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allen Zeiten und in allen Kulturen haben immer wieder Männer und Frauen darüber
philosophiert, spekuliert
und meditiert, was denn wohl der Manifestation zugrunde liegen könnte. Bei ihren
Meditationen und Spekulationen sind sie immer auf einen Urgrund gestossen, für
den es keine bestimmten Begriffe gibt, da dieser Urgrund allen Seins unserem
menschlichen Verstehen nicht zugänglich ist. Die Menschen, die tief in die
kabbalistische Weisheit eingedrungen sind, erklärten, dass trotz der
Unnennbarkeit dieses Urgrundes, es möglich wäre, drei nebelartig-vage Begriffe
zu bilden, die aber nicht eindeutig definiert sind.
Die
Wörter, durch die wir versuchen, unsere vagen Gefühle hinsichtlich dieses
unnennbaren Urgrundes zu vermitteln, sind nicht klare Definitionen, sondern eher
Annäherungen an das, worauf diese Wörter hinweisen.
Wenn
die Kabbalisten und Kabbalistinnen also über diese nicht ausdrückbaren Aspekte
des Nichts sprechen oder schreiben, so verwenden sie den Begriff der "drei
Schleier des Absoluten" oder "die drei Schleier der negativen
Existenz".
Der
erste Schleier wird 

Ain genannt, was "Nichts, Null oder Nicht-Ding" bedeutet. Als Fragepronomen
gebraucht, bedeutet es "wo?". Es weist auf die Frage hin, "Woher kommt
denn bloss und wohin
geht denn nur das Universum?". Es bedeutet auch "nicht, nein, ohne". In der



Kabbala bedeutet dieser Begriff die Befreiung jeder erdenklichen Bestimmung von
Masse, Menge, Form, Substanz oder Eigenschaft.
Der
zweite Schleier heisst 



Ain Soph, was wörtlich "keine Grenze" bedeutet, doch in der Regel mit
"das Grenzenlose" übersetzt wird. Im Bezug auf das Nichts ist das
einleuchtend. Etwas, das von jeglicher Qualifikation frei ist, kann weder Anfang
noch Ende haben.






Ain Soph Aur, das grenzenlose Licht, wird der dritte Schleier der negativen
Existenz genannt. Dieser Schleier zeigt uns das Bild eines grossen Meeres aus
dunklem, lebendigen und potentiellen Licht.
Dieses Licht ist es, das sich der kabbalistischen Lehre gemäss, zu einem
schöpferischen, bewussten Zentrum,


Kether verdichtet und kristallisiert. Dieses bewusste Zentrum meditiert
angeblich nun
über sich selbst, in einem ewigen Hier und Jetzt, um so das Universum zu
erschaffen und zu erhalten.
Das Nicht-Manifestierte ist, bevor irgend etwas war und dieses
Nicht-Manifestierte ist eins.
Es
ist das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Da das Konzept des
Nichtmanifestierten weit über die Grenzen der menschlicher Vernunft hinausgeht,
kann es uns auf dem Wege des rationalen Fassungsvermögen auch nicht zugänglich
gemacht werden. Wahrscheinlich bemühen sich die Zen-Buddhisten deshalb, die
Vorherrschaft des Verstandes im Menschen zu reduzieren, indem sie mit einem Koan
arbeiten, wie z.B. "Keine Bejahung, keine Verneinung, aber auch keine
Bejahung-Verneinung. Was meinst du dazu?", "Das letztendliche Ziel ist
nicht Buddha, noch ist es der Geist, oder Dinge" und anderen scheinbaren
Paradoxien.
"Meister,
stellt euch vor, hier stünde eine sehr grosse Glasflasche mit einer Öffnung,
gerade so gross, dass man ein Gänseei
an einem Faden langsam runterlassen könnte.
Nach einiger Zeit bricht das Ei auf und es kommt ein Gänseküken heraus.
Es wird immer grösser und grösser und auf einmal ist da eine völlig
ausgewachsene Gans in der Flasche drin.
Nun möchte ich euch fragen,
wie bekommt ihr nun die Gans aus der Flasche heraus,
ohne dass die Flasche kaputt geht und ohne dass die Gans Schaden erleidet?"
Der Meister ist für eine Weile still...
Plötzlich ruft er:
"He, Philosoph!"
"Ja, Meister?"
"Schau, sie ist draussen!"
Der
Versuch, sich das Nicht-Manifestierte rational vorzustellen, wirft nur
"Sand in das Getriebe unseres Verstandes".
Das
Nichts entspricht dem Tao von Lao-Tse, der schrieb. "Das Tao, über das
diskutiert wird, ist nicht das wahre Tao, die Eigenschaft, die benannt wird, ist
nicht sein wahres Attribut."
Die
Hindus sagen: "Das Absolute soll nicht durch dies, nicht das usw.
beschrieben werden, sondern nur durch Verneinung."
In
der hebräischen Schrift bestehen die Schleier aus 3, 6 und 9 Buchstaben, welche
sich folgendermassen zusammensetzen:
zu den drei Buchstaben des


Ain werden im zweiten Schleier drei Buchstaben hinzugefügt 



Ain Soph. Zu den sechs Buchstaben des 



Ain Soph kommen nochmals drei Buchstaben 





Ain Soph Aur.
Dies
weist auf die drei Säulen des Lebensbaumes hin, in denen sich die Kraft aktiv,
passiv oder im Zustand des Gleichgewichts manifestieren kann.
Von
der Existent der vier Welten im Lebensbaum kann nur dann gesprochen werden, wenn
sich ihr Gesetz im Lebensbaum bis zur Vollendung verwirklicht. Zieht die
Manifestation sich aus dem Lebensbaum ins Nichts zurück, so hören sie auf zu
existieren. Die Säulen bleiben aber als Möglichkeit der Kraftentfaltung weiter
bestehen, unabhängig davon ob eine Manifestation stattfindet oder nicht.
Die
Glyphe der Säulen sollte demnach nicht als ein Teil des Lebensbaumes angesehen
werden. Sie sind für sich existierende Einheiten. Die




Sephiroth sind
Daseinsmöglichkeiten, die Pfade zwischen ihnen sind die damit verbundenen
möglichen Bewusstseinserfahrungen, die Säulen hingegen sind
Manifestationsmöglichkeiten und haben ihren Ursprung im
Nicht-Manifestierten.
Auf der Suche nach weiteren Metaphern für Konzepte, welche durch die Schleier
der Nicht-Existenz bedingt werden, kann es hilfreich sein, sich auf die frühen
Verse im alten Testament zu besinnen.
Es heisst, dass die Bibel nur im Licht der
Kabbala voll verstanden werden kann, denn letztere wird als die mystische
Auslegung der Bibel bezeichnet. Der Talmud hingegen ist ihr wissenschaftlicher
Kommentar, Aaamen!
Im
ersten Kapitel der Genesis, Vers 2-5 heisst es: "Und die Erde war wüst und
leer und es war finster auf der Tiefe und der Geist Gottes (





Ruach Elohim,
wörtlich- der Lebensatem der Götter) schwebte auf dem Wasser.
Und die 



Elohim sprachen: Es werde Licht und es wart Licht. Und die




Elohim sahen, dass das Licht gut war. Da schieden die




Elohim das Licht von der Finsternis und nannten das Licht Tag und die Finsternis
Nacht."
Wer
nicht gerade in fundamentalistischen Bibelgläubigkeit
lebt und Mitglied der
Jesus Revolution Army ist, wird erkennen, dass "Erde", "Wasser" und
"Licht" hier nicht in ihrer alltäglichen Bedeutung zu verstehen
sind.
So
könnte man z.B. die finstere Tiefe mit 

Ain, dem Nichts vergleichen und den
Geist Gottes, der über den Wassern schwebt, mit 



Ain Soph, der Unendlichkeit.
Das Licht wäre dann dem 





Ain Soph Aur, dem unbegrenzten Licht
gleichzusetzen.
An
dieser Stelle sollten die östlichen Lehren Beachtung finden, die von den Tagen
und Nächten der Manifestation sprechen. Nach einem Tag der Manifestation zieht
sich der gesamte Kosmos in seinen Ursprung zurück, wo er in der einen Nacht des
Pralaya ruht.
In
fast allen religiösen Schöpfungsmythen steht zu Beginn der Schöpfung die
Manifestation des Lichtes. Die Schleier der Nicht-Existenz dagegen weisen auf
die Zeit kurz vor der Morgendämmerung hin, also noch bevor das Licht völlig
aus der Dunkelheit geboren wurde. Gerade in diesen dämmrigen Bereichen finden
wir viele Symbole, die ein gewisses Verständnis für die Ur-Dunkelheit zu
vermitteln versuchen, welche vor allem Beginnen und Werden bereits war. Sie alle
sind Variationen des Kreises oder der Kugel. In der Alchemie ist es der
Ouroboros, die Schlange, die sich in den Schwanz beisst und sich selbst
verschlingt.
Die
kreisförmige Figur, die endlose Linie kann am ehesten die Vorstellung von etwas
vermitteln, was in sich geschlossen ist ohne Anfang ohne Ende, ohne davor und
danach- von dem, was einfach ist, ohne Zeit, ohne Raum, ohne oben, ohne unten.
Zeit und Raum, Anfang und Ende tauchen erst mit dem Licht, dem Bewusstsein auf,
welches dort noch nicht vorhanden ist.
Das
Nichts ist der Keim, aus dem die gesamte Schöpfung hervorgeht. Das Symbol
des kosmischen Eies kommt dieser Vorstellung wohl am nächsten. Es ist ein Stadium,
in welchem potentielle Gegensätze harmonisch vereint sind. Es ist der
vollkommene Anfang, aus dem die Gegensätze sich noch nicht herauskristallisiert
haben. Es ist auch das vollkommene Ende, denn die Gegensätze sind wieder
zusammengeschmolzen. Es ist gleichzeitig der Ur-Keim und die letzte Synthese
aller Schöpfung.
In
dem "Geheimen Buch von Dzyan", von H.P. Blavatsky's
"Geheimlehren" wird in der ersten Strophe eine andere Beschreibung
dieses Zustandes gegeben. "Die ewigen Eltern schlummerten eingehüllt in ihren
ewig-unsichtbaren Gewändern erneute sieben Ewigkeiten. Die Zeit gab es nicht,
denn sie lag schlafend am unendlichen Busen der Dauer. Es gab keinen universalen
Geist, denn es gab keine intelligenten Wesen, die ihn hätten aufnehmen
können... Die Ursachen der Existenz sind nicht mehr da, alles was sichtbar war
und unsichtbar ist, ruhte in dem ewigen Nicht-Sein, dem Einssein. Die eine Form
der Existenz allein breitete sich aus, grenzenlos, allumfassend, ohne Ursachen,
in traumlosem Schlaf. Und das Leben pulsierte unbewusst im endlosen Raum, durch
die Allgegenwart, die von den Sehern mit den "geöffneten Augen" gespürt
wird. Wo war aber der Seher, als die Über-Seele des Universums in das Absolute
aufgesogen wurde und das grosse Rad elternlos war?"
Diese
Darstellung des Nichtmanifestierten basiert auf der Vorstellung, dass die
Manifestation nach einer gewaltigen zyklischen Gesetzmässigkeit abläuft. Nach
Ablauf eines Zyklus wird sie in das Nicht-Manifestestierte zurückgezogen, um
dann nach einer bestimmten Zeit wieder als Manifestation hervorzutreten. Fürwahr
eine schöne Vorstellung, aber von der Astrophysik längst widerlegt. Der dritte Vers dieses Textes beschreibt den Beginn der Manifestation,
kabbalistisch ausgedrückt in das die Entstehung der ersten Emanation Kether,
wie folgt: "Die letzte Vibration der siebten Ewigkeit durchläuft die
Unendlichkeit. Die Mutter schwillt an und entfaltet sich wie die Knospe einer
Lotusblume, von innen nach aussen. Die Vibration eilt dahin und berührt mit
ihren geschwinden Flügeln das ganze Universum und den Keim, der in der
Dunkelheit ruht, welche über den schlummernden Wassern des Lebens atmet. Die
Dunkelheit strahlt Licht aus und das Licht sendet einen einzigen Strahl in die
Tiefe der Mutter. Der Strahl schiesst durch das jungfräuliche Ei und lässt das
ewige Ei erbeben. Dieses lässt nun den nicht ewigen Keim fallen, welcher sich
zum Welten-Ei verdichtet."
Weiter
heisst es: "Dann zerfällt die Drei in die Vier." Die "Drei" deutet
wohl auf die Schleier der Nicht-Existenz, in denen die drei Möglichkeiten der
Kraftentfaltung, nämlich Positiv, Negativ oder Gleichgewicht enthalten sind.
Das Symbol dafür ist die Glyphe der drei Säulen. Die "Vier" weist auf


Kether hin.
Wir werden sehen, dass diese



Sephirah eine vierfältige Natur hat.


Kether ist die Krone der Schöpfung und in
Kether liegt auch die Wurzel der vier Elemente. Somit wird die vierfältige Natur
von


Kether auf alle Ebenen der Manifestation übertragen. Die "Alten" nannten diese
vierfältige Natur "unsere" Elemente. Ihrem philosophischen Konzept zufolge setzt
sich jede Substanz aus einem unterschiedlichen Gemisch von Erde, Luft, Feuer und
Wasser zusammen. Die Elemente verstanden sie als Daseinszustände.
Sie
haben natürlich auch versucht, diese Vorstellung auf die wissenschaftlichen
Grundbereiche der Chemie zu übertragen, wodurch logischerweise zahlreiche irrtümliche
Vorstellungen entstanden sind.
Die Texte, mit denen wir uns hier auseinander setzten, versuchen das Nichts von
verschiedenen Gesichtspunkten zu symbolisieren und zu interpretieren. So muss
die Auslegung zwangsläufig im Detail unterschiedliche Deutungen bringen. Jeder
und jedem wird ohnehin geraten, die Symbolik selbst auszulegen und nicht einfach
die Interpretation von anderen zu übernehmen. Allein schon durch die
Verschiedenheit der menschlichen Psyche werden die Dinge von jeder und jedem in
einem anderen Licht gesehen. Eine Auslegung aus zweiter Hand übernommen, die von
unserem Verständnis nicht erfasst wurde, verliert ihre Bedeutung.
Bei
dem Griechen Hesiod, der seine "Theogonie" im 8. Jhd.v.u.Z. schrieb,
finden wir eine enge Verwandtschaft zu dem Konzept des Nicht-Manifestierten.
"Wahrlich,",
so schrieb er, "zuerst entstand das Chaos, endlos und dunkel."
Das
Chaos wurde ursprünglich abgeleitet von dem Verb "offen stehen" (gähnen)
und bezeichnet somit einen offenen Raum. Später kamen dann hinsichtlich des
Begriffes Chaos Unklarheiten auf, da er fälschlicherweise von einem anderen
Verb abgeleitet wurde, das in seiner Grundbedeutung "ausschütten" heisst. Dadurch entstand der Eindruck von einer unübersichtlichen
unorganisierten Masse von Elementen, die sich unordentlich im Raum verstreut
befinden.
Das
Chaos ist in seiner ursprünglichen und wahren Bedeutung ein rein kosmisches
Prinzip, frei von gottähnlichen oder sonstigen Formen.
"Und
später," so fährt Hesiod fort, "die Göttin Gaia, breitgebrüstet,
ein Sitz von ewiger Dauer für alle Götter, die des Olymps beschneite Gipfel
bewohnen und des Tartaros (Unterwelt) Dunkel im Abgrund der wegsamen
Erde,".
Gaia
war somit eine Erdgöttin. Aus kabbalistischer Sicht gehört sie also aufgrund
ihrer Attribute zu Malkuth. Überprüft man aber ihre Eigenschaften jedoch
genauer, so wird man feststellen, dass mit "Erde" die feste Grundlage der
Manifestation gemeint ist. Dieser Ausdruck bezieht sich keineswegs nur auf die
feste Grundlage, welche für das wachsende Leben auf unserem Planeten
unentbehrlich ist, sondern beinhaltet auch eine kosmische Komponente.
Sie
ist die Mutter allen Seins. Also eine Schöpfergöttin und daher Kether
zugeordnet.
"Eros
zugleich, er ist der schönste der ewigen Götter," geht es weiter,
"lösend bezwingt er den Sinn bei allen Göttern und Menschen tief in der
Brust und bändigt den wohlerwogenen Ratschluss."
Neben
Gaia erscheint denn Eros, allerdings hier nicht als der spätere,
vergleichsweise "unbedeutende" Gott der menschlichen Liebe. Dieser
Eros muss in seiner gewaltigen Bedeutung kosmisch verstanden werden. Man könnte
sich den mächtigen Gott Eros vorstellen, der seinen Bogen spannt und einen
gewaltigen Pfeil weit hinaus schiesst, welcher durch den Weltraum jagt und dort
die verschiedenen Ebenen schafft. Dann steigt dieser Schöpfergott zu den Ebenen
hinab auf einer Bahn, die dem "Blitzstrahl" auf dem Lebensbaum
gleicht.
"Das
Chaos zeugte Erebos, die Finsternis, und Nyx die Nacht. Diese schenkten Aither,
der Athmosphäre, und Hemera, dem Tag das Leben. Die Erde gebar den gestirnten
Himmel, Uranos, das Meer, Pontos, und die Gebirge. Dann vereinigte sie sich mit
Uranos und brachte die Titanen, die Kyklopen und die Hekatoncheiren, die
Hundertarmigen, zur Welt."
Somit
können Gaia und Eros auch als


Kether-Gottheiten gesehen werden, welche die
Bi-Polarität der Gottheit verdeutlichen. Diese Eigenschaft wird auch noch
dadurch verdeutlicht, dass Gaia Uranus "den sternenklaren Himmel" und
Pontus, "das unfruchtbare Meer" gebiert. Beide fügen sich als Entsprechungen zu



Chokmah und



Binah gut in die kabbalistischen Vorstellungen ein.
Das
Chaos brachte ebenfalls, wie wir sahen, Erebos und Nyx hervor, die durch ihre
Vermählung Aither und Hemera, den Tag gebären. Das stimmt mit der ersten
Manifestation des Lichtes überein, wie sie in den bereits untersuchten Texten
beschrieben wurde.
Im
ägyptischen Götterglauben wird im heliopolitanischen System der Gott Nu als
Ur-Ozean bezeichnet, in dem der Keim aller Schöpfung liegt. Nu wurde "Vater
der Götter" genannt. Es wurden für ihn allerdings keine Tempel gebaut.
Obwohl man zuweilen Darstellungen von ihm findet, wo er bis zur Brust im Wasser
steht und die von ihm geschaffenen Götter emporhält, verkörperte er ein rein
abstraktes kosmisches Prinzip.
Es
hiess, dass vor jeglicher Schöpfung in Nu ein formloser Geist lebte, welcher Atum genannt wurde und in sich die Gesamtheit jeglichen Seins trug. Als er dann
aus Nu heraustrat und sich zu einer eigenen Einheit gestaltete, gebar er alle
Götter, die Menschen und alle Lebewesen. Er wurde dann als Ra oder Atum-Ra
bekannt. In diesem Mythos stellt er ganz offensichtlich eine Kether-Figur
dar.
Ein
interessanter Aspekt der ägyptischen Vorstellungswelt des Nichts ist die
ägyptische heilige Achtheit, die in Hermopolis verehrt wurde und zu je vier
Paaren geordnet wurde. Nun und seine Gemahlin Naunet als Urwasser, Huh und
Hauhet als Ewigkeit des Raumes, Kuk und Kauket als Finsternis, Amun und Amaunet
als Unsichtbarkeit.
Auch
die Gestalt der acht Götter weist auf ihren Charakter als Urwesen hin. Die
weiblichen wurden als Schlangen und die männlichen als Frösche dargestellt,
alles Tiere, die man autogen aus dem Schlamm entstanden wähnte. Interessant mag
auch sein, dass in der Alchemie, der Frosch oder die Kröte ein Tier ist, das
man schon immer mit der Prima Materia gleichgesetzt hat.
Die
meisten Religionen, die sich seit der Antike neu etabliert haben, sind stark
männlich dominiert oder haben überhaupt nur männliche Gottheiten und auch die
alten Religionen mit Göttinnen und Göttern wurden in einer Form überliefert,
die ihre männlichen Aspekte betonte.
Daher
wirkt die Vorstellung, Göttinnen oder eine Göttin zu verehren, heute für viele
Menschen befremdend, denn trotz aller Gleichberechtigung und Emanzipation wird
immer noch in vielen esoterischen und okkulten Systemen der Eindruck erweckt, dass Göttlichkeit gewissermassen von Natur aus
oder jedenfalls in erster Linie eine männliche Eigenschaft sei.
Daher kann es bemerkenswert
erscheinen, dass in vielen Kulturen, Religionen und mystischen Erfahrungen,
dieser Urgrund, obwohl unnennbar und jenseits von Name und Form, als weiblich
bezeichnet und erfahren worden ist. (Auch die moderne Genetik weist übrigens unmissverständlich darauf hin, dass sich die
Polarität der Geschlechter aus dem Weiblichen herausentwickelt hat und
spätestens in 125 000 Jahren das männliche X-Chromosom dergestalt verkümmert
sein wird, dass keine männlichen Wesen mehr geboren werden können!)
Es gibt ein eigenschaftsloses und vollkommenes Wesen,
das vor dem Himmel und der Erde entstanden ist.
Wir dürfen es als Mutter der Welt betrachten,
doch kenne ich ihren Namen nicht.
Ich nenne es Tao.
Der Geist des Tales ist unvergänglich.
Er
heisst das mystisch Weibliche.
Das Tor zum mystisch Weiblichen ist die Wurzel von Himmel und Erde.
Tao
te king
In
einigen Texten wird daher Nut als die Göttin bezeichnet, welche die Welt
erschaffen hat, einschliesslich der Sonne. So heisst es
in einem alten ägyptischen Papyrustext:
Nut, welche die Sonne gebar
und die Keime der Götter und Menschen legte.
Sie ist Vater der Väter,
Mutter der Mütter,
das Seiende nämlich,
welches von Anfang war,
was da ist, da sein wird und was gewesen -
Bin ich Nut!
Meinen Schleier hat keiner aufgedeckt.
Die Frucht, die ich gebar, war die Sonne.
Nut
weist somit Parallelen zum Nicht-Manifestierten auf. Beachte in diesem
Zusammenhang die Übereinstimmung des Schleiers der Nut, der von niemandem
aufgedeckt werden kann mit dem Schleier des Absoluten. Es ist ganz natürlich,
dass sich die Vorstellungen zuweilen Überschneiden, welche man sich von den
Göttern und insbesondere von den Muttergöttinnen machte. Die Mutter aller
Formen die als eine



Binah-Figur zu verstehen ist, kann auf einer höheren Ebene
als All-Mutter angesehen werden, als die schwarze fruchtbare Erde des
grenzenlosen Lichtes in der der Lebensbaum wurzelt.
Man
muss sich mit diesen "Übertragungen" vertraut machen, obwohl sie uns
Anfangs verwirren können. Später geben sie uns aber viele wertvolle
Anhaltspunkte, um die Beziehungen zwischen den verschiedenen Erscheinungen des
manifestierten Universums besser verstehen zu können.
Ein
weiteres Beispiel für solche Übertragungssymbole im ägyptischen
Götterglauben ist der häufig erwähnte Käfergott Scarabäus oder auch Khephra.
Es heisst, dass er aus seiner eigenen Substanz hervorging. Er ist also sowohl
ein Symbol für die Sonne als auch für das Leben selbst, welches sich ständig
aus sich selbst erneuert.
Er
kann aber auch das Nicht-Manifestierte symbolisieren, da ja im zyklischen
Rhythmus der Weltentage und Weltennächte das Manifestierte aus dem
Nicht-Manifestierten geboren wurde.
Der
Phönix, der aus seiner Asche aufsteigt, ist eine Analogie hierfür.
In
dem Versuch, zu der Wirklichkeit vorzudringen, die sich hinter der Symbolik
eines Mythos verbirgt, werden Ausdrucksformen gebraucht, die nicht nur in ihrer
ursprünglichen Bedeutung verstanden werden dürfen. Wir haben schon gesehen,
dass mit dem Begriff "Erde" auch die allererste Grundsubstanz der
Manifestation gemeint sein kann. Der heutige Mensch belächelt die Menschen
früherer Zeiten, dass im Kosmos zuerst die Erde geschaffen worden sei und dann
erst die Sonne und die Sterne. Tatsächlich haben vor Kopernikus die meisten
Menschen diese Ansicht vertreten, einige durchgeknallte biblische Fundamentalisten tun es heute
noch.
Viele
Mythen sind jedoch ihrem Charakter nach Parabeln. Sie sind von Priesterinnen,
Priestern und Einweihungsschulen ersonnen worden, um angebliche kosmischen Prinzipien
zu veranschaulichen.
So können z.B. Mythen, die sich auf die Sonne oder den Mond beziehen, auf
psychische Zustände hinweisen. Sie können etwas feuriges, elektrisches,
strahlendes symbolisieren oder entsprechend etwas wässriges, magnetisches,
reflektierendes. Wir müssen lernen, wie die Menschen jener Tage zu denken.
Es ist ratsam, sich meditativ mit den aufgeführten Texten, Symbolen und
Schöpfungssystemen auseinander zusetzen. Dadurch können wir allmählich zu einem
klaren Bewusstsein der Nicht-Existenz erwachen. Auch die Meditation über
folgende Gedanken und Bilder können uns hierbei hilfreich sein, da sie, so wie
gesagt wird, bis an den Ursprung führen.
-Ein
unendlicher Ozean von Nicht-Licht.
-Das
Nichts, welches in einer wirbelnden Bewegung ein bewusstes Zentrum
kristallisiert.
-Ein
unsichtbares Netz, auf dem sich glitzernder Tau bildet.
-Dunkelheit
und Stille.
Das
Tao ist ein leeres Gefäss.
Es ist unerschöpflich.
Unergründlich.
Tao
te king

