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Ein Gefühl, schöner als Glück
Hirnforscher haben Techniken
entwickelt, die Menschen Gott spüren lassen – und selbst Atheisten kommen ins
Schwärmen. Schwachsinn? Es ist ein Helm, der schmerzlos zu dieser
übermenschlichen Erfahrung führt. Und zu der Frage: Kommt nach dem iPod der iGod?
Von Felix Hasler
Machen wir es kurz: Gott sitzt in
den Schläfenlappen. Und wenn diese im elektrischen Gewitter eines epileptischen
Anfalls wild herumzuckeln, haben Menschen ihre religiösen Visionen und
mystischen Erfahrungen. Derart Erleuchtete gründen dann im schlimmsten Fall eine
Religion, die sie mit heiligem Eifer verteidigen. Etwa so sieht es zumindest der
kanadische Neuropsychologe Michael Persinger von der Laurentian University in
Ontario. Und seine Annahme, dass es sich bei religiös-mystischem Erleben um
nichts anderes als "selbstinduzierte, kontrollierte Formen epileptischer
Mikroanfälle in den Schläfenlappen" handelt, will er durch eigene experimentelle
Daten belegt sehen.
Höhere Wirklichkeit für alle
Schon seit langem untersucht der Hirnforscher die Auswirkungen schwacher, aber
komplex variierter Magnetfelder auf das Gehirn und damit auf die innere
Erfahrungswelt des Menschen. Zwecks gezielter Manipulation des Denkorgans werden
den Versuchspersonen Magnetspulen direkt auf dem Schädel positioniert. Alex
Thomas, ein Mitarbeiter Persingers, war es, der auf dem Computer das
entscheidende Muster elektromagnetischer Pulse für den grossen mystischen
Durchbruch programmiert hatte. Werden die Versuchspersonen im schallisolierten
Raum mit verbundenen Augen lange genug dem "Thomas-Puls" ausgesetzt, geschieht
bei über achtzig Prozent der Probanden Erstaunliches. Sie erleben ein intensives
Präsenzgefühl: Irgendjemand oder irgendetwas Machtvolles befindet sich mit ihnen
im gleichen Raum. Je nach religiöser Überzeugung und kulturellem Hintergrund
berichten die Versuchspersonen von einer "höheren Wirklichkeit" oder gar der
expliziten Gegenwart von Jesus, Mohammed oder Buddha. Diese Erfahrungen werden
mit tiefen, ja heiligen Gefühlen gemacht. Auch Skeptiker und Atheisten haben
nach der Persinger-Behandlung solch ungewöhnliche Entgrenzungserlebnisse,
vergleichen diese aber eher, so sich Entsprechendes in der persönlichen
Biografie findet, mit psychedelischen Drogentrips.
Und wie eine halluzinogene Drogenreise kann auch das elektromagnetische Zappen
der Schläfenlappen übel ausgehen. Anstelle harmonisierend wirkender
Engelsvisionen gibt sich dann der Leibhaftige die Ehre und zeigt seine
dämonische Fratze. Vielleicht bekommt man es aber auch plötzlich mit seelenlosen
Mutanten zu tun. Ein fünfundzwanzigjähriger Mann schildert seinen Bad Trip in
Persingers Kellerlabor: "Ich sah einen schwarzen Fleck, der zu einer Art
Trichter wurde. Ich fühlte, wie ich mich bewegte, als ob ich vorwärts
durchgezogen würde. Ich begann die Anwesenheit von Personen zu spüren, aber ich
konnte sie nicht sehen; sie befanden sich zu meinen Seiten. Es waren farblose,
grau aussehende Wesen. Ich wusste, dass ich in der Kammer war, aber es war sehr
real. Plötzlich empfand ich starke Angst und fühlte mich eiskalt."
Nietzsche, Göttliches, Mausklick
Persingers Experimentierraum im Untergeschoss der Universität ist der Alptraum
jedes Innenarchitekten. Die paar herumstehenden Möbel wirken wie frisch vom
Sperrmüll, und die veralteten Computer würde auch bei Ebay keiner wollen. Allzu
deutlich ist dem abgewetzten Stuhl im fensterlosen "Himmel und Hölle"-Raum C002B
des Institutskellers anzusehen, dass darauf in den letzten zwanzig Jahren über
tausend Versuchspersonen mit Magnetspulen auf höhere spirituelle Ebenen
katapultiert wurden. Auf den ersten Blick ganz unscheinbar auch das alles
entscheidende Equipment: Der ominöse "Koren-Helm" – ein umgebauter
Siebziger-Jahre-Motorradhelm – sieht aus wie die noch nicht ganz beendete
Bastelarbeit aus dem Freizeitkeller eines Hobbyelektronikers. Umso
eindrücklicher, dass sich in diesem so ganz und gar unesoterischen Umfeld das
"Göttliche" offensichtlich per Mausklick erleben lässt.
Es ist unschwer nachzuvollziehen, dass sich der Neuropsychologe Persinger zu
Beginn seiner biotheologischen Untersuchungen regelmässig mit Aufmärschen
fundamental christlicher Gruppen konfrontiert sah, die gegen die "dämonischen
Experimente" protestierten. Tatsächlich hält der bekennende Atheist Gott für ein
Artefakt des Gehirns beziehungsweise gar für ein "kognitives Virus". Persinger
liefert gewissermassen eine modernisierte, neurobiologische Sichtweise der
Deutung Sigmund Freuds, dass Religiosität eine "universelle Zwangsneurose"
darstelle – gemäss dem Übervater der Psychoanalyse nicht mehr als ein Verharren
in einer unreifen kindlichen Erwartungshaltung gegenüber einem übermächtigen
Wesen. Religion als Bewältigungsstrategie, um mit dem Ausgeliefertsein in einer
sinnlos erlebten Welt und der Unabwendbarkeit der eigenen Sterblichkeit zugange
zu kommen. Biotheologe Persinger ist überzeugt, dass Gott reine Nervensache ist
und nur aufgrund spezifischer neuronaler Abläufe im Gehirn entsteht. Er versucht
mit Physik zu erreichen, wozu Nietzsche noch die Philosophie bemühte: Gott zu
töten.
Dass er damit genauso wenig Erfolg haben wird, ist so gut wie sicher. Der
gegenwärtige Boom immer neuer charismatischer und pfingstkirchlicher
Gruppierungen vor allem in Afrika und Lateinamerika ist seit Jahren ungebrochen.
Hat nicht erst diesen Sommer ein einigermassen überraschtes Fernsehpublikum
anlässlich des Confederations-Cup-Finals mitverfolgen können, dass die halbe
brasilianische Fussball-Nationalmannschaft unter dem grün-gelben Trikot auch
noch ein "Jesus liebt dich"-T-Shirt trug? Selbst an der Biennale in Venedig kam
es zu einer eindrücklichen Machtdemonstration christlicher Kreise. Der massive
Protest empörter Katholiken hat zum vorzeitigen Absetzen des Videofreskos "Homo
sapiens sapiens" der Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist geführt. Ihre
freizügige (und adamlose) Version des himmlischen Paradieses, grossflächig
projiziert auf das Deckengewölbe der Barockkirche San Staë, hatte die religiösen
Gefühle zu vieler verletzt. Auch in den USA – evangelikal bis ganz zuoberst im
Weissen Haus – entstehen unaufhaltsam neue Freikirchen und einflussreiche "faith
based movements". Letztere haben in einigen US-Bundesstaaten bereits
durchgesetzt, dass an den Schulen der Kreationismus – also die Schöpfungslehre
der Welt gemäss dem alttestamentarischen Buch Genesis – gleichberechtigt neben
der Evolution zu lehren sei.
Mehr Existenz erfahren
Persingers neuropsychologische Experimente bauen auf den Beobachtungen aus der
Neurologie auf, dass Epilepsiepatienten, bei denen die Anfälle begrenzt in
umschriebenen Arealen der Schläfenlappen ablaufen, von mystischen Erlebnissen
während des neuronalen Ausnahmezustands berichten: Nicht ohne Grund wird diese
Epilepsieform auch als "ekstatische Epilepsie" bezeichnet. Alle Dinge scheinen
belebt und mit Bedeutung erfüllt. Ein Zustand völliger Klarheit und vollkommener
Erleuchtung. Selbst mit lebhaftesten Visionen à la Jeanne d’Arc ("in Flammen
stehen"), mit dem Erscheinen von Engeln und dem Vernehmen von Stimmen sieht sich
diese Patientengruppe konfrontiert. Als "heilige Krankheit" göttlichen Ursprungs
wurde die Epilepsie bereits von den Menschen der Antike gesehen. Wer ausser Gott
sollte einen erwachsenen Mann wie vom Blitz getroffen aus dem Stand werfen
können und ihn völlig ausser Kontrolle um sich schlagen lassen? ›››
Auch einige religiöse Prominenz der Kirchengeschichte steht unter dem dringenden
Verdacht, ihre göttlichen Visionen im Neuronengewitter epileptischer Anfälle
halluziniert zu haben: Johanna von Orléans, Apostel Paulus oder die heilige
Teresa von Avila. Dazu gibt es wichtige Hinweise aus den Biografien, gesicherte
postume Diagnosen sind aufgrund der lückenhaften Datenlage selbstverständlich
nicht zu stellen. Gut möglich, dass Apostel Paulus die Epilepsie meinte, wenn er
von seinem "Pfahl im Fleisch" redete, an dem er leide. Seine Beschreibung der
Begegnung mit dem auferstandenen Christus vor Damaskus mit Lichterscheinungen
und dem Vernehmen der Stimme Jesu gäbe ein geradezu klassisches Beispiel für
einen Schläfenlappen-Anfall, sind doch sensorische Störungen wie Lichteindrücke
und akustische Halluzinationen typisch für diese Epilepsieform.
Zweifellos gehört die Gotteserfahrung in einem epileptischen Anfall zu den
existenziellsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Der russische
Schriftsteller Fjodor Dostojewski, selbst nachgewiesenermassen
Schläfenlappen-Epileptiker, lässt uns durch eine seiner Romanfiguren an einem
solchen Anfall teilhaben: "Die Luft ist erfüllt mit grossem Lärm und ich dachte,
ich würde verschlungen. Ich habe wahrhaftig Gott berührt. Er kam in mich, mich
selbst hinein; ja, Gott existiert, schrie ich und ich erinnere mich an gar
nichts anderes. All ihr gesunden Leute könnt euch das Glück nicht vorstellen,
das wir Epileptiker in der Sekunde vor dem Anfall erleben. Ich weiss nicht ob
diese Glückseligkeit Sekunden, Stunden oder Monate dauert, aber glaube mir,
nicht für alle Freuden, die das Leben bringt, würde ich diese eintauschen."
Auf rekordverdächtige mehrere hundert Visionen in über fünfundzwanzig Jahren
brachte es Ellen Gould White, die Stifterin der Adventisten vom Siebenten Tag.
Nach Meinung eines renommierten Neurologen zeigte auch sie typische Anzeichen
von Schläfenlappen-Epilepsie. Fernab von himmlischer Eingebung könnten die
direkten Auswirkungen eines dieser Epilepsiesymptome, das manische Schreiben
(Hypergrafie), den Adventisten-Katechismus mit den fast fünfzig Bände
umfassenden Originalschriften Whites verursacht haben.
Und immer wieder Schläfenlappen
Auch Starneurologe Vilayanur Ramachandran, Professor für Psychologie und
Neurowissenschaften an der University of California, San Diego, hat die
neuronale Grundlage für religiöse Erfahrungen aufgrund eigener Untersuchungen in
den Schläfenlappen geortet. Seine Forschungsergebnisse legen ebenfalls nahe,
dass religiöse Erfahrungen von der Aktivität der Schläfenlappen abhängen. Die
Tatsache, dass dieses Hirngebiet auch für die Sprachwahrnehmung von Bedeutung
ist, könnte zudem mit erklären, weshalb ein häufiges Element religiöser Visionen
auftritt: das Hören der Stimme Gottes. Gerade im Zustand reduzierter äusserer
Reizeinflüsse – was man in Meditationsübungen oder im Gebet üblicherweise
anstrebt – wird eine folgenschwere Fehlinterpretation des Gehirns
wahrscheinlich: Der innere gedankliche Dialog, den wir fortwährend mit uns
selbst führen, kann plötzlich als von aussen kommende Stimme erlebt werden. Das
Hirn täuscht sich bei der Lokalisation der Sprachquelle. Dies allerdings rückt
das visionäre Vernehmen göttlicher Botschaften in gefährliche Nähe zu den
Psychosen, sind doch gerade akustische Halluzinationen ein zentrales
Charakteristikum von Schizophrenien. Ob ein mit göttlichen Botschaften
Erleuchteter nun als auserwählter Prophet verehrt oder psychiatrisch mit
Neuroleptika behandelt wird, dürfte weitgehend von den soziokulturellen
Begleitumständen abhängen. Tatsächlich ist das Auftreten religiöser
Wahnvorstellungen einer der häufigsten Gründe für die Einweisung in eine
psychiatrische Klinik.
"Neurobiologen schieben betende Nonnen in den Kernspintomographen", resümierte
Die Zeit in einem kürzlich erschienenen Artikel über die neurowissenschaftliche
Untersuchung von Glaubensphänomenen. Und spielte damit auf die Bildgebungsstudie
des amerikanischen Radiologen und Dozenten für Religionswissenschaft Andrew
Newberg an, eines weiteren Hauptvertreters der noch jungen Forschungsdisziplin
Neurotheologie. Newberg hat an der University of Pennsylvania mit einer
radioaktiven Markierungssubstanz und einem speziellen Computertomografen die
neurophysiologischen Auswirkungen zweier traditionsreicher spiritueller
Praktiken auf die Hirnaktivität sichtbar gemacht. Und ist dabei auf interessante
Befunde gestossen. Sowohl bei meditierenden tibetanischen Buddhisten im Zustand
des "Einsseins mit dem Kosmos" wie auch bei tief im Gebet versunkenen
Franziskanernonnen ging die Durchblutung des Scheitellappens drastisch zurück.
Ein Hirnareal, das sonst unentwegt rattert, verstummt in der Stille der
Versenkung. Dies ist insofern bedeutsam, als sich in diesem Hirngebiet auch das
Orientierungsareal befindet, also jene Nervenzellverbände, die normalerweise
Informationen über Zeitabläufe und räumliche Orientierung verarbeiten.
Gibt es ein "Gott-Modul"?
Aus Untersuchungen mit Hirnverletzten ist seit langem bekannt, dass eine
Verletzung des oberen Teils des Scheitellappens die Fähigkeit stört, sich im
Raum zu orientieren oder Distanzen richtig abzuschätzen. Aufgrund der
Reizblockade im oberen Teil des Scheitellappens wäre es somit durchaus
erklärbar, dass sich das subjektive Erleben bei der spirituellen Versenkung
gänzlich in der Raum- und Zeitlosigkeit verliert. Derartige Transzendenzzustände
sind denn auch in fast allen Religionen bekannt und werden als Zen, Nirwana,
Brahman-Atman oder in der christlichen Tradition des ekstatisch-visionären
Schauens als Unio mystica bezeichnet. Immer meint dabei der spirituell
Entgrenzte, die Unendlichkeit in Erhabenheit zu berühren. Franziskanerschwester
Celeste, eine der Versuchsteilnehmerinnen in Newbergs Studie, erklärte dem
Nachrichtenmagazin Newsweek, was sie während ihres dreiviertelstündigen Gebets
vor der Tomografiemessung empfand: "Ich fühlte Einkehr, Frieden, Offenheit zur
Erfahrung. Da war eine Bewusstheit und eine Empfindsamkeit für die Anwesenheit
Gottes um mich herum. Und ein Gefühl der Zentriertheit, der Ruhe, des Nichts;
aber auch Momente der Fülle der Anwesenheit Gottes. Gott hat mein Sein
durchdrungen." Da buddhistische Meditationsmeister und Franziskanernonnen gemäss
der Newberg-Studie in hirnphysiologisch vergleichbaren Endzuständen landen,
scheint es für das Hirn also keinen Unterschied zu machen, woran wir glauben.
Gibt es also ein "Gott-Modul", eine Art religiösen Schaltkreis im Hirn? Ist Gott
womöglich nur ein ganz spezifischer, klar umschreibbarer neuronaler Zustand? Ein
Hirngespinst? "Müssen" wir quasi glauben, allein aufgrund der Art und Weise, wie
unser Gehirn funktioniert? Und wenn ja, könnte man die zugrunde liegenden
Neuronenschaltungen gezielt beeinflussen, zum Beispiel mit Medikamenten? Wird
ein eingeschüchterter Staat vielleicht einmal in zwanzig Jahren aus Gründen
nationaler Sicherheit bei gewaltbereiten Fundamentalisten eine präventive "Gottektomie"
anordnen?
Unbestreitbar und gerade in Zeiten des globalen fundamental-islamistischen
Terrors leidvoll zu erfahren ist der Zusammenhang zwischen Glauben und Gewalt.
In einem seiner provokanten Aufsätze, veröffentlicht im Stan-dardwerk
"Neurotheologie: Gehirn, Wissenschaft, Spiritualität und religiöse Erfahrung"
von Rhawn Joseph, erläutert Michael Persinger eindrücklich die möglichen Folgen
religiöser Überzeugung: "Etwa sieben Prozent der für die Psychologieklasse
eingeschriebenen erstsemestrigen Universitätsstudenten bejahten in einer Umfrage
die Aussage ‹Wenn Gott es mir befähle, würde ich in seinem Namen töten›." Gemäss
Persinger stieg der Anteil der zur äussersten Gewaltanwendung bereiten Männer
auf fünfundzwanzig Prozent unter denen, die regelmässig eine Kirche, Synagoge,
Moschee oder eine andere religiöse Institution besuchen. Und eigene religiöse
Grenzerfahrungen scheinen die Gläubigen weiter zu radikalisieren: "Etwa fünfzig
Prozent der Männer, die oft eine Kirche besuchten, die von religiösen
Erfahrungen berichteten und die Anzeichen einer erhöhten
Schläfenlappen-Aktivität zeigten, gaben an, sie würden im Namen Gottes töten."
Es liegt in unserer biologischen Natur, dass alle unsere Fähigkeiten, vom
banalen Besorgen einer Busfahrkarte bis hin zu leidenschaftlichster Liebe, an
bestimmte Hirnzustände, die "neuronalen Korrelate des Bewusstseins", gebunden
sind. Oder um es mit dem Bewusstseinsphilosophen und Forscher auf dem Gebiet der
Künstlichen Intelligenz, Marvin Minsky, zu sagen: "Mind is what the brain does."
Diese griffige Formel bringt die aktuell konkurrenzlos vorherrschende
biologistische Reduktion des erstmals von Descartes formulierten
Leib-Seele-Problems auf den Punkt: Die Seele ist weg, was bleibt, ist der Leib.
Es ist also wenig erstaunlich, dass auch Glaube, Religiosität und mystisches
Erleben in dieser Weltsicht auf neuronale Bewusstseinsentsprechungen
zurückgeführt werden. Allein die Tatsache, dass spirituelle Erfahrungen durch
alle Zeiten und Kulturen sehr ähnlich sind, spricht für eine prinzipielle
Beteiligung funktioneller Strukturen des Gehirns.
Was war zuerst: das Gehirn oder
ER?
Auch Neurotheologe Newberg ist sich völlig im Klaren darüber, dass sich mit
Hirnexperimenten Gott weder beweisen noch falsifizieren lässt. Sein
einleuchtender kulinarischer Vergleich: Der Verzehr eines Apfelstrudels erzeuge
gewisse geistige Phänomene – beispielsweise beim Genuss der eingestreuten
Rosinen – die mit spezifischen Hirnvorgängen einhergehen, die für Neurologen
beobachtbar seien ("This is your brain on apple-pie"). Aber dass es bestimmte
Hirnvorgänge gebe, bedeute natürlich nicht, dass der Apfelstrudel ein
Hirngespinst sei. (Um noch ein wenig spitzfindig zu werden: Wir können auch die
reale Existenz des Apfelstrudels nicht mit letzter Sicherheit beweisen.)
Die grösste aller grossen Fragen, nämlich, ob es Gott gibt oder nicht, werden
auch biotheologische Studien nicht beantworten können. Ob Gott unser Gehirn –
und damit auch die Fähigkeit, ihn zu erkennen – erschaffen hat oder ob unser
Gehirn erst Gott schafft, ist und bleibt Glaubenssache. Man landet bei der
ontologischen Gretchenfrage nach der wahren oder illusionären Natur Gottes
einmal mehr in der Sackgasse – immerhin zeitgemäss mit Hightech-Methoden der
Hirnforschung. Und auch der sich aufgeklärt gebende Atheist glaubt ja
schliesslich nur, dass es keinen Gott gibt.
Eine häufig geäusserte Grundsatzkritik an den biotheologischen Studien ist auch,
dass sie ausser Acht lassen, dass Religiosität in erster Linie ein komplexes
soziokulturelles Phänomen sei. Schliesslich hätten nur die allerwenigsten
Gläubigen in ihrem Leben jemals eine echte spirituelle Grenzerfahrung. Erleben
und Verhalten der unerleuchteten Mehrzahl der Gläubigen zu untersuchen, sei
somit wohl eher Sache von Soziologen und Psychologen denn
erkenntnisversprechender Gegenstand der Neurobiologie.
Es ist eine ökonomische Erfahrungstatsache, dass alles, was technisch
realisierbar ist und mit Hinblick auf einen potenziellen Markt als
wirtschaftlich sinnvoll erscheint, irgendwann auch vermarktet wird. In einer
hochtechnisierten Welt, in der jedermann auf seiner ganz privaten Sinnsuche oder
auch nur individualhedonistischen Spassmission ist, liefert Persingers
Magnetspulenhelm zur Erzeugung spiritueller Erfahrungen die technischen
Voraussetzungen für einen völlig neuen Markt. Instant-Mystik, wie sie bis anhin
allenfalls illegal mit nebenwirkungsreichen psychedelischen Pilzomeletten oder
LSD zu erzielen war, könnte schon bald in konsumentenfreundlicher Ausführung und
durchgestyltem Design daherkommen.
Man mag sich iGod vorstellen, ein mattgraues Chromstahl-Gimmick mit weissen
Bügeln und einem diskreten digitalen Drehrad. Durch sanfte Manipulation an
diesem "blessing wheel" könnte dereinst die Intensität der religiösen Erfahrung
nach Wunsch reguliert werden. Vorerst müsste noch beträchtliche
Entwicklungsarbeit in die Miniaturisierung der Persingerschen Versuchsanordnung
investiert werden. Und auch in der Ästhetikevolution vom schmuddeligen
Motorradhelm mit Spulen hin zum trendigen Designerstück müssten noch ein paar
Verbesserungen vollzogen werden. Doch spricht nichts Prinzipielles gegen die
Vorstellung, dereinst in der Unterhaltungselektronik-Abteilung von Media-Markt
eine Godbox vorfinden zu können. Möglicher Werbeslogan: "In die Kirche? Ich bin
doch nicht blöd!"
Zukunftsmusik: iGod
Prototypen dieser Technologie mit Zukunftspotenzial sind schon heute auf dem
Internet zu kaufen. Sie machen noch einen reichlich selbstgebastelten Eindruck.
Das Topmodell von Shakti Spiritual Technology kostet 220 Dollar, läuft unter
Windows und benutzt die Soundkarte des Computers zur Erzeugung der Magnetfelder
für die spirituelle Schläfenlappen-Massage. Soll gemäss Website "Ausserkörpererfahrungen,
Klarträume, Telepathie und Glückszustände" bewirken und auch die Meditation
vereinfachen.
Wäre es nicht denkbar, dass die neue Technologie dereinst den Kern einer
modernen Religion des 21. Jahrhunderts bilden könnte? Das ultimative Wir-Gefühl
in der global vernetzten Kirchengemeinde durch kollektives Zappen der
Schläfenlappen? Das Anstreben einer gemeinsamen Transzendenzerfahrung als
religiöses Ritual hat schliesslich eine uralte Tradition. Bis in die heutige
Zeit verwenden indigene Kulturen in Lateinamerika psychoaktive Pflanzen von
Meskalin bis Ayahuasca als psychedelischen Treibstoff für die Reise in die
nächste Dimension. Gut vorstellbar, dass sich in einer Art Hightech-Sekte iGod
zur IT-Version bewusstseinsverändernder Sakralpraktiken entwickeln könnte.
Eine solche Zukunftsvision wäre auch mit den futuristischen Szenarien der
berühmtesten Neurowissenschaftlerin Grossbritanniens, Baroness Susan Greenfield,
zu vereinbaren. Die Leiterin des interdisziplinären Centre for Science of the
Mind untersucht auch den Einfluss des Glaubens auf das Gehirn. In ihrem jüngsten
Buch "Tomorrow’s People" spekuliert die geadelte Pharmakologie-Professorin
darüber, wie fundamental die Technologien des 21. Jahrhunderts Denken, Fühlen
und Handeln des Menschen verändern könnten. Sie entwickelt darin das Szenario
einer Gesellschaft, die sich in einem Zustand permanenter selbstgewählter
Realitätsmanipulation und Reizüberflutung befindet. Sie prophezeit eine bunte
Welt voll von virtuellen Helfern, digitalen Knechten, Lifestyledrogen und
Designermolekülen für Glück und Sex. "Augmented reality" und "virtual reality"
könnten für uns schon bald attraktiver als die profane Alltagsrealität werden,
weil sich die künstlichen IT-Welten besser nach unseren eigenen Bedürfnissen
erschaffen und gestalten lassen. Greenfield ist sich sicher: "Das menschliche
Gehirn ist keine unantastbare Grösse mehr. Wir halten den Schlüssel zur
Veränderung des Bewusstseins, zur Erosion des Individuums in der Hand."
Ganz unabhängig von der zukünftigen Entwicklung und Kommerzialisierung von
Erleuchtungsmaschinen für den Hausgebrauch lässt sich aus den neurotheologischen
Untersuchungen bereits heute Bedeutsames ableiten. Was Religionswissenschaftler
schon seit Jahrhunderten in der Philosophia perennis diskutieren, nämlich dass
ein gemeinsamer und im Wesen gleicher Kern absoluter Wahrheit in allen
Religionen stecke, erfährt gerade eine moderne neurobiologische Umdeutung.
Vielleicht ähneln sich die spirituellen Erfahrungen der Menschen durch alle
Kulturen gar nicht deshalb, weil sie auf denselben Gott oder eine universell
gültige Wahrheit hindeuten, sondern ganz einfach, weil die Gehirne der Menschen
gleich funktionieren. Ob Schläfenlappenzappen, Drogentrip, Meditation oder
epileptischer Anfall – auf den nicht vorgesehenen Ausnahmezustand kann das
Gehirn nur mit ganz beschränkten Erfahrungsmöglichkeiten reagieren. Und seit
Jahrtausenden eine der beliebtesten scheint die Halluzination einer höheren
spirituellen Wahrheit zu sein.
Felix Hasler ist
Neuropharmakologe und Forschungsassistent an der Psychiatrischen
Universitätsklinik Zürich.
In "Die Weltwoche"
Nummer 51, 2005


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