Chesed - Gnade

 

aufbauend - ausdehnend

 

Offene Weite, nichts von heilig.

Bodhidharma

 

 

evor Daath als Sephirah anerkannt wurde, war Chesed die erste Sephirah der gestaltenden Welt.

Fassen wir aber an dieser Stelle noch einmal kurz die kabbalistische Theorie der Formentwicklung zusammen:

 

Alle Emanationen oder Sephiroth haben ihren Ursprung in Kether, der ersten empor quellenden Kraft des kosmischen Bewusstseins. Diese Kraft wird in Chokmah aktiviert und erhält dort alle Entwicklungsmöglichkeiten für die spätere Form. In Binah haben wir die Form-Idee, in Daath findet die Umwandlung der Kraft in die Form statt und in Chesed schliesslich werden die Kräfte in der Form zusammengehalten. Obgleich die Form schon vorher konzipiert wurde, ist Chesed als erste Sephirah unterhalb des Abyssus die höchste Manifestation in der Form. Von Chesed abwärts erhalten die Kräfte der nachfolgenden Sephiroth eine immer grössere Manifestationsdichte. Die Herrschaft über die Formenwelt liegt demnach in der Sephirah Chesed.

 

In der Sephirah Chesed liegt demnach, so der okkulten Literatur gemäss, die Sphäre jener Weisheitslehrer, Männer und Frauen, die die Manifestation voll und ganz erfahren und gemeistert haben sollen. Die Meinungen und Berichte über Begegnungen mit solch einzelnen Meistern, die oft auch als Unsterbliche bezeichnet werden, sind ehrlich gesagt sehr umstritten.

 

Vor dem Ende des letzten Jahrhunderts wurde mit wenigen Ausnahmen, wie zum Beispiel bei Helena Blavatsky, der Gründerin der Theosophischen Gesellschaft und ihren Mahatmas und des "Golden Dawn" mit ihren geheimen Oberen, über diese Meister fast gar nicht gesprochen.

Diese Meister und Meisterinnen, so glauben denn viele Esoteriker und Okkultisten, sind menschliche Wesen, die bereits alle Erfahrungen gesammelt haben und dabei ihre spirituelle Entwicklung in der Welt der Form abgeschlossen haben. Sie sind demnach "vollkommene Menschen".

 

So glauben sie des weiteren, dass Seelen, die von dem ewigen Zyklus der Wiedergeburt befreit sind, sich höheren Evolutionen in anderen Sphären zuwenden. Einige aber bleiben freiwillig in der Erdsphäre, um ihre jüngeren Brüder und Schwestern bei deren Entwicklung auf diesem Planeten zu helfen.

 

Viele Menschen, die entschieden für die Existenz dieser Meister eintreten, glauben deren äusseres Erscheinungsbild detailliert beschreiben zu können, einschliesslich Turban, Rauschebart oder/und spitzen Spock-Ohren.

Diese Menschen mögen zwar nicht schizophren sein, sie unterliegen aber möglicherweise dem Irrtum, die Ebene der physischen Realität mit der des astralen Bewusstseins zu verwechseln.

 

Heutzutage hat sich dieses Thema stark verändert, seit in Wochenendkursen im Schnelldurchlauf gut zahlenden Workshopteilnehmer/innen die Kunstfertigkeit gelehrt wird, wie jeder und jede mit den höchsten Mächten und Meistern kommunizieren kann.

In der New Age Literatur finden wir Dutzende, wenn nicht sogar Hunderte von Medien gechannelte Bücher, die von allen möglichen Meistern, Jesus und Maria, Göttern und Ausserirdischen den geneigten Lesern und Suchern offenbart worden sind. Jeder und jede die diese Bücher unvoreingenommen liest, wird mit erstaunen und befremden darauf reagieren, welch unbeweisbare Spekulationen und moralische Plattitüden von diesen hohen Meistern, Ausserirdischen.... (bitte nach eigenem Gutdünken vervollständigen), verbreitet und vor allem auch noch geglaubt werden. Erschreckend!

 

Nun ja, wie heisst es denn so schön? Glauben macht selig, kassieren aber fröhlich!

 

Überhaupt kann es merkwürdig erscheinen, dass sich Suchende im Zuge ihrer Selbstfindung und ihrer Befreiung von allen Abhängigkeiten und Zwängen sich mit grösster Hingabe neuen Meistern, Gurus und einengenden philosophischen, okkulten und religiösen Systemen unterwerfen.

Wäre es daher nicht sinnvoll, erst einmal auf eigenen Beinen stehen zu lernen?

 

Aber huch!..., warum braucht man denn dann noch einen Meister?

 

Die symbolische Darstellung von Chesed zeigt einen mächtigen, gekrönten König auf seinem Thron sitzend.

Die leuchtenden Farben dieser Sephirah, Purpur und Blautöne werden ohnehin vorstellungslässig mit dem Königtum in Verbindung gebracht, desgleichen die ergänzenden Symbole von Chesed, welcher der Reichsapfel, der Zauberstab, der Hirtenstab und das Szepter sind.

 

Die Herrschaft, welche dieses Bild symbolisiert, hat nichts gemeinsam mit jener Autorität, welche oftmals gewalttätige Züge aufweist. Diese Herrschaft, die sehr gut von König Artus dargestellt werden kann, wird einzig und allein von dem Gedanken geleitet, dem Wohle der Allgemeinheit zu dienen und dies mit aller Liebe, die der/die Herrscher/in dazu fähig ist zu geben.

 

So ist denn auch die spirituelle Erfahrung von Chesed die "Schau der Liebe".

Wolfram von Eschenbach schreibt in seinem Buch "Parzival", dass Feirefiz, der arabischer Halbbruder von Parzival, folgende Inschrift auf dem Gral sah:

 

"Ein Tempelritter, der durch Gott zum Herrscher fernen Volkes werde,

verhelfe dem zu seinen Rechten."

 

Hier finden wir überhaupt zum ersten Mal den Gedanken, dass ein König nicht in seinem Namen, sondern im Namen seines Volkes herrschen sollte.

 

Die Laster der Sephirah Chesed finden wir oftmals bei Menschen, die Autorität ausüben. Nicht selten wählt dieses Laster eine äusserst subtile Ausdrucksform. Es heisst, dass die Macht latent die Korruption in sich trägt. Gewiss, die Ehrenhaftigkeit der Machthaber kann grösser oder geringer sein, es ist uns aber kaum ein historisches Beispiel von der unfehlbaren Lauterkeit eines Herrschers bekannt. Die Laster, Engstirnigkeit, Heuchelei, Gier und Tyrannei entstehen dadurch, dass ein Herrscher die Rechte des Herrschens zunächst in guter Absicht ausübt. Wenn er aber dann den dazugehörigen Pflichten nicht nachkommt, verwandelt sich seine Herrschaft in Tyrannei. Er hat das eigene Wohl im Auge, nicht das seiner Untergebenen. Diese Laster und Versuchungen betreffen nicht nur höhere Machthaber, sondern alle Menschen, denn jedem Menschen ist irgendwo Macht in die Hand gegeben und sei es auch nur über seinen eigenen Körper.

 

Die Tugend, welche dieser Sephirah zugeordnet wird, ist der Gehorsam. Hier ist nicht die Bereitschaft gemeint, Befehlen blind zu gehorchen, sondern es wird angedeutet, dass sich der Mensch völlig seinem wahren Willen hingibt.

 

Natur und Individuum sind eins geworden. Es ist niemals die Absicht einer okkulten Schulung, den blinden Gehorsam ihrer Schüler herauszubilden, sondern ihre eigene freie Entwicklung.

Mit der Zeit muss jeder Schüler und jede Schülerin sowieso in völlig freier Entscheidung handeln können und dann wird diese Entscheidung im Einklang mit dem wahren Willen stehen. Der freie Wille des Menschen gilt als heilig und in der Ausübung eines "authentischen" Mysterienweges sollte es niemals irgendeinen Zwang geben.

 

Ein Ziel dieser Sephirah ist es, das eigene Leben nach dem Gesetz der Liebe zu lenken. Somit ist der häufig gebrauchte Name Gedulah "Liebe", vielleicht sogar eine bessere Bezeichnung für diese Sephirah, als Chesed "Gnade". Der Name Chesed ist jedoch bekannter als Gedulah. Chesed liegt genau in der Mitte der "Säule der Gnade".

 

Betrachtet man die physische Ebene von Malkuth, so könnte man meinen, dass gerade von dieser Liebe in unserer Welt erschütternd wenig zu spüren ist. Doch es ist zu bedenken, dass das meiste Unglück sowieso vom Menschen selbst verursacht wird. Seine Unmenschlichkeit bringt unendliche Leiden mit sich und wird sie auch weiterhin auslösen, bevor die Mehrzahl der menschlichen Rassen nicht den Kontakt zu der Chesed-Sphäre gefunden hat. Es ist unwesentlich, ob wir diese Erkenntnis in der kabbalistischen Terminologie ausdrücken oder in einer anderen.

 

Ehe wir auf bessere Zeiten hoffen dürfen, müssen wir sämtliche Konsequenzen all des Unheils tragen, welches wir selber geschaffen haben. Dazu gehören heilige Kriege, Folter, Gaskammern, Konzentrationslager, Atombomben, auch Slums und dergleichen mehr.

Das mag hart klingen und so mancher wird sich fragen: "Warum lassen die Götter das zu?"

 

Darauf kann nur erwidert werden, dass man die Götter doch selbst fragen möge!

 

Eines Tages beschwerten sich die Eichen bei Zeus: Zu welchem Nutzen, sagten sie ihm,

sind wir auf die Erde gekommen, um dann unausweichlich unter dem Beil des Holzfällers zu enden?

Seid nicht ihr, antwortete Zeus, die Verantwortlichen für euer Übel,

da ihr doch selbst die Äste für eure Beile schafft?

 

Genauso ist es mit den Menschen:

Einige werfen den Göttern die Übel vor, die nur sie selbst verschuldet haben.

Äsop (ca. 6. Jh.v.u.Z.)

 

Der Gottesname der Sephirah ist El oder Al und setzt sich aus den hebräischen Buchstaben Aleph und Lamed zusammen. Wie bereits erwähnt bedeutet Aleph der Anfang. Eines der Symbole von Lamed sind die Flügel eines Vogels, wodurch der Gottesname die Vorstellung der Kraft ( Aleph) und ihrer Entfaltungsmöglichkeiten ( Lamed) erhalt.

 

Im Lichte dieser Erkenntnis könnte der Gottesname symbolisch dargestellt werden und würde der geflügelten Sonnenscheibe der alten Ägypter ähneln. Aleph wäre ein Symbol des Nichts, der Null, der Kreis. Die Flügel würden Lamed symbolisieren. Auch der Ochse ist ein kabbalistisches Symbol für Aleph wie der Ochsenstachel für Lamed, hier symbolisieren beide Buchstaben die treibende Urkraft, welche unter Kontrolle gebracht wird.

 

Der Erzengel der Sephirah Chesed, Tzadkiel und auch die Schar der Engel, Chasmalim oder die Leuchtenden, können bildlich dargestellt werden. Dabei steht der Erzengel in besonderer Beziehung zum Symbol des Reichsapfels. Der Einfluss, der vom Erzengel und von der Schar der Engel ausgeht, soll sich angeblich besonders ausgleichend auf geistige und emotionale Unbeständigkeit auswirken. Mangelnde Pünktlichkeit und Zeiteinteilung kann man als mentale Unordnung bezeichnen. Die Unfähigkeit, Ordnung zu halten wäre demgegenüber emotionale Unordnung. Die ausgleichenden, aufbauenden Kräfte der Sephirah Chesed können diese nachteiligen Veranlagungen möglicherweise günstig beeinflussen.

 

Der Planet Jupiter, das astrologische Prinzip, wird in der Astrologie als ein Planet mit einer grossen, wohltuenden Einflusssphäre angesehen und passt mit seiner ausdehnenden, expandierenden Eigenschaft sehr gut zu dieser Sephirah.

 

Das Symbol von Chesed ist das Quadrat, das in vielen Traditionen ein Symbol der Form darstellt.

 

In der heidnischen Mythologie beziehen sich auf die Sephirah Chesed alle jene Gottheiten oder göttlichen Aspekte, die wohlwollend über andere Götter und Menschen regieren.

Wir werden sehen, dass die Aspekte der heidnischen Götter und Göttinnen sich oft in ihren Funktionen überschneiden. So wird z.B. Zeus als Göttervater Chokmah zugeordnet, als Herrscher über Götter und Menschen aber würde er seinen Sitz in Chesed haben. In dieser Art lässt sich im Rahmen des kabbalistischen Systems so mancher verborgener mythologischer Vorgang verständlich machen und klassifizieren.