Die Wahrheit über Homöopathie, unverdünnt

Birgit Schmid (27.03.2009)  

 

 

Wer heute die Alternativmedizin infrage stellt, setzt sich in die Nesseln, aus denen die Heilpraktiker ihre Salben und Säfte herstellen. Er geht auf den Nadeln, die Akupunkteure in Energiebahnen stecken. Denn unkonventionelle Heilverfahren erhalten alle Sympathien. Kaum jemand, der sich nicht schon der einen oder andern "sanften" Therapie anvertraut hat. Bachblüten bringen die Seele wieder ins Lot. Schröpfen ist die moderne Beichte des Körpers. Die homöopathischen Kügelchen haben die Hostie ersetzt. In dieser gesellschaftlich empfänglichen Stimmung für Hilfe der anderen Art wundert es nicht, wenn Astrologinnen plötzlich öffentlich die Finanzkrise erklären dürfen ("Tages-Anzeiger" vom 5. März) und mediale Kreuzzüge gegen längst akzeptierte Medikamente wie Ritalin geführt werden. Als Höhepunkt der Verteufelung preisen Journalisten zweifelhafte alternative Behandlungsmethoden für hyperaktive Kinder an.


Zum Beispiel Homöopathie. Homöopathie, deren Wirksamkeit bisher in keiner wissenschaftlichen Studie nachgewiesen werden konnte. Beurteilt man Alternativtherapien nach den Kriterien der Schulmedizin, gibt es oft nur einen Schluss: wirkt nicht. Die Lehre nach dem Grundsatz «Je stärker verdünnt, desto grösser die Wirkung» hält der fundierten evidenzbasierten Heilkunde nicht stand. Das hört niemand gern, der seine positiven Erfahrungen mit Globuli und Tinkturen gemacht hat. "Wer heilt, hat immer recht", entgegnen die Befürworter der Komplementärmedizin. Aus schulmedizinischer Sicht aber gilt: Wer behauptet, dass er heilt, muss nachweisen können, dass die Behandlung ebendies tut. Ihr mit euren Studien! wenden die Alternativanhänger ein: Unsere Therapien, da hochindividuell angewendet, lassen sich nun mal nicht standardisieren. Darauf gibt es im Dienst der Aufklärung wiederum nur eine Antwort: Eine ernst zu nehmende Wissenschaft beruht auf Gesetzmässigkeiten, die sich durch Beobachtung ableiten lassen, und nicht auf Vorannahmen. Nur der Unbeteiligte, der den Streit aus der Ferne betrachtet, sagt gelassen: Was solls — nützt es nicht, schadet es nicht. Doch diese Haltung ist spätestens dann fragwürdig, wenn für alternative Heilmethoden, die nicht nachweisbar wirksam sind, die Allgemeinheit aufkommen soll.


Die Homöopathie ist eine der Behandlungsmethoden, deren Kosten in Zukunft wieder von den Krankenkassen übernommen werden sollen. Damit würde der Entscheid von Pascal Couchepin rückgängig gemacht, der 2005 die Komplementärmedizin aus der Grundversicherung ausgeschlossen hat. Zu den weiteren Verbannten gehören die anthroposophische Medizin, die Pflanzenheilkunde, Traditionelle Chinesische Medizin und Neuraltherapie. Verfahren, die teilweise die Grenze zur Esoterik streifen, so der damalige Entscheid, sollen die Gesundheitskosten nicht weiter in die Höhe treiben. Der Gesundheitsminister bekam die Entrüstung der sanften Heiler hart zu spüren.
Denn sie sind überzeugt davon. Glauben daran. Sie kritisieren: Nicht alles sei halt erklärbar in gängigen Kategorien. Die Schulmedizin akzeptiere nur das, was in klinischen Studien stehe. Dabei sei die Wissenschaft viel mehr als das.

 

 

Bloss was?


Wenn Alternativmedizin wirkt, dann dank dem "Therapeuteneffekt", der Beziehung zum Arzt. Vor allem, wenn er sich für den Patienten Zeit nimmt. Das fördert die psychische Bindung. Man teilt die gleiche Gesinnung, wählt dieselbe Art des Heilens. Hinzu kommt der Placeboeffekt: Wer glaubt, dass eine Behandlung hilft, wird schneller gesund. Auch bei religiösen Menschen sollen selbstheilende Kräfte stärker wirksam sein. Entlarvend sind diesbezüglich Doppelblindstudien. Da ist das homöopathische Arnika-Präparat bei Prellungen mal genauso erfolgreich wie ein Scheinmedikament. Bei der Geistheilung, dieser puren Scharlatanerie, hätte es zwar keinen Nachweis mehr gebraucht: Es kommt tatsächlich nicht darauf an, ob spirituelle Heiler oder Schauspieler chronische Schmerzpatienten mit heilenden Energien kurieren — in beiden Gruppen sprachen Einzelne auf die Behandlung an. Sogar eine grosse Untersuchung zu Akupunktur, der anerkanntesten Alternativbehandlung, ergab vor Kurzem: Ob man die Nadeln in die «echten» Punkte oder irgendwohin steckt, spielt keine Rolle. Schmerzen werden auch bei beliebiger Punktion gelindert.


Vergessen Sie Chi und Meridiane, sagt Adrian White, Arzt mit Akupunkturausbildung und Chefredaktor der britischen Zeitschrift "Acupuncture in Medicine". Der Effekt der Nadeln lasse sich rein neurophysiologisch beschreiben. "Die Einstichstellen haben keine magischen Eigenschaften. Sie eignen sich einfach gut zum Reinstechen." Statt die Methode in orthodox wissenschaftlicher Sprache zu erklären, so White, bemühe man Wirkprinzipien, die auf alter chinesischer Philosophie basieren. "Leider ist der wissenschaftliche Approach nicht so sexy."
Damit gibt er eine mögliche Antwort auf die Frage, warum heute selbst rational denkende und gebildete Menschen die Komplementärmedizin in Anspruch nehmen. Das Bedürfnis nach alternativen Heilverfahren sagt auch etwas über unsere Zeit aus.
Je aufgeklärter die Gesellschaft, desto stärker das Bedürfnis nach Unerklärlichem. Wenn die Wissenschaft "viel mehr" ist als das Bewährte, wie die Alternativmediziner sagen, muss der Rest Magie sein. Altes medizinisches Wissen, das unverändert "feststeht" und tradiert wird, ohne es je weiterzuentwickeln, erhöht das Zauberhafte. Der Mensch muss glauben. Man kann es auch anders formulieren: je weniger Religion, desto mehr blaues Licht gegen Blasenschwäche, Edelsteine gegen Krebs, Teufelskralle gegen Schmerz. Kommt hinzu, dass die moderne Medizin zunehmend als steril, technisch und unpersönlich empfunden wird — und dann all diese Chemie.


Besonders sympathisch ist, dass viele komplementärmedizinische Behandlungen auf die individuelle Persönlichkeit des Patienten abgestimmt werden. Der Einzelne wird sehr wichtig genommen. Weil die Nebenwirkungen bei der «guten» Medizin gering sind, darf es dann vielleicht auch etwas mehr sein, mehr an Beschwerden. Die Medizin, die ausdrücklich Seele und Körper umfasst, kommt dem Bedürfnis entgegen, ständig nach der eigenen Befindlichkeit zu fragen. Man horcht in sich hinein. Versucht, blockierte Energiebahnen zu erspüren. Forscht nach versteckten Allergien. Stöbert Störfelder im Körper auf. Wird man dann mal krank, wird der Krankheit "Sinn" zugeschrieben. Jeder Schmerz weist auf fehlgeleitete Energien, jeder Schnupfen auf fehlende "Lebenskraft" hin — dies ein Begriff aus der Homöopathie. Die Angebotspalette der sanften Medizin geht einher mit der Ausweitung der Wohlfühlzone.

 

 

Esoterisch


Dagegen kann man nicht wirklich etwas einwenden, wie man auch gegen das wöchentliche Yoga oder einen Tag im Spa nichts haben kann, wo man verspannte Muskeln lockert und Stress abbaut. Nur zahlt man die Steigerung des Wohlbefindens hier aus der eigenen Tasche.
Wie teuer darf der Glaube an die Wirkung eines Placebos sein? Werden Scheinmedikamente oder energetische Massagen nicht schnell mal verschrieben, im Sinn: Kann ja nicht schaden? Gefährlich wird es dann, wenn alternative Therapien nicht mehr ergänzend zur Schulmedizin gesehen werden, sondern man sie als allein gesund machende Methode propagiert. Wenn mythische Vorstellungen, die in der Antike oder im Mittelalter wurzeln, als die Medizin mit Glaubensbekenntnissen und Astrologie vermischt wurden, Errungenschaften der modernen Medizin infrage stellen. Ein Beispiel dafür ist die Impfdebatte, in der ein im Gesundheitsbewusstsein verankertes Verfahren zum Schutz gegen Krankheiten plötzlich verteufelt wird.


Nur eine esoterische Glaubensmedizin spricht vom "geistigen Wesen der Ursubstanz", weist Wasser ein "Gedächtnis" zu. Das homöopathische Herstellungsverfahren von Schütteln und Verdünnen widerspricht elementaren physikalischen Erkenntnissen. Es gleicht einem Ritual. Für den deutschen Physiker Martin Lambeck, ein ausgewiesener, kritischer Geist, wäre der Beweis dafür, dass die Eigenschaften einer Lösung durch Schütteln tatsächlich verändert werden etwa so bedeutend wie Galileis Entdeckung der Jupitermonde.


Wenn die Homöopathie recht hätte, sagt er, müssten Physik und Chemie radikal erweitert werden. Warum aber hat noch nie ein Homöopath den Nobelpreis erhalten?