Der Bibelcode

 

Glauben heisst nicht wissen.

Aber Religion heisst nichts wissen wollen.
Liber Freakonomikon

 

 

or einiger Zeit lustwandelte ich wieder mal durch diverse okkulte Läden und Büchereien (die mich aber seit längerem nur noch an abstrus-esoterische Kuriositätenkabinette erinnern, in denen sich ständig übersäuerte graumelierte "Wünsch - dir - doch - mal - was - Schönes - beim - Universum" - Tanten tummeln), in der Hoffnung, irgendwo möglicherweise ein magisches Schnäppchen (wie z.B. das "Al Azif" im Original) zu ergattern.

 

Ja, wer erinnerst sich noch an die gute alte Zeit, als okkulte Buchhandlungen noch düstere Orte waren, in denen schräge Typen schwarz eingefasste magische Bücher studierten und sich mit der Verkäuferschaft über Karl Spiesberger, die Fraternitas Saturni, Aleister Crowley, den "Golden"Dawn" und den guten alten Franzl Bardon auseinandersetzten?

 

Also, was erblickte nun mein müdes (drittes) Auge, als ich, wie schon so oft, die Antiquariatsbüchertische abklapperte?

Oh Schreck..., nein..., nein..., neeeeiiinnnn..., "Der Bibelcode" von Michael Drosnin! Nicht schon wieder! Und ohne Umschweife schickte sich sofort mein Körper an, meine Mittagspizza auf dem selben Weg aus dem Magen heraus zu befördern, durch den ich die Salami-Pizza dem Organismus vorab zugeführt hatte!

 

Ok (malschnelldaserbrocheneaufwisch), um was geht es nun konkret in dieser nervigen Bibelkreuzworträtselschmonzette und welche möglichen Geheimnisse sollen in diesem Machwerk anscheinend sowohl verborgen, wie auch verhüllt sein?

 

Nun, erst mal vorab sei erwähnt, dass es schon immer zahlreiche Versuche der Menschheit gegeben hat, die Welt um sich herum durch verschlüsselte Botschaften zu erklären. Diese sollen vor allem in der modernen Zeit mit Hilfe von Zahlen- oder Zeichencodes ver- und entschlüsselt werden können.

Ein Beispiel von vielen für diese Codes ist die These, dass Bill Gates eine Verkörperung Satans ist, da man, wenn man die Buchstaben seines Namens durch ihre ASCII-Codes ersetzt und diese addiert, als Ergebnis 666 (die Zahl des "Antichristen") erhält.

Interessant mag da auch erscheinen, dass mein gutbürgerlicher Vor- und Nachnahme nach der "Beatus von Liebana-Gematria" ebenfalls die Zahl 666 aufweist.

 

Oh Schreck, ich habe es schon immer geahnt!

Vadre retro, Satanas!

 

Oft sind übrigens diese abgeschmackten Behauptungen eingebettet in grössere Verschwörungstheorien, wie beispielsweise die über eine Verschwörung des Weltjudentums. So wird zum Beispiel behauptet, die 1-Dollar-Note weise mehrfach die Zahl 13 auf (13stufige jüdische Freimaurerpyramide, Phrasen mit 13 Buchstaben, 13 Sterne, 13 Kriegspfeile, 13 Streifen, Olivenzweige mit 13 Blättern, etc.).

Die Zahl 13 gilt überall auf der Welt als Unglückszahl. In jüdischen Kabbala jedoch als Glückszahl, da die Wörter Aheba "Liebe" und Achad "Einheit" den Zahlenwert 13 aufweisen.

Damit sei bewiesen, dass eine jüdische Weltverschwörung die amerikanische bzw. weltweite Wirtschaft kontrolliere, ächz...

 

 

Die Studie von Witztum, Rips und Rosenberg

 

1990 veröffentlichten die israelischen Computerexperten und Physiker Doron Witztum, Joav Rosenberg und Prof. Eliyaho Rips unter dem Buchtitel "Die zusätzliche Dimension" erste Codeversuche, denen ein vermeintlich wortwörtliches Bibelverständnis zugrunde liegt.

1994 folgte eine detaillierte Studie, die in dem renommierten wissenschaftlichen Magazin "Statistical Science" veröffentlicht wurde und die die erste wissenschaftlich ernstzunehmende Behauptung in dieser Sache darstellte.

(Dazu der damalige Herausgeber von Statistical Science, Robert Kass: "Wir veröffentlichen auch amüsante Aufsätze").

 

Dabei wurde behauptet, dass in den Texten der Bibel geheime Codes versteckt sind, die verschlüsselte Botschaften und Prophezeiungen enthalten.

 

Nun, die Idee, dass in der Thora ein verborgener Code zu finden sei, ist nicht neu, sondern entstammt der Kabbala, einer im Mittelalter entstandenen mystischen Bewegung. Demnach sei die einfache Bedeutung des Textes der hebräischen Bibel nicht seine wahre Bedeutung, vielmehr habe Gott jeden Buchstaben als Symbol benutzt, um jenen, die sie zu deuten wüssten, eine erhabenere Wahrheit zu enthüllen.

Schon der kabbalistische Rabbi Bachya Ben Asher von Saragossa in Spanien schrieb bereits im 13. Jahrhundert, er habe in Intervallen von 42 Buchstaben in einem Abschnitt der Genesis ein Geheimnis entdeckt.

 

Diese Methode benutzte auch Witztum, Rips und Rosenberg, allerdings mit Mitteln des Computerzeitalters. Die Bibeltexte werden wie eine Art Computerprogramm analysiert, was folgendermassen funktioniert:

 

Der hebräische Text der fünf Bücher Mose (= 304 805 Buchstaben) wird zunächst ohne alle Leerstellen in einem Computer abgespeichert. Dann werden aus diesem Buchstabenvorrat die jeweils "n-ten" Buchstaben (z.B. mit dem Abstand n = 2, 3, 4 oder 17, 35 usw.) entnommen, wodurch ständig neue Buchstabenreihen produziert werden können. Durch Verschiebung des Zählanfangs besteht die Möglichkeit, weitere unterschiedliche Buchstabenfolgen zu erzeugen.

 

Die so gewonnenen Buchstabenreihen werden in Blöcken mit einer bestimmten Spalten und Zeilenzahl angeordnet. Diese neu gebildeten Buchstabenreihen können nun per Computer auf bestimmte vorgegebene Begriffe untersucht werden. Findet man einen von diesen, so wird in der Umgebung nach weiteren sinnvollen Wörtern gesucht. Ausserdem darf auch der im Klartext stehende Bibeltext in der Umgebung der Stelle herangezogen werden.


Witztum, Rips und Rosenberg behaupteten nun in ihrer Studie, dass sie im hebräischen Text der Genesis nach Löschung der Wortzwischenräume und durch Überspringen von Buchstaben in stets gleichen Intervallen die Namen von 34 berühmten Rabbis gefunden haben – samt Geburtstag- oder Sterbedatum unweit der Namen. Da dies statistisch gesehen kein Zufall sein könne, beweise dies, dass göttlich inspirierte Informationen vor Jahrtausenden als "Bibelcode" verborgen wurden.
 

 

Das Buch "Der Bibel Code" von Michael Drosnin

 

Noch populärer wurde die Bibelcode-Theorie durch das 1997 erschienenen Bestsellerbuch "Der Bibel Code" von Michael Drosnin, der in der Bibel eine Fülle von geheimen Voraussagungen entdeckt zu haben glaubte. Die Ermordung von Kennedy und Rabin, die Präsidentschaft Clintons, die Mondlandung und der atomare Holocaust (der uns ja angeblich im Jahre 2007 ereilen sollte!) sind nur einige der Ereignisse, die Drosnin in der Bibel vorausgesagt sah.

Drosnin bezieht sich bei seinen Thesen auf die Forschungsarbeit von Witztum, Rips und Rosenberg. Diese distanzierten sich jedoch schnell von seinen populärwissenschaftlichen Aussagen. So fehlen in Drosnins Buch z.B. jegliche methodischen Nachweise, wie er zu seinen Erkenntnissen gelangt ist.

 

Drosnin glaubt, durch seine Untersuchungen die Existenz Gottes nachgewiesen zu haben und ist der Ansicht, dass Gott die Menschheit durch seine codierten Prophezeiungen warnen will: "Der Bibelcode zwingt uns, das als Tatsache anzuerkennen, was die Bibel uns lediglich auffordert zu glauben – dass wir nicht allein sind."
 

 

Widerlegungen von Brendan McKay, Dirk Schröder und anderen

 

Auch wenn zahlreiche Mathematiker und Statistiker der Universitäten Yale, Harvard und Jerusalem an die Existenz eines Bibelcodes glauben, gibt es jedoch auch viele Gelehrte, die versuchen, sowohl die Untersuchungen von Witztum, Rips und Rosenberg als auch das Buch von Michael Drosnin zu widerlegen.

 

Hauptkritikpunkt ist die Willkür, mit der Buchstabenkombinationen erdacht werden. So spielt es beispielsweise keine Rolle, ob nun jeder 2. Buchstabe in Betracht gezogen wird oder jeder 1000.

Im Fall von Jizchak Rabin muss man nur jeweils 4772 Buchstaben überspringen, dann hat man ihn. Wenn man diese Konsonanten dann liest (man muss jeweils darauf achten, wie herum es Sinn ergibt) und dabei die Vokale ergänzt, dann ergibt das den Namen Jizchak Rabin.

Boah..., welch ein Wunder!

 

In der Regel wird für die Analyse ein hebräischer Bibeltext verwendet, der keine Vokale enthält und nur 22 Zeichen umfasst.

Das bedeutet, dass dort die Silben mehrdeutig sind und ausserdem die Wörter kürzer, dadurch wird die Bildung von sinnvollen Wörtern natürlich rein statistisch schon erheblich wahrscheinlicher. Wenn z.B. das deutsche Alphabet wie das hebräische Aleph-Beth aufgebaut wäre (ohne Vokale) und in einem deutschen Text würde die Buchstabenkombination KBL aufgefunden, was könnte dies wohl alles bedeuten? Für Drosnin und andere religiös-esoterische Schwarmgeister wäre diese Kombination natürlich der Hinweis auf die jüdische Geheimlehre, die Kabbala. Doch diese Konsonanten könnten logischerweise auch auf das Wort "Kabel" oder "Kübel" hinweisen, in welchen der Bibelcode sinnvollerweise entsorgt gehört.

 

Ausserdem erscheint es zweifelhaft, dass der verwendete Bibeltext tatsächlich den so genannten Urtext darstellt.

Nimmt man dann zusätzlich zu gefundenen Wörtern noch Wörter aus dem Originaltext hinzu, die in der Nähe stehen, scheint es fast logisch, dass sich immer mehrere passende Wörter zusammenfinden.

 

Michael Drosnin behauptete dennoch, dass derartige Funde nur in der Bibel möglich seien: "Wenn meine Kritiker einen Hinweis auf die Ermordung eines Premierministers in Moby Dick verschlüsselt finden, werde ich ihnen glauben" (in einem Newsweek-Interview).

 

Um die Behauptungen der Vertreter des Bibel-Codes ad absurdum zu führen, suchten australische Mathematiker um Brendan McKay und israelische Kollegen tatsächlich nach ähnlichen Prophezeiungen in Büchern wie "Moby Dick" oder "Krieg und Frieden" – und wurden fündig, was aber Michael Drosnin schlussendlich doch nicht davon abgehalten hat, noch einen zweiten Teil seiner Bibelschmonzette "Der Bibelcode 2 - Der Countdown" auf die Menschheit loszulassen.

Michael, erbarme dich unser!

 

So konnten sie mit derselben Methode, die Witztum, Rips und Rosenberg angewendet hatten die Ermordung von Lady Diana in einer englischen Version von "Moby Dick" nachweisen:

 

 

 

 

In diesem Textabschnitt finden sich unter anderem die Worte Lady Diana, Royal, Dodi, Henri Paul (der Fahrer), Road – im normalen Text kann man "mortal in these jaws of death" und "foolishly wasted" lesen.

 

Weitere Ermordungen, die im Text von Moby Dick gefunden worden sind, umfassen unter anderem: Indira Gandhi, Leo Trotzkij, Martin Luther King und John F. Kennedy.

 

Zu ähnlichen Ergebnissen wie McKay kommt David E. Thomas, ein bekannter Skeptiker, dessen Spezialität die Widerlegung von Ufo-Geschichten ist. Für die Novemberausgabe der Zeitschrift Skeptical Enquirer nahm sich Thomas die englische King-James-Version des alten Testaments vor und stiess dort nach kurzer Suche auf den Ort "Roswell" und die Buchstaben "Ufo". Wusste also schon die Bibel von der Landung der Ausserirdischen im Jahr 1947?

 

Als nächstes begann der Physiker mit einer systematischen Suche nach Begriffen, parallel im Buch Genesis der englischen Bibel und in einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofes der USA. Das für rationale Geister nicht gerade überraschende Ergebnis: In beiden Texten lassen sich kurze Wörter öfter finden als lange, Wörter mit häufig vorkommenden Buchstaben finden sich auch besonders häufig. Einmal in Fahrt, konnte auch Thomas viele Begriffspaare aufstöbern, in die Orakelsüchtige einiges hineininterpretieren können: "comet", "Hale", "Bopp" und "died", "Los Alamos", "atom" und "bomb". "Hitler" zusammen mit "Nazi" fand er gleich dutzendweise in mehreren Texten.
 

 

Gibt es nun wirklich ein 3000 Jahre altes Buch, in dem der atomare Holocaust und Dianas Autounfall in einem Pariser Tunnel vorhergesagt wird? Hat Gott gewollt, dass wir nach und nach seinen geheimen Plänen auf die Schliche kommen oder bastelt er nur gerne Kreuzworträtsel? Ist die Bibel gar von Ausserirdischen diktiert worden, die sich nun über unsere tölpelhaften Dechiffrierversuche köstlich amüsieren?

 

Hmmm..., viele Fragen, doch leider nur sehr wenige logische Antworten. Eines ist aber gewiss: Auch sehr gelehrte Menschen und Wissenschaftler im Stile von Witztum, Rips und Rosenberg sind nicht davor gefeit, von religiösen Wahnsystemen verschlungen zu werden!

 

Wer es übrigens ganz genau wissen will, kann sich mittlerweile mit einem Computerprogramm selbst schon auf die Suche nach geheimen Botschaften machen, ojeh...