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Der Glaube an Gott - und seine
neuropsychologischen Ursachen
von
Sabine K. Stöckel
Im Jahr 1987 brachte der
kanadische Wissenschaftler Michael Persinger, der sich auf die Erforschung des
Gehirns spezialisiert hat, sein Buch "Neuropsychological
Bases of God Beliefs" heraus, in dem er über seine ungewöhnlichen, für manche
vielleicht sogar erschreckenden Forschungsergebnisse berichtet. Persinger, der
an der Laurentian University in Sudbury, Ontario, lehrt, hatte es sich zur
Aufgabe gemacht, die Gründe für religiöse Erfahrungen zu erforschen. Eine kleine
Zusammenfassung von Persingers Forschungsergebnissen wurde zehn Jahre später
veröffentlicht, und zwar von dem kanadischen Wissenschaftsjournalisten Nicholas
Regush, in dessen Buch "The Breaking Point". Dies ist ein Zeichen dafür, dass
Persingers Entdeckungen nichts von ihrer Aktualität, aber auch nichts von ihrer
Brisanz, verloren haben.
Mystische Erfahrungen, im Labor
erzeugt
Persinger hatte mehrere Personen
zu Tests eingeladen. Die Hälfte dieser Personen hatten kurz zuvor Gehirntraumata
erlitten, die andere Hälfte war vollkommen gesund gewesen. Bei beiden Gruppen
gelang es Persinger, mystische und/oder paranormale Erfahrungen auszulösen:
Besuche von Göttern, Dämonen und sogar Entführungen durch Ausserirdische.
Schon immer berichten Menschen davon, von Musen inspiriert, von Engeln besucht,
von Dämonen sexuell missbraucht zu werden. Und sie berichten ebenso davon, dass
Gott zu ihnen gesprochen habe. Persinger konnte bei ungefähr 600 Testpersonen
experimentell beweisen, dass er die gleichen Erfahrungen durch
elektromagnetische Stimulationen bestimmter Gehirnregionen hervorrufen konnte.
Und wie geht ein solcher Test vor
sich? Regush beschreibt es genauer: Die Testperson sitzt auf einem bequemen
Stuhl, allein in einem schalldichten Raum; er oder sie trägt einen Helm, wie ihn
auch Motorradfahrer benutzen. Allerding ist der Helm der Testperson mit
Elektroden ausgestattet. Im Raum werden alle Lichter ausgeschaltet und die Tür
wird geschlossen. Ungefähr zwanzig Minuten lang erhalten bestimmte
Gehirnregionen der Testperson unregelmässige Pulse von elektromagnetischen
Feldern, die von einem Computer kontrolliert werden. Einige Personen hatten
einen so starken Eindruck von der Gegenwart eines "anderen Bewusstseins" in
ihrer Nähe, dass sie fühlen konnten, wie sie berührt oder manipuliert wurden.
Andere hatten einfach nur sehr schönes Gefühl, aber weniger den Eindruck, dass
jemand bei ihnen war.
Schlaganfälle und religiöser
Fanatismus
Persingers kühne Hypothese, dass
religiöse und mystische Erfahrungen lediglich Produkte von Gehirnfunktionen
sind, die im Labor jederzeit simuliert werden können, trifft hier auf die
Tatsache, dass die meisten Menschen an einen Gott glauben. Und dieser Glaube an
Gott wird oft aggressiv verteidigt. Für Persinger sind mystische Erfahrungen
jedoch "die Samen, aus denen religiöse Glaubensrichtungen und Bekenntnisse
spriessen". Da Kulturen auf der ganzen Welt diese Erfahrungen als wirkliche
Geschehnisse betrachten, halten wir alle sie für normal. Die kalte Realität, so
Persinger, ist jedoch, "dass es keinen einzigen Beweis dafür gibt, dass es
wirkliche Geschehnisse sind".
In einem seiner Forschungsberichte von 1983 stellte Persinger eine provokante
Frage: Kann eine bestimmte Art von winzigem Schlaganfall einen Menschen dazu
bringen, aus religiösen Gründen zu töten? Nach Jahren der intensiven Forschung
meint Persinger, muss die Antwort "Ja" lauten: dieses Phänomen kann die Wirkung
haben, dass jemand im Namen Gottes tötet. Dafür gibt es natürlich unzählige
historische Beispiele.
Der Empirist Persinger ist besorgt
darüber, dass das Gott-Paradigma eine derartig starke Kontrolle über eine
Gesellschaft bekommt, dass Menschen andere Menschen töten oder sich selbst
opfern, um ihren Glauben zu verteidigen. Darüberhinaus, sagt er, sind die
Schläfenlappen des Gehirns, in denen die Gotteserfahrungen gemacht werden,
genauso aufgebaut wie die Gehirnregionen, die mit aggressivem Verhalten in
Verbindung stehen. Daher spielt sich in ihnen, Persinger zufolge, beides ab:
extatische und gewalttätige Vorstellungen.
Persinger denkt, das Gotteserfahrungen besonders gefährlich im Hinblick auf die
Bedrohung der Auslöschung der Menschheit durch Nuklearwaffen sind. Er fragt:
"Wen würden Sie sich eher mit dem Finger auf dem Roten Knopf wünschen? Eine
Person, die erkannt hat, dass Gotteserfahrungen neuropsychologische Ursachen
haben? Oder jemanden, der glaubt, dass es ein Leben nach dem Tod gibt?".
Neurologische Erklärungen
Persinger's Theorien über das
Gehirn verlangen das Wissen um elektrische Aktivität im Gehirn und die Natur von
Schlaganfällen, um die Art und Weise der Verbindungen zwischen linker und
rechter Gehirnhälfte und um die Funktionen der Schläfenlappen. Studien haben
gezeigt, dass die Gehirnstrukturen, in denen Gefühle wahrgenommen werden, wie
z.B. die Amygdala in den Limbischen Regionen, elektrisch hoch instabil sind.
Ebenso haben Studien gezeigt, dass, wenn die Amygdala und der Hippocampus
während Gehirnoperationen unbeabsichtigt stimuliert werden, die betroffenen
Personen von der Gegenwart eines Fremden oder von mystischen Erfahrungen
sprechen.
Aber wie können solche Erfahrungen unseren Alltag derartig beeinflussen?
Persinger nimmt an, dass sanfte, und daher unbemerkte Arten von winzigen
Schlaganfällen im linken oder rechten Schläfenlappen eine kurze Störung im
ansonsten normalen Informationsfluss im Gehirn auslösen. Dies wiederum verändert
die Art und Weise, wie die Information zwischen den beiden Gehirnhälften
ausgetauscht wird. Normalerweise sind die zwei Hemisphären vor gegenseitigen
Störungen durch Neuronen im Kortex geschützt, die die Information über einen
Nervenstrang des Corpus callosum schicken. Laut Persinger kann ein winziger
Schlaganfall diesen geschützten Zustand kurzzeitig ausser Kraft setzen. Wenn
dies geschieht, ist das "Sich-selbst-bewusst-sein" einer Person plötzlich
verschoben.
Der Theorie Persingers zufolge geht dieses "Bewusst-sein" kurz von der rechten
in die linke Gehirnhälfte über und erschafft dadurch ein anderes
Bewusstseinsstadium oder das Gefühl für die Gegenwart einer anderen Person.
Gotteserscheinungen auf
Bestellung?
Natürlich war Regush neugierig
geworden, und so hat er sich selbst einem Test in Persingers Labor unterzogen.
Er berichtet: "Ich habe Gott nicht gesehen, aber ich befand mich plötzlich in
einem Fluss aus Gesichtern, die durch mich hindurchrasten und schnell in einer
von Sternen hell erleuchteten Nacht verschwanden. Einige Gesichter waren wie die
von Clowns, andere mehr wie die von Dämonen oder zumindest von Leuten, die auf
einen Kampf aus waren. Alle Gesichter schienen so real zu sein, wie die
Gesichter der Menschen, mit denen ich täglich spreche. Ich sagte zu Persinger,
dass diese Erfahrung manchmal etwas schockierend, aber meistens erfreulich, ja
sogar berauschend war. Persinger meinte darauf: "Ich habe Ihnen eine sehr milde
Stimulation Ihrer Schläfenlappen gegeben. Schliesslich wollen wir ja, dass
unsere Gäste sich bei uns wohlfühlen." Und Regush fügt hinzu: "Persingers
Theorien und Experimente haben einige besonders unterwürfige Diener Gottes zu
Anschlägen auf sein Leben provoziert."
Deutsche Gesellschaft für
Transhumanismus e.V.


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