwelt auf dem Lebensbaum. Man könnte sagen, dass von Daath aus die überirdischen Kräfte durch den Abyssus geleitet werden, um sich dann auf der Ebene der Form als Wissen zu offenbaren. Das Wissen, auf welches auch schon der Name der Sephirah hinweist, geht weit über unser menschliches Fassungsvermögen hinaus.

 

Durch die Vermittlung der Daath-Kräfte lernen wir den oft missverständlich angewandten Ausdruck "Mystik" richtig verstehen.

Die Bezeichnung von Daath als "mystische Sephirah" dürfte somit gerechtfertigt sein. Mystik ist keineswegs ein verworrener Geisteszustand, in dem fehlgeleitete spirituelle Kräfte schwarmgeistig sinnlos walten. Es ist die Sephirah des absoluten Bewusstseins, in dem sich tiefes Selbst-Verstehen und Selbst-Wissen miteinander verbinden. Auf dieser "Ebene" gelangt das Individuum zu einem vollkommenen ganzheitlichen Sein.

 

Das Individuum, bei dem die Daath-Kräfte in aller Ausgeglichenheit zu Tage treten, ist sich seiner Lebensaufgabe voll bewusst. Dieser Mensch hat sich von allen beengenden Eingrenzungen losgelöst und ist im Grunde genommen von nichts mehr abhängig. Die Symbole "der leere Raum" und "das totale Fehlen von Symbolen" zeigen uns, dass dieser Mensch sich von allem befreit hat und jedes System, ob gesellschaftlich, politisch oder esoterisch überwunden hat.

 

Gareth Knight schreibt, dass bei der Auseinandersetzung mit Daath, die lsis-Mythologie eine grosse Hilfe sein kann. Hier begegnen wir der hellen, positiven Seite von Daath, im Gegensatz zu Choronzon, dem Dämon des Chaos, der der schreckliche Wächter des Abyssus ist. Aleister Crowley nannte ihn "die erste und tödlichste aller Kräfte des Bösen", huch...!

 

Der göttliche Aspekt, den die Göttin Isis, Gemahlin des Osiris und Mutter des göttlichen Kindes Horus, in Ägypten versinnbildlichte, ist offensichtlich älter als die gesamte ägyptische Mythologie. Diesen Hinweis entnehmen wir dem folgenden mythologischen Bericht:

Dank ihren magischen Kräften konnte Isis den Sonnengott Ra dazu bewegen ihr seinen geheimen Namen zu verraten. Dadurch gewann sie Macht über ihn. Somit war auch als Urthekau, die Zauberreiche und als Göttin der Magie bekannt. Eng verknüpft mit der Göttin Isis war schon seit Urzeiten der Stern Sept, dessen Hieroglyphe ein fünfzackiger Stern war. Wir kennen diesen Stern unter dem Namen Sirius oder Sothis, auch Hundsstern genannt.

 

Obgleich man die Mythen der Göttin Isis und die Göttin Isis selbst mit vielen verschiedenen Aspekten des Lebensbaumes in Verbindung bringen kann, wenn man nur genug kreativ ist, werden die Isis-Kräfte jedoch durch die Sephirah Daath am Besten dargestellt.

So lassen sich Beziehungen herstellen zwischen ihr und der "Priesterin des Silbersterns".

Dies ist der volle poetische Name der 2. Tarot-Karte die Hohepriesterin, die dem Pfad zugeordnet wird, welcher durch den Abyssus führt und die Brücke von Tiphareth über Daath zu Kether bildet.

Es bestehen auch Verbindungen zwischen der geflügelten Göttin Isis und dem Caduceus, dem Flügelstab, an dem sich zwei Schlangen emporwinden. Am oberen Ende des Stabes befindet sich ein Kiefernzapfen.

Überträgt man die Glyphe des Caduceus auf den Lebensbaum, so entspricht der Kiefernzapfen Kether, die Flügel umschliessen Chokmah und Binah und die Köpfe der zwei Schlangen, die die Polarität verkörpern, vereinen sich in Daath. Das Schlangensymbol veranschaulicht die Manifestation der Kraft auf jeder Ebene.

 

Die gesamte Isis-Mythologie gliedert sich in mehrere Zyklen auf. Da ist z.B. Isis auf der Suche nach den verstreuten Gliedern des von Seth zerstückelten Osiris. Sie fügt ihn wieder zusammen und belebt ihn mit ihren Flügeln. Sie empfängt nun von ihrem wiedererweckten Gemahl das göttliche Kind Horus, dann die Wanderschaft, um ihren Sohn vor Seth zu verstecken usw.

Psychologisch gesehen stellen alle diese Vorgänge die Kontaktaufnahme mit den Archetypen auf verschiedenen Ebenen dar. So könnte man sagen, dass das leidvolle Sammeln der verstreuten Teile des Osiris ein passendes Symbol für die Integration all unserer verstreuten Wesensaspekte ist.

 

Was die mythologischen Berichte über die Göttin Isis überliefern, ist mit unserem natürlichen Verständnis leicht zu erfassen, muss aber auf höheren Bewusstseinsebenen immer wieder von neuem überarbeitet werden.

Was uns in der Isis-Lehre zunächst nur als Allegorie erscheint, erweist sich später oftmals als eine Fundgrube tiefer Weisheiten.

Die Gestalt der Isis können wir uns entweder in den Farben von Daath oder in Blau-Tönen vorstellen. Ein einprägsames Bild der Isis-Gestalt wäre eine thronende Göttin, dargestellt im Halbrelief auf einer mächtigen, ägvptischen Säule. Die Flügel dieser Göttin müssten das gesamte Universum umfassen. Auf ihrem Kopf befindet sich die Sonnenscheibe des Sirius. Die Säule reicht von der uns vorstellbaren tiefsten Tiefe bis zur höchsten Höhe des Weltalls. Unsere besondere Aufmerksamkeit gilt der ungeheueren Kraft, welche die Säule ausstrahlt.

Der doppelgesichtige Janus aus der römischen Mythologie eignet sich gleichfalls als magischen Bild für diese Sephirah. Er schaut sowohl in die manifestierte Welt als auch in die überirdischen Bereiche und ist eine anschauliche Darstellung der spirituellen Erfahrung von Daath, nämlich der Schau über den Abyssus.

 

Baldur der Schöne und auch Horus versinnbildlichen angeblich das Herabsteigen des kosmischen Bewusstseins in die Manifestation und stehen dadurch in Beziehung zur Sephirah Daath. Dasselbe gilt für Heimdall, den Hüter des Regenbogens, welcher eine Brücke zwischen der Welt des Menschen und der Welt der Götter schlägt.

 

Da Daath von den ersten Kabbalisten nicht als Sephirah angesehen wurde, ist ihr von Alters her auch kein Gottesname, kein Erzengel und keine Engelschar zugeordnet worden. Ihren Gottesnamen kann man jedoch als eine Synthese der Gottesnamen von Chokmah und Binah betrachten.

Daath ist auch eine Reflektion von Kether und kann deshalb an der Quelle der Formenwelt gewissermassen alle drei überirdischen Sephiroth vertreten. Der Erzengel von Daath kann als eine Verbindung der Erzengel der 4 Himmelsrichtungen angesehen werden. Es sind Raphael für den Osten, Michael für den Süden, Gabriel für den Westen und Auriel für den Norden.

 

Die Engel von Daath sollen den Seraphim ähneln, jedoch ohne die lodernden Flammen, welche die Seraphim von Geburah umhüllen. In der Meditation können die Seraphim als silbergraue Schlangen mit goldenen flammenden Zungen erscheinen. Von ihnen geht anscheinend eine Kraft aus, die man nur als "weiss glühendes Wissen" bezeichnen kann.