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Der leere Thron
von Matthias Schulz
Darf man dem
Propheten Samuel glauben, so begann der biblische König David seine Laufbahn als
Hirtenjunge. Er war blond, von "schöner Gestalt" und spielte süss die Harfe. Als
junger Held tötete er mit der Steinschleuder den riesenhaften Philister Goliat.
Dann, angeblich um 997 v. Chr., warf er seine Armee gegen Jerusalem.
Seitenlang feiert das Alte Testament den Mann als Auserwählten
und Gesalbten des Herrn. 40 Jahre lang sass der Gründer der jüdischen Nation auf
dem Thron, ehe er als Inhaber eines Reichs verblich, das vom Euphrat bis zum
Mittelmeer reichte.
Nur, wo sind die
Spuren dieses glanzvollen Landes? Wer heute durch den Osten von Jerusalem läuft,
stösst an einem Steilhang auf ein Grabungsareal, "Davidstadt" genannt. Am
Eingang stehen Soldaten mit schussbereiten MG. Sie bewachen kümmerliche Ruinen.
"Schauen Sie!"
Hanswulf Bloedhorn vom Evangelischen Institut für Altertumswissenschaft im
Heiligen Land zeigt auf ein zerbröckeltes Haus. Es ist 16 Quadratmeter gross und
besass weder Küche noch Fenster. Gekocht wurde draussen. Daneben liegt eine
Steinplatte mit einem Loch. "Das war das Klo", erklärt der Forscher.
Ist das Davids
Glanz und Herrlichkeit? Laut 1. Könige, Kapitel 10 gab es in der Hauptstadt
"Silber so häufig wie Steine".
Davon kann keine
Rede sein. Unter dem Spaten der Ausgräber ist das bronzezeitliche Jerusalem zum
Dorf geschrumpft. Es war ein Ort mit kaum 2000 Einwohnern. Der Berliner
Ägyptologe Rolf Krauss spricht von einem "Provinznest".
Solche Befunde
stehen nicht allein. Moderne Bibelkundler klopfen schon seit längerer Zeit wie
mit der Abrissbirne gegen das Alte Testament. Sichtbar wird ein Gespinst aus
Legenden.
Von allen Seiten
rücken die Fahnder an. Pollenanalytiker streifen durch die militärisch besetzten
Gebiete Judäa und Samaria. Orientalisten entziffern Keilschrifttafeln. Und auch
in alten Texten vom Nil finden sich Hinweise auf die wahre Geschichte der
Hebräer.
Vor allem die
historische Basis der Bibel wankt. Den jüngsten Hieb hat jetzt Israel
Finkelstein, Chef-Ausgräber an der Universität Tel Aviv, geführt. Sein Buch
"Keine Posaunen vor Jericho" bestätigt, dass Kerntexte der Bibel unwahr sind:
-Auszug jüdischer
Stämme aus Ägypten fand nie statt.
-Kanaan wurde
nicht, wie im Buch Jusua beschrieben, gewaltsam erobert.
-Die Ur-Reiche von
David und Salomo sind Trug. Diese israelitischen Könige herrschten nur über
"unbedeutende Teile von Randregionen" (Finkelstein).
Als Märchen und
monumentale Camouflage - so steht das Wort Gottes mittlerweile da. Wo die
Forscher geschichtliche Fakten vermuteten, sehen sie nun politische Propaganda.
"Wir stehen vor einem Dammbruch", gibt Dirk Kinet zu, der an der Universität
Augsburg Biblische Sprachen lehrt.
Denn auch die
Entwicklung des Monotheismus verlief völlig anders, als die Heilige Schrift
glauben machen will. Im Gewand der Ewigkeit tritt Gott dort an. Er steht
jenseits der Zeit - ein Wesen, das nie geboren wurde und nie sterben wird.
Bereits der
Erzvater Abraham opfert (angeblich um 1800 v. Chr.) diesem allmächtigen Wesen.
"Gott ist einzig", bekennt auch Mose, nachdem sich ihm der Herr im brennenden
Dornbusch offenbart. Nur allzu gern verklärten konservative Bibelkundler das
Volk Israel zur Sonder-Ethnie. Doch die Archäologie macht jetzt klar: Auch der
Herrgott hat mal klein angefangen.
Anfangs sei Jahwe
nur ein Wettergott gewesen, erklärt der Augsburger Experte Kinet: "Er war ein
Garant der Fruchtbarkeit, dessen sexuelle Darstellung erst langsam
zurückgedrängt wurde."
Götzen aus Ton und
Metall wurden im Heiligen Land entdeckt, auch kleine Tonfiguren mit drallen
Brüsten und Pos. Die Geburt Gottes aus dem Schoss der Vielgötterei, das ist der
Rahmen, in dem die neuen Erkennnisse angesiedelt sind:
- In Jerusalem
blühte die Tempelprostitution;
- Gott besass
ursprünglich eine nackte Begleiterin;
- noch um 100 v.
Chr. hingen die Bauern der Gegend heidnischen Ritualen an.
Vor allem in
Ugarit, 400 Kilometer nördlich von Jerusalem kommt "die dunkle Vergangenheit der
Religion Israels zum Vorschein", wie es der französische Ausgräber Andre Caquot
ausdrückt. Ritualtexte und Goldstatuen wurden freigelegt. Ein Fund zeigt ein
Männchen mit Bart. Es ist der weise Greis und Himmelsvater "El" - eine Urform
Gottes.
Die Einsicht, dass
sich der Herr aus einem heidnischen Götzen entwickelte, mag schmerzen, ist aber
längst überfällig. Wie mit dem Fernrohr blicken die Experten in jene Wolke
zurück, in der sich die Geburt des Allmächtigen vollzog. Die Forschung sieht
immer klarer die metaphysische Baustelle, auf der diese Macht Schritt für
Schritt erschaffen wurde.
Mit ihren teils
sensationellen Einsichten zerren die Wissenschaftler jenes Glaubenswerk ans
Licht der Vernunft, das immer noch wie eine düstere und mysteriöse Festung
dasteht.
Nur allzu gern
räumten fromme Exegeten den Hebräern eine historische Sonderstellung ein. "Im
vollen Bewusstsein einer erhabenen Idee" habe ein semitischer Hirtenclan "alle
Güter dieser Welt geopfert, Qualen erduldet und sein Leben hingegeben",
formulierte Simon Dubnow in seiner zehnbändigen "Weltgeschichte des Jüdischen
Volkes".
Richtig an solchen
Verklärungen ist, dass Kanaan wie kaum ein anderer Landstrich der Antike mit
Krieg überzogen wurde. Mal legten die Pharaonen ihre Klaue auf das Land, die
Babylonier führten hier Massendeportationen durch. Es folgten Perser und
Griechen. Schliesslich kamen die Römer und machten das Gebiet zur Kolonie.
Mauerbrecher und
Wurfmaschinen liess der römische Kaiser Vespasian beim grossen jüdischen
Aufstand 70 n. Chr. gegen Jerusalem in Stellung bringen. Rund 20000 Legionäre
zogen heran. Die unbotmässigen Bauern leisteten Widerstand "wie der Vietcong" (Bloedhorn).
Sie verbanden ihre Häuser mit Fluchttunneln.
Es half nichts. Im
August des Jahres war die Festung am Berg Zion erschöpft. Legionäre in
Kettenhemden durchbrachen die gegnerischen Reihen und erstürmten den Hügel, auf
dessen Kuppe der grosse Jahwe-Tempel stand. Dort zündelten sie.
Eindringlich hat
der Historiker Josephus Flavius, Zeuge des Überfalls, von der Untat erzählt. Er
beschreibt die Holzkreuze entlang den Strassen, an denen angenagelte Rebellen
hingen. Vorbei an dieser Kulisse entführten die Sieger die Tempelschätze nach
Rom, darunter den siebenarmigen Leuchter Menora.
Viele Demütigungen
flössen in die Bibel ein, Verzweiflung und aus Wut geborene Allmachtsphantasien
sind darin gestaut. Per Federstrich verwandelten ihre Verfasser den Turm von
Babel zur Bauruine (in Wahrheit wurde das über 90 Meter hohe Gebäude fertig
gestellt). Beim Propheten Ezechiel fällt Gott den Pharao an wie ein wildes Tier:
"Ich tränke das Land bis hin zu den Bergen mit der Flut deines Blutes."
Aber erst jetzt,
über 2000 Jahre nach Erschaffung all dieser Mythen und religiösen Urbilder,
setzt ihre nüchterne Aufarbeitung ein. Die Forscher dringen an die Wurzeln des
Alten Testaments vor - allerdings mit der Axt.
Immer deutlicher
wird, dass Gottes Wort, das "Buch der Bücher", voller Mogeleien steckt. Eine
Gruppe von Fälschern, "Deuteronomisten" genannt, bürsteten Realgeschichte um;
sie verzerrten die Wirklichkeit, schafften unbequeme Fakten beiseite und
erfanden, nach Art eines Hollywood-Drehbuchs, die Geschichte vom Gelobten Land.
Wie die Arbeit im
Einzelnen ablief, ist längst nicht vollständig geklärt. Die biblische
Zensurbehörde ging geschickt vor. Wie Mehltau liegt ihre Version der Zeitläufe
auf der Geschichte. Im Prinzip arbeitete sie so perfekt wie das
Wahrheitsministerium von George Orwell.
Nur der Tatort
steht fest: Es war der Tempel von Jerusalem, in dem alle Fäden
zusammenliefen. Auf jenem Hügel der Stadt, wo sich heute die Aksa-Moschee und
der Felsendom erheben, lag einst das Zentralheiligtum der Stadt. Bärtige
Priester mit Kleidern, an denen Kordeln, Schellen und Edelsteine hingen, liefen
in dem Gemäuer umher. Sie hantierten mit Räucherwerk und schlachteten Stiere.
Bei einem der Riten benetzten sie ihre Ohrläppchen mit Widderblut.
Wer den Tempel der
Länge nach durchschritt, gelangte am Ende vors Allerheiligste, den "Debir". Dort
standen im Zwielicht zwei mit Gold überzogene Kerubim: geflügelte Löwen mit
menschlichem Gesicht, die den Thron Jahwes bewachten. Dieser war leer. Es ist
das Nichts, die grosse Negation - als Chiffre für die Unendlichkeit des Geistes
-, die als Pionierleistung der jüdischen Theologie gilt. Während alle Welt noch
Tamtam machte und Götzen verehrte, erliessen die Juden ein Bilderverbot und
stiessen ins Reich des Universellen vor.
Aber stimmt das
überhaupt? Auch ihre geistige Ersttat wird den Hebräern streitig gemacht. Um die
Frage nach Alter und Erscheinungsdatum der Heiligen Schrift brennt eine Debatte.
Drei Lager liegen im Clinch:
- Die
Traditionalisten behaupten, die Haupttexte der Bibel seien etwa ab 1000 v. Chr.
entstanden.
-
Die Gemässigten tippen auf 600v. Chr.
- Die
"Minimalisten" halten das Alte Testament für ein "hellenistisches Werk". Es sei
in der Substanz erst nach 330 v. Chr. - und damit nach dem Tod der griechischen
Philosophen Sokrates und Platon verfasst worden.
Noch weiter geht
ein Mann aus Heidelberg. Bernd Jörg Diebner redet schnell, er hat schütteres
Haar und lehrt seit 30 Jahren Theologie. Anfang des Jahres, nach langem Zögern,
entschloss sich die Evangelische Fakultät den Gelehrten zum Professor zu
berufen. Er ist 63 Jahre alt.
Bis zum letzten
Platz war die mit Holz ausgeschlagene Aula besetzt, als der frisch Gekürte zu
seiner Antrittsvorlesung schritt. Israel sei eine "mystische Grösse", verkündete
der Akademiker. Dann beschrieb er die Tora als "diplomatisches
Kompromisspapier", an dem womöglich noch bis 50 n. Chr. gefeilt wurde.
Für Diebner ist
die Bibel das Ergebnis eines Machtgerangels um die religiöse Federführung - ein
kulturpolitischer Krimi, angeführt vom Hohepriester in Jerusalem, der
historische Fakten umschrieb und "seine eigenen Grossmachtträume in die
Vergangenheit projizierte".
Gut für den
Professor, dass die Feuer der Inquisition verloschen sind. Heute wird keiner
mehr verbrannt, wenn er den Herrn lästert.
Gleichwohl gilt
es, religiöse Gefühle zu achten: 3,1 Milliarden Juden, Christen und Muslime
stützen sich auf die Aussagen des Alten Testaments. Übersetzt wurde die Bibel in
rund 2300 Sprachen und Dialekte. In Luthers Fassung enthält sie 773 000 Wörter.
Randvoll mit spannenden Geschichten ist das Buch gefüllt, einige kreisen um
Vergewaltigung und Brudermord. Menschen erstarren dort zu Salzsäulen, sie
verkaufen ihr Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht oder sie werden, wie Hiob,
durch Geschwüre entstellt. Über 20 Propheten treten an. Das Hohelied bietet
Liebeslyrik. Das Buch Prediger gleicht einer philosophischen Abhandlung.
Auch die
Hauptfigur wirkt uneinheitlich. Mal heisst sie Jahwe, mal El oder Elohim.
Zuweilen erscheint Gott als Wolke, dann wieder kleidet er sich in eine
Feuersäule und weist Mose den Weg.
Wer hat sich diese
Mammutschrift ausgedacht? Die ältesten bislang gefundenen Schriftrollen, die
Texte biblischer Propheten enthalten, stammen aus Qumran am Toten
Meer. Einige der Fetzen konnten mit der Kohlenstoffisotop-Methode datiert
werden: die frühesten sind um 240 v. Chr. entstanden. Nach Ansicht der Forscher
reichen die Ursprünge der Bibel und ihrer Propheten aber viel weiter zurück. Die
Qumran-Rollen seien nur Abschriften von Abschriften. Dutzende von Orten und
Personen werden in der Bibel genannt. Aus all diesen Eckdaten schuf die
Forschung eine Chronologie, die dem konservativen Forschungslager bis heute als
Richtschnur gilt. Demnach lebten die Erzväter um etwa 1800 v. Chr. Und um 1250
v. Chr. zogen die Israeliten aus Ägypten aus.
Diese vermeintlich
bronzezeitliche Vorgeschichte Israels wird im 1. Buch Mose ausgebreitet. Alles
beginnt mit Abraham, einem Hirten, der aus Ur (im heutigen Irak) stammte. Von
dort bricht er Mann auf Geheiss Gottes nach Kanaan auf.
"Durch dich sollen
alle Geschlechter der Erde Segen erlangen", erklärt der Allmächtige. Abraham tut
sein Bestes und stellt bei Bethel und Sichem Altäre auf.
Nach einem
Abstecher ins Nilreich kehrt er eich beschenkt nach Palästina zurück, wo
er 175-jährig "lebenssatt" stirbt. Sein Sohn Isaak, Nomade wie der Vater, zeugt
Jakob, dessen zwölf Söhne die Stämme Israels bilden. Der Eitelste von ihnen,
Josef, wird von seinen Verwandten in eine Falle gelockt und mit einer Karawane
nach Ägypten verkauft.
Rührend erzählt
das 1. Buch Mose, wie der Verstossene als Traumdeuter am Nil zum Minister
aufsteigt. Kurz danach bricht in Kanaan eine Hungersnot aus. Die Brüder bitten
in Ägypten um Hilfe. Josef, dessen Kornspeicher voll sind, triumphiert.
Bald aber wendet
sich das Geschick. Ein neuer Pharao kommt an die Macht und zwingt die Juden zum
"Frondienst auf dem Felde". Auch müssen sie in "Ramses" Ziegel schleppen; Der
Name steht für die im Nildelta gelegene Metropole Ramses-Stadt, deren Bau um
1270 v. Chr. begann.
Unerträglich wird
das Joch der Knechtschaft. Wie später so oft, ziehen die Bibelautoren alle
Register, um die Not der Gotteskinder in düstersten Farben zu malen. Doch es
gibt ja Mose. Das hebräische Findelkind, aufgewachsen am Pharaonenhof, wird zum
Werkzeug des Herrn. Per pedes führt der Religionsstifter sein Volk aus dem
"Sklavenhaus" am Nil heraus. Nun weitet sich das Familiendrama zum historischen
Massenspektakel. Die Zeit der Zeichen und Wunder beginnt.
"600000 Mann"
gehen mit Mose auf die Flucht. Jahwe teilt das Rote Meer - freie Bahn zum Sinai.
Dortselbst schreibt Gott mit dem Finger die Zehn Gebote in Stein, die sein
Diener in der Bundeslade verstaut, dem "heiligsten nationalen Symbol" der Juden
(Finkelstein). Kaum vom Sinai herabgestiegen, muss er allerdings mit ansehen,
wie sein Volk ums Goldene Kalb tanzt.
Ein Machtwort
beendet das Treiben. Unter Josua, Moses Nachfolger, geht es dann auch
militärisch voran. Jericho fällt im Klang der Kriegshörner. Und immer wieder
leistet der Herr Schützenhilfe. Mal lässt er "Hagelsteine" regnen, in Gibeon
hält er sogar die Sonne an, damit die Juden noch bei Tageslicht auch den letzten
Feind erschlagen können. Was für eine Gründerstory! Eng verzahnt mit dem Willen
des Allmächtigen, der für die Gebietsansprüche bürgt, wird das Feindesland
aufgerollt. Und all dies geschieht in einer Zeittiefe, die legendär und
"bronzezeitlich" zu nennen wäre.
An dieser Fama
orientierten sich früher auch die Archäologen. Als man bei Grabungen nahe
Jericho gewaltsam zerstörte Mauern fand, waren sogleich die Posaunen schuld.
Jeder kaputte Ziegel wurde als Manöverschaden aus Josuas Blitzkrieg gedeutet.
Erst in jüngerer
Zeit geriet diese Lesart der Bibel zunehmend in Bedrängnis. Abraham reitet
ständig auf Kamelen herum. Wie war ihm das möglich? Als Lastenträger kamen diese
Tiere erst nach 1000 v. Chr. zum Einsatz.
Bald geriet auch
Mose in Verdacht, nur eine Fabelfigur zu sein. Um 950 v. Chr. habe der Verfasser
der Sinai-Geschichte gelebt, und zwar als Hof Schreiber im Palast von König
David, so der alte Verdacht. Nur, warum zahlen die Juden dann - in l. Mose, 42 -
ihr Getreide mit Metallgeld? Die ältesten Münzen stammen aus Kleinasien und
wurden erst im 7. Jahrhundert v, Chr. erfunden.
Keine Frage: Der
Pentateuch, die fünf Bücher Mose, die von den gläubigen Juden als Tora verehrt
und für besonders heilig gehalten werden, ist keine Primärquelle aus der
Bronzezeit. Schriftkundige "Fälscher" (Krauss) haben ihr nur eine künstliche
Patina verpasst.
Vor allem das Buch
Josua verdreht die Realgeschichte total. Rasant prescht darin der Feldherr bei
seinem Eilkrieg über den Jordan und rottet, angetrieben vom jähzornigen Herrn,
die Urbevölkerung und deren Vielgötterei aus.
Die neuen
Grabungen, die Israels Antikenbehörde derzeit durchführt, zeigen nun das ganze
Ausmass des Schwindels. "Die Besiedlung Kanaans verlief in Wahrheit friedlich
und langsam", erklärt Finkelstein.
Fakt ist, dass um
1.200 v. Chr. semitische Hirtenstämme von der Wüste aus ins westjordanische
Bergland einsickerten und dort sesshaft wurden. Es waren Leute, die auf
Holzpritschen schliefen und kein Schweinefleisch assen. Ihre Häuser hatten Platz
für vier bis fünf Personen. Der Norden der Region bis hoch zum See
Genezaret bot den Neusiedlern einige Annehmlichkeiten. Zwischen den sanften
Hügeln zogen sie Wein und Oliven. Weiter südlich, zwischen Jerusalem und Hebron,
ging es karger zu. In zerklüfteten Schluchten wuchsen stachelige Sträucher, die
Wasserlöcher waren knapp. Insgesamt lebten um 1000 v. Chr. in den Bergen von
Kanaan nur rund 50 000 Menschen. Der Süden war besonders ungastlich und extrem
dünn besiedelt.
Zudem gab es
ständig Ärger mit den Nachbarn, Edomiter und Moabiter lebten in der Nähe. Zur
Küste hin, in der fruchtbaren Küstenebene, hatten sich die - vielleicht von
Kreta stammenden - Philister in riesigen Städten breit gemacht. Weiter nördlich
siedelten Phönizier, umtriebige Seehändler, die Kinder opferten.
Uneingeschränkter
Chef im Land aber war der Pharao. Er beutete die Kupferminen des Landes aus. Um
1250 v. Chr. liess Ramses II. eine Kette von Burgen und Wasserstellen quer durch
das Land errichten, den "Horusweg" -Ausfallstrasse für die Nilarmeen.
Es ist schwer
vorstellbar, dass ein Zeltschläfer wie Mose in diesem hochgerüsteten
pharaonischen Sperrgebiet Feldzüge hätte anzetteln können. 1207 v. Chr. wird
zwar ein Stamm Israel auf einer Stele von Pharao Merenptah genannt. Doch der
Text bezieht sich auf eine Strafaktion des Nilkönigs und lautet barsch: "Dein
Same, Israel, ist dahin."
Tribute zwackte
der Pyramidenboss den Bürgern ab. Wer der Fronarbeit entgehen wollte, floh in
die Berge. Dort lebten bald Flüchtige und Outlaws. Viele Experten leiten den
Begriff Hebräer von "hapiru" ab, was so viel wie "Vagabund" heissen kann.
Ausgerechnet in
dieser armseligen, karstigen Welt von Kanaan lässt die Bibel glanzvolle
Monarchien erstehen. Wo in Wahrheit bärtige Hirten in Wollkutten lebten,
erstreckte sich angeblich das Superreich von David. Mehr noch bei seinem
Nachfolger Salomo greift die Bibel in die Vollen. 700 Angetraute leben im Harem
dieses Regenten. 300 weitere Frauen liebkost er auf unehelicher Basis. Sein
Palast ist riesig und gemütlich mit Teppichen ausgelegt. Und die Schatulle
quillt über: Laut Bibel übertraf Salomo "an Reichtum alle Könige der Erde".
Auch
kulturpolitisch klotzt der Monarch. Mose, als Wüstennomade, hatte noch im
"Offenbarungszelt" dem Herrn geopfert. Salomo errichtet Gott nun ein Haus aus
Stein. Es ist "ganz mit Gold überzogen" und innen mit libanesischer Zeder
ausgeschlagen. Im Allerheiligsten steht die Bundeslade.
Alle Versuche,
dieses Heiligtum archäologisch nachzuweisen, sind allerdings gescheitert. "Wir
haben nicht mal den Grundriss des Tempels", gibt der Forscher Bloedhorn zu.
Kein Zweifel, das
Alte Testament fabuliert. Hütten werden zu Palästen hochstilisiert. Die
Landnahme in Kanaan ist Nonsens. Ob Mose je gelebt hat, bleibt zweifelhaft. Und
die Geschichte von Salomo gilt dem Schweizer Alttestamentler Othmar Keel als
eine "Idealzeit" ohne historischen Kern.
Wer griff da ins
Rad der Geschichte? Welchen Zweck verfolgte er? Und - besonders wichtig - wie
lange war die biblische Propagandamaschine in Betrieb? Die Lösung dieser Fragen
bereitet einiges Kopfzerbrechen. Die Urheber der Heiligen Schrift gingen
geschickt zu Werke. Je mehr die Forscher in der Tora blättern, desto mehr
Fangschlingen tun sich auf.
Allein an den
Büchern Mose arbeiteten mindestens vier Verfasser. Einer davon war der "Jahwist",
der den Namen Gottes stets mit dem Tetragramm JHWH ("Ich bin, der ich bin")
schreibt und wohl aus Jerusalem kam. Ein anderer Erzähler ("Elohist") lebte wohl
im Norden des Landes. Er nennt Gott Elohim oder EL
Schwierig wird die
Sache, weil das Buch Gottes nicht nur Dichtung und Phantasie enthält. Einige
Teile der Bibel erinnern fast an ein Lexikon der Realgeschichte.
Harte Fakten
liefern zum Beispiel die "Bücher der Könige": Sie berichten über die Zeit von
etwa 1000 bis 587 v. Chr., als das nebulöse Imperium des Salomo zerbrach und
sich zwei Teilstaaten bildeten Israel und Juda.
Haarklein erzählen
die Autoren über Kanalarbeiten, Steuerdekrete und Kriege in diesen
Zwillingsstaaten. Insgesamt 42 Könige werden unter Angabe ihrer Regierungszeiten
genannt.
Wurden hier etwa
alte Chroniken und Herrscherlisten benutzt? Gezielt durchsuchten die Forscher
die mesopotamischen Keilschriftarchive. Und tatsächlich: Insgesamt fünf der
biblischen Ur-Könige tauchen auch dort namentlich auf.
Das wichtigste
Beweisstück legten die Fahnder 1993 im "Tell Dan" frei, einem Siedlungshügel in
Nordisrael. Es ist eine Stele mit Nennung "Haus David". Der Stammvater lebte
also womöglich wirklich - wenn auch nur als "Duodezfürst eines Stadtstaates" (Finkelstein).
Im Licht der neuen
Funde aus der Negev-Wüste und Samaria lässt sich die dunkle "Königszeit" nun
endlich besser nachzeichnen. Um 950 v. Chr. verlor Ägypten die Kontrolle über
seine Vasallen. In diesem Machtvakuum konnten sich die hebräischen
Stammeshäuptlinge breit machen: Zuerst bildet sich im Norden der Ur-Staat
"Israel". 884 v. Chr. bestieg dort, wie Inschriften beweisen, ein König Omri den
Thron. Das Land hatte kaum 100000 Einwohner.
Ärmlicher sah es
in Juda aus, dem südlichen Nachbarstaat im Raum Jerusalem. Wegen des dürren
Bodens lebten dort kaum l0000 Menschen in festen Siedlungen.
Mit Spaten und
Minibaggern haben Archäologen die ganze Bescheidenheit dieser staatlichen
Urzellen der Hebräer freigelegt. In Samaria fanden sie ein paar Wein-Quittungen,
in Arad verwitterte Briefe aus Ton. Ansonsten griffen die Hirten und Ölbauern
fast nie zum Schreibblock.
Bald war es selbst
damit vorbei. Im 9. und 8. Jahrhundert wuchs am Tigris ein Staatskoloss heran,
der immer unverhohlener nach der Weltherrschaft gierte: Assyrien.
Das Land dürstete
danach, den Karawanenhandel unter Kontrolle zu kriegen. Weihrauch und Gewürze
brachten die Kaufleute vom Jemen bis nach Gaza, Wer den Endpunkt
kontrollierte, konnte den ganz grossen Profit erzielen.
732 v. Chr. griff
König Tiglatpileser III. zu. Rasch rückte sein Heer bis zum Mittelmeer vor und
unterjochte riesige Landstriche. Auch der Zwergstaat Israel geriet unter die
Räder. Als Provinz Samaria wurde er dem assyrischen Imperium einverleibt. Nur
das Armenhaus Juda blieb vorerst verschont.
Der Giessener
Archäologe Volkmar Fritz konnte zeigen, wie brutal die Eroberer vorgingen. Der
Forscher gräbt in Kinneret am See Genezaret Das 500-Einwohner-Dorf sei mit einem
Hagel aus "eisernen Pfeilspitzen" belegt worden, erzählt er. "Dann zertrümmerten
die Soldaten die Häuser mit Brecheisen."
Zur Politik der
Angreifer gehörten auch Deportationen. 13500 Israeliten mussten zwangsweise die
Heimat verlassen. Ein in Ninive entdecktes Relief zeigt, wie die Juden mit
krummen Rücken und geschulterten Säcken in die Fremde marschieren. Daneben sind
Gepfählte zu sehen.
Aber auch der
kleinere Bruderstaat Juda blieb bedroht. Eine Flut von Kriegsflüchtlingen ergoss
sich nach Jerusalem. Die Bevölkerung wuchs von 2000 auf vielleicht 15000
Einwohner - und war den Launen des waffenstrotzenden Nachbarn schutzlos
ausgesetzt.
In dieser
bedrohten Lage, so die gemässigten Bibel-Kritiker um Finkelstein, vollzog sich
ein Wunder: die Geburt des Glaubens an einen Gott ("Monotheismus").
Aus tiefster Not
und eingequetscht von den Supermächten Ägypten und Assyrien, so das Szenario,
habe sich das kleine Juda zur Offensive entschlossen und Rettung gesucht. Weil
es kaum Militär hatte, wehrte es sich mit Metaphysik.
Den Anschub für
das Projekt Jahwe soll dabei König Josia (639 bis 609 v. Chr.) gegeben haben.
Die Bibel feiert ihn als Mann, der gekommen war, um die Spuren fremder Verehrung
auszumerzen und das Volk Israel durch das genaue Befolgen des Gesetzes zur
Erlösung zu führen.
Flugs, so die
Annahme, rief der König seine Priester auf, einen religiösen Beschützer zu
erfinden und das "nationale Epos" vom verheissenen Land zu schreiben.
Zuerst galt es,
das Selbstwertgefühl der Nation zu stärken und die drohende Überfremdung
abzuwehren. Also setzten die Tempelleute auf Abschottung. Sie wollten eine
"ethnische Abgrenzung" (Finkelstein).
Wer die Bibel
genau liest, stösst auf eine Vielzahl an Lebensregeln und Tabus. Der Verzehr von
Schwein, Hase oder Kamel zum Beispiel war den Jahwe-Anhängern verboten.
Milchspeisen durften nie mit Fleisch in Berührung kommen. Am Passa ass die
Gemeinde ungesäuertes Brot. Am Samstag war das Feuermachen nicht erlaubt.
Männlichen Säuglingen trennte der Mohel, der Beschneider, am achten Tag die
Vorhaut ab. Zentrale Bedeutung hatte auch das Verbot der "Mischehe".
Neben diesen
Vorschriften, mit denen ich die Religionsgemeinschaft in Juda schrittweise
absonderte, soll Josia aber auch mehr Metaphysik eingefordert haben. bis dahin
war Jahwe offenbar nur ein Donnergötze, verehrt als Stadtgott Jerusalems auf dem
Berg Zion. Nun wurde er zu einer universalen Macht. Fast alle Bibelkundler hegen
den Verdacht, dass das 5. Buch Mose, das berühmte "Deuteronomium", das Ergebnis
von Josias Kultreform widerspiegelt. Dieses Buch ist geprägt durch eine ganz
eigene Sprache, die sonst in keiner anderen Quelle anzutreffen ist:
-
Kompromisslos verurteilt das Werk die Anbetung anderer Götter
und droht bei Zuwiderhandlung furchtbare Strafgerichte an.
- Gott wird als
völlig entrückt und transzendent dargestellt.
- Zugleich enthält
das Buch ein absolutes Verbot: Der Opferdienst für Jahwe darf nur im Tempel von
Jerusalem durchgeführt werden und nirgendwo sonst.
Mit diesen
Dekreten strebten die Zion-Priester das Glaubensmonopol an. Vor allem wollten
sie ihre Kollegen im assyrisch unterjochten Bruderstaat Israel aushebeln. Denn
auch diese betrieben auf dem Berg Garizim, 50 Kilometer von Jerusalem entfernt,
ein grosses Jahwe-Heiligtum.
Dieser Streit
zwischen Juda und Israel durchzieht unterschwellig das ganze Alte Testament. Wo
sie konnten, schwärzten die Leute aus Jerusalem die Nachbarn aus dem Norden an.
Besonders
auffällig ist diese einseitige Darstellung - die Experten sprechen von
"polemischer Verzerrung" - in den "Königsbüchern". Die Bewohner Israels treten
dort zumeist als kleinmütige Versager auf. Ihre Könige sind nahezu allesamt
Frevler und Sünder. In Juda dagegen leben überwiegend fromme und gottesfürchtige
Leute.
Sogar vor Betrug
und Dokumentenfälschung scheuten die Zion-Priester nicht zurück. Um ihrem
Alleinvertreter-Anspruch mehr Gewicht zu verleihen, ersannen sie einen
raffinierten Plan.
Im 2. Buch der
Könige wird erzählt, dass der Hohepriester Hilkia 622 v. Chr. bei
Aufräumarbeiten im Tempel von Jerusalem angeblich ein uraltes "Buch der Gesetze"
gefunden habe. In Wahrheit, so die Experten, war die Tinte dieser mysteriösen
Tempelschwarte kaum getrocknet. Hinter ihr verbarg sich das frisch geschriebene
" Deuteronomium".
Aus der Sicht der
gemässigten Bibelkundler stellt sich die Sache also wie folgt dar: Um 630 v.
Chr. schrieben die "Deuteronomisten" Kernstücke der Bibel. Sie erfanden die
Figuren Abraham und Mose und verlegten deren Wirken durch einen Trick in die
Vergangenheit.
Aber stimmt das?
Hatte sich die Idee vom bildlosen Jahwe schon im 7. Jahrhundert durchgesetzt?
Den "Minimalisten" geht selbst die Bibelkritik der gemässigten Forscher um
Finkelstein nicht weit genug. Ihr Argwohn gegen die Bibel ist noch viel grösser
- und sie haben gute Gründe.
Historiografie,
Ethik, Staatskunde - ungeheure Leistungen sind in dem Werk enthalten. Und all
das soll lange vor Platon und Herodot entstanden sein?
Tatsächlich nahm
die Antike von den Genies aus Juda kaum Notiz. Herodot erwähnt zwar irgendwelche
Leute aus Syropalästina, die sich beschneiden lassen. Von ihren grossen Taten
weiss er nichts. Erst im 4. und 3. Jahrhundert wurde das Echo stärker.
Die geistigen
Spitzenleistungen stehen zudem im auffälligen Kontrast zum technischen Standard,
den das kleine Land damals aufwies.
Ungeschickt wirkt
ein Projekt, das um 720 v. Chr. der damalige König in Jerusalem anschob. Er
wollte über einen unterirdischen Kanal Wasser in die Stadt leiten. Der Tunnel
hat über 20 Blindstopfen, weil die Arbeiter immer wieder in die falsche Richtung
hämmerten - dennoch feiert die Bibel genau dieses Werk als Glanzleistung der
Wasserbaukunst.
Die Fraktion der
Minimalisten hält die Kultreform von Josia denn auch für eine Übertreibung. Die
Geschichte mit dem angeblich uralten, streng monotheistischen "Buch der Gesetze"
sei eine Erfindung aus noch späterer Zeit.
Die Spatenfunde,
die jetzt zu Tage kommen, unterstützen diese Ansicht. Die Abschaffung der
Vielgötterei zog sich viel länger hin als bisher bekannt. Noch um 600 v. Chr.
lebte die Bevölkerung von Juda polytheistisch wie ihre Nachbarn. "Es gab keine
Unterschiede zwischen ihrer Religion und den umliegenden Kulturen", erklärt der
Tübinger Alttestamentler Herbert Niehr.
Wichtige
Erkenntnisse, was damals wirklich im abgelegenen Bergland um Jerusalem ablief,
hat die Forschung dem Schweizer Alttestamentler Othmar Keel zu verdanken. In
einer Fleissarbeit untersuchte er rund 8500 Stempelsiegel aus dem syro-palästinischen
Raum, Sein Fazit: In Kanaan wimmelte es von Götzen.
Kaum eine
Bergkuppe, auf der nicht die Opferfeuer kokelten. Vor den Häusern der Bauern
standen kleine Altäre aus Kalkstein. Hier verehrten die Farmer ihre Ahnen, Um
650 v. Chr., so Keel, erlebte das Land zudem einen "Boom der Astralkulte". Die
Götter der Siegermacht aus Assyrien kamen in Mode.
Und überall warf
sich das Volk dem Blitze schleudernden Baal zu Füssen. "Wie alle vom
Regenfeldbau abhängigen Völker standen in der Levante die Wettergötter im
Pantheon ganz oben", sagt Niehr, "der Wettergott Baal wurde in vielen lokalen
Varianten verehrt. Eine davon ist Jahwe."
Mit Blitz und
Speer wurde der Hauptgott anfangs dargestellt. Und er hatte eine Frau: die
Liebesgöttin Aschera. Die dänische Expertin Tilde Binger nennt die himmlische
Dame "Gemahlin" des Herrn.
Völlig nackt und
mit einer merkwürdigen Krone - so wurde diese Ikone der Fruchtbarkeit von den
Menschen angebetet. Sogar im Tempel von Jerusalem muss damals ein Kultbaum der
Aschera gestanden haben.
Als Beweis dient
ein sensationeller Fund. Es ist ein kleiner Granatapfel aus Elfenbein mit der
Aufschrift "heiliger Priesterbesitz aus dem Tempel Jahwes". Die Kugel, gedeutet
als Aufsatz eines Zepters, stammt aus dem 7. vorchristlichen Jahrhundert.
Granatäpfel waren
Symbole der Aschera-Göttin. Sie zierten auch den Rocksaum des Hohepriesters.
Von diesem
Gewusel, wie es damals am Götterhimmel Kanaans herrschte, berichtet die Bibel
kaum. Geschickt spitzten ihre Autoren die Heilsgeschichte auf Jahwe und dessen
Siegeslauf zu. Missliebige Nachrichten filterte die Tempelzensur heraus.
Und sie übertrieb.
Dramatisch erzählt die Bibel, wie, angeblich um 750 v. Chr., der Prophet Hosea
mit Feuereifer durchs Land eilte und unbarmherzig die Abgötterei verfolgte.
Elija tötet am Ufer des Kischon gleich 450 Baal-Priester auf einen Streich.
All das sind,
später geschönte, Deutungen der Geschichte. Zwar gehen viele Forscher davon aus,
dass sich damals in Kanaan tatsächlich eine "Jahwe-Allein-Bewegung" formierte.
Doch deren Anhänger waren noch "randständige Aussenseiter" (Kinet), die erst
langsam an Einfluss gewannen.
Die Elite von
Jerusalem jedenfalls hatte mit den Visionären anfangs wenig am Hut. Um 590 v.
Chr. liess sich ein reicher Bürger der Stadt begraben. Der Tote trug zwar auf
der Brust eine Silberplatte mit einer alttestamentarischen Segensformel.
Doch in der
düsteren Gruft fand sich auch ein Amulett der ägyptischen Katzengöttin Bastet.
Der Prophet Ezechiel nennt solche Anhänger "Mistzeug".
Und selbst Jahwe
war um 600 v. Chr. wohl noch nicht so fern, entrückt und bildlos, wie er im 5.
Buch Mose auftritt. Der Religionsforscher Niehr ist sicher; "Im Tempel von
Jerusalem stand damals noch ein Kultbild des Gottes."
Ganz mit Gold
überzogen, stumm im Allerheiligsten stehend und bewacht von den Kerubim, so mag
man sich die Figur vorstellen. Angebetet wurde sie wohl als "Herr der Ehre", wie
es in der Bibel heisst.
Erst im Jahr 587
v. Chr. vollzog sich jenes Ereignis, das dem Monotheismus dann wahrscheinlich
zum Durchbruch verhalf. Nun wurden die Sprungfedern zur Transzendenz wirklich
gespannt.
In jenem Jahr
ereignete sich eine Zäsur, die als grosser Wendepunkt in die Geschichte des
Volkes Israels einging. Über das Land brach eine "nationale Katastrophe" herein.
Es war ein
Sommertag, als sich von Nordosten aus eine gigantische Armee der Festung
Jerusalem näherte. Schon aus der Ferne war das Klirren der Speere und das
Rumpeln der Kampfwagen zu hören. Der Babylonier Nebukadnezar war auf dem
Durchzug nach Ägypten.
18 Monate lang
belagerte der Feldherr die Stadt. Die Pfeile seiner Bogenschützen verdunkelten
den Himmel, Holzrammen dröhnten gegen die Stadttore. Erst nach zähem Kampf gaben
die Bürger vom Zionberg auf.
Wie damals üblich,
ging es den Unterlegenen brutal an den Kragen. Jerusalems König Zedekia wurden
die Augen ausgestochen. Nun hatte auch Juda, der kleine Bruderstaat, seine
Unabhängigkeit verloren.
Selbst vorm
Allerheiligsten machte der lästerliche Feind nicht Halt: Der Tempel Jerusalems
ging in Flammen auf.
Einen Teil der
Oberschicht, angeblich 15000 Menschen, liessen die Sieger ins Zweistromland
verschleppen. In Babylon bildete sich bald eine jüdische Kolonie.
Frühestens hier,
in der Diaspora, am Fuss des Riesenturms Etemenanki, auf dessen 91,5 Meter hoher
Spitze eine Sternwarte stand, so sehen es immer mehr Forscher, hätten die
Hebräer das Sehnsuchtsmotiv vom "verheissenen Land" entwickelt - gerade weil sie
keines mehr besassen.
Aber auch ihre
Gottesvorstellung selbst erhielt in der Fremde neue Impulse - und zwar aus
Persien.
Denn der grause
Nebukadnezar und sein Superturm (der später durch Wind und Wetter zerfiel)
blieben nur eine Episode. 539 v. Chr. eroberten die Perser weite Teile der
antiken Welt. Ihr Glaubenslehrer Zarathustra verkündete eine Lehre, die
ebenfalls Engel kennt und auf dem Gegensatz von Gut und Böse basiert.
Und auch
Ahuramazda, der Hauptgott der Perser, war ein Wesen ohne Gestalt. Altäre baue
dieses Volk nicht, schreibt der Historiker Herodot: "Wer das tue, sei töricht,
sagen sie. Offensichtlich stellen sie sich die Götter nicht wie die Griechen als
menschenähnliche Wesen vor.“
Tatsache ist, dass
die fernen Morgenländer den aufblühenden Jahwe-Kult nach Kräften unterstützten.
538 v. Chr. erlaubten sie den Juden die Rückkehr in ihre Heimat.
Rund 30000
Menschen kehrten damals ins karstige Juda zurück - darunter viele Priester.
Stracks bauten sie den verkohlten Tempel auf dem Berg Zion wieder auf.
Neuer
Bürgermeister von Jerusalem wurde 445 v. Chr. Nehemia, vormals Mundschenk beim
Perserkönig Artaxerxes. Ihm zur Seite stand Esra, der das Amt des Hohepriesters
übernahm. In der Bibel nennt er sich "Beauftragter für das Gesetz des Gottes des
Himmels".
Nun erst, als
Verwalter der persischen Provinz Jehud (Radius: 30 Kilometer), so die Annahme
der Minimalisten, seien die radikalen jüdischen Reformer zur Hochform
aufgelaufen. Vergleichbar den klösterlichen Fälscherbanden des Mittelalters, die
Urkunden umdatierten, hätten sie das hebräische Schrifttum durchgeflöht,
umgeschrieben und dabei ganze Königreiche erfunden.
Vor allem aber
bekämpften die Rückkehrer den Kult um die Fruchtbarkeitsgöttin Aschera.
Alttestamentler Keel spricht von einer "religiösen Kontrolle". Die nackten
Ton-Idole der Himmelsdame seien verboten und zerschlagen worden.
In der Bibel ist
von den damals tobenden Glaubenskämpfen fast nichts zu lesen. Nur ganz selten
übersah die Tempelzensur verräterische Stellen: In Psalm 68 wird Gott
"Wolkenfahrer" genannt. Diesen Namen trug auch der heidnische Wettergötze Baal.
Erst die Archäologie gibt jetzt eine Ahnung von den wahren Vorgängen jener
Epoche. Besonders spannend ist eine aktuelle Grabung im ägyptischen Assuan. Dort
lebte auf einer Nilinsel eine Gruppe jüdischer Söldner, die engen brieflichen
Kontakt mit Jerusalem hielten. Aus der Zeit von 460 bis 407 v. Chr. liegt
Tempelpost vor. Die Schriften zeigen, dass die Auslandsjuden selbst zu dieser
Zeit noch neben ihrem Hauptgott Jahu mindestens drei weitere Götter verehrten,
darunter die Liebesgöttin Anat.
Die radikalen
Religionsforscher wundern solche Befunde nicht. Für sie ist die Bibel eine
Glaubensschrift, die nur lockeren Umgang mit der Wahrheit pflegt.
Aber auch unter
den konservativen Gelehrten machen sich Zweifel breit. Der Theologe Niehr hat in
seiner Zunft eine allgemeine "Tendenz zur Spätdatierung" der Bibeltexte
ausgemacht. Er selbst schlägt vor, Mose und Co. "durch die Brille der persischen
und hellenistischen Zeit" zu lesen.
Besonders
merkwürdig ist in dem Zusammenhang ein rätselhaftes und selbst unter Fachleuten
kaum bekanntes Heiligtum. Es liegt an der Strasse 443, die nördlich von
Jerusalem Richtung Ramot führt. Offiziell heisst die Stätte "Nebi Samuel", der
Prophet Samuel.
Hinter verrosteten
Metallzäunen verbirgt sich ein fast 1000 Quadratmeter grosser Kultplatz. In
harter Knochenarbeit wurde fast die gesamte Bergkuppe abgefräst und wie eine
Rollschuhbahn geglättet. Am Rand stehen Reste von Weinpressen, sowie Stallungen
fürs Opfervieh.
Im vorläufigen
(und nur in hebräischer spräche vorliegenden) Grabungsbericht heisst es, dass
die Stämme Israels hier den Himmel um Regen anriefen und andere "bedeutende
religiöse Rituale" vollzogen. Noch im "2. Jahrhundert vor Christus" sei der
Platz in Gebrauch gewesen.
Was für eine
Entdeckung! Keine zehn Kilometer von Jerusalem entfernt, auf einem Berg und fast
auf Sichtweite zum grossen Jahwe-Heiligtum, wurden demnach selbst in
hellenistischer Zeit noch heidnische Regentänze aufgeführt.
Angesichts solch
bizarrer Befunde hat der Alttestamentler Diebner seine Kollegen zur "metakritischen
Quellenschau" aufgerufen. Sein Motto: Seid misstrauisch beim Bibellesen.
Noch die Makkabäer,
glaubt der Forscher, hätten Kerntexte der Bibel umgeschrieben. Der Name steht
für eine Gruppe von Hohepriestern und Königen, die um 140 v. Chr. von Jerusalem
aus die Unabhängigkeit erkämpften. Für kurze Zeit blühte damals im Gelobten Land
ein Gottesstaat, geführt von den Anhängern Jahwes.
Kurz danach gingen
die Eiferer sogar militärisch in die Offensive. Es gelang ihnen, den verhassten
Norden zu überrennen. Der Sakralbau auf dem Garizim, "Rivale des Jerusalemer
Tempels" (Dubnow), wurde zerstört.
Erst in diesem
geschichtlichen Augenblick, meint Diebner, sei der Traum vom panisraelitischen
Grossreich entstanden, der sich wie ein Leitmotiv durch die Heilige Schrift
zieht. Der einst so viel grössere Nachbarstaat wurde geschluckt und dessen alter
Name "Israel" zum neuen Schlachtruf der ganzen Nation.
Diebner drückt es
so aus: "Es vollzog sich die Destruktion der Kultur Samariens, das heisst die
imperialistische Integration der Kultur der samaritanischen Kulturgemeinde in
ein judaisch beherrschtes und kontrolliertes Kultur-System."
Nun erst, glauben
die Minimalisten, entstand die - fiktive - Vorgeschichte vom Erzvater Abraham.
Dessen mit realen Ortsnamen gespickte Wanderung durch Kanaan umfasst etwa jenes
Gebiet, auf das die Makkabäer Anspruch erhoben.
Und auch die
berüchtigte Story von der Landnahme Kanaans, in der Gott dem auserwählten Volk
befiehlt, die ansässige Urbevölkerung "auszutilgen", passt viel besser in die
Zeit der Makkabäer, die in schwere Geländekämpfe verstrickt waren.
Ist das Buch Josua
also eine "Programmschrift aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert", wie der
dänische Forscher John Strange spekuliert? Auch der Bibelkenner Krauss vermutet:
"Es sieht so aus, als wollte der Verfasser des Buches Josua den Hohepriestern
die richtige Politik gegenüber den heidnischen Nachbarn in dichterischem Gewand
empfehlen."
Kein Zweifel: An
den theologischen Fakultäten werden derzeit unbequeme Gedanken ausgebrütet. Die
jüdische Orthodoxie verschliesst eher die Ohren. Ihr gilt schon der gemässigte
Forscher Finkelstein als Nestbeschmutzer.
Nüchterne Analysen
sind in Israel zurzeit nicht gefragt, es blüht der sentimentale Fanatismus.
Jeden Freitagabend treten religiöse Juden unter Polizeischutz an der Klagemauer
zum Gebet an. Wenige Meter über ihnen, auf dem Burgberg, in der Aksa-Moschee,
knien Muslime.
An dieser
Situation wird sich so schnell nichts ändern. Hass steht gegen Hass, Religion
gegen Religion, Besitzanspruch gegen Besitzanspruch.
Die Tora ist zwar
ein "herausragendes Ergebnis menschlicher Einbildungskraft" (Finkelstein). Sie
zeugt vom Triumph des Homo sapiens, der sich von den Fesseln des Naturmythos
befreite und in die Sphäre des ethischen Gesetzes vorstiess. Zugleich aber
tischt die Bibel auch fromme Lügen auf.
In "Der Spiegel"
Nummer 52,
21.12.02


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