Der Himmel muss warten

 

von Salman Rushdie

 

 

Ich habe mich nie als Schriftsteller gesehen, der über religiöse Dinge schreibt, bis ich unvermutet von einer Religion verfolgt wurde. Natürlich gehörte die Religion immer zu meiner Welt - wie sollte es für einen Autor vom indischen Kontinent auch anders sein. Ich fand aber, dass es noch viele andere, schönere, interessantere Themen gab. Doch als der lautstarke Angriff der Intoleranz stattfand, musste ich entscheiden, wofür ich eintreten sollte.

 

Heute, sechzehn Jahre später, sind wir alle mit dem Thema Religion konfrontiert, auch wenn die meisten von uns vermutlich der Ansicht sind (wie ich damals), dass es wichtigere Dinge gibt. Wenn wir uns dieser Herausforderung nicht stellen, könnte es sein, dass wir am Ende das Nachsehen haben.

 

All jenen, die in Indien nach den Unruhen im Zusammenhang mit der Teilung des Subkontinents 1947 aufwuchsen, blieb der Schatten dieser Gemetzel als eine furchtbare Warnung im Gedächtnis, was Menschen im Namen Gottes zu tun bereit sind. Und allzu oft haben sich diese Gewaltausbrüche wiederholt - in Meerut, in Assam, in jüngster Zeit in Gujarat.

 

Aber auch in der europäischen Geschichte finden sich immer wieder Beweise dafür, wie gefährlich politisierte Religionen sind: die französischen Religionskriege, die schweren Unrufen in Irland, der "katholische Nationalismus" des spanischen Diktators Franco und die Kontrahenten im englischen Bürgerkrieg, die mit den gleichen Chorälen in die Schlacht zogen.

 

 

Atheisten haben keine Chance

 

Die Menschen haben sich immer der Religion zugewandt, wenn sie Antworten auf die beiden grossen existenziellen Fragen suchten: Woher kommen wir, und wie soll man leben? Was die erste Frage angeht, so haben sich alle Religionen geirrt. Nein, die Welt wurde nicht in sechs Tagen von einer Supermacht erschaffen, die sich am siebten Tage ausruhte. Und sie wurde auch nicht von einem Himmelsgott in einem gigantischen Kessel zusammengerührt. Und was die soziale Frage angeht, so lautet die Wahrheit ganz einfach: Überall dort, wo die Religion den Kurs einer Gesellschaft bestimmt, endet dies in Tyrannei. Dann kommt es zu Einrichtungen wie der Inquisition. Oder zu Regimen wie jenen der Taliban.

  Man beachte die Lebenskraft und Lebensfreude, die diese

  Personen verströmen...

Gleichwohl behaupten die Religionen nach wie vor, einen besonderen Zugang zu ethischen Wahrheiten zu haben und folglich eine besondere Behandlung und besonderen Schutz zu verdienen. Sie verlassen den Bereich des Privaten, in den sie gehören (wie viele andere Dinge, die akzeptabel sind, solange sie im Privaten und im gegenseitigen Einvernehmen zwischen Erwachsenen passieren, nicht jedoch, wenn sie in der Öffentlichkeit geschehen), und streben nach Macht. Wir wissen alle, wie gefährlich das Aufkommen eines radikalen Islam ist. Das muss hier nicht beschrieben werden. Viel beunruhigender ist, dass Glaubensfragen allgemein heute das politische Leben wieder stärker bestimmen.

 

In den Vereinigten Staaten kann gegenwärtig fast jeder - Frauen, Homosexuelle, Afroamerikaner, Juden - ein hohes politisches Amt bekleiden. Ein bekennender Atheist hätte hingegen nicht die geringste Chance. Dies erklärt den zunehmend religiösen Unterton eines Grossteils der politischen Diskussion in Amerika. Präsident Georg W.Bush versteht sich, wie der Journalist Bob Woodward in seinem Buch " Der Angriff" schreibt, als "Botschafter, der den Willen Gottes vollstreckt", und der Leitbegriff "moralische Werte" steht für eine altmodische, abtreibungsfeindliche, schwulenfeindliche, Bigotterie. Auch die unterlegenen Demokraten steigen nun auf dieses niedrige Niveau herab, wohl in der Annahme, sonst nie wieder an die Macht zu kommen.

 

Nach Jaques Delors, dem ehemaligen EU-Kommissions-Präsidenten, wird der Gegensatz zwischen Religiösen und Nichtreligiösen die transatlantischen Beziehungen in den nächsten Jahren wesentlich prägen. In Europa gelten der Terroranschlag von Madrid und die Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh als Signale dafür, dass die säkularen Prinzipien, die jeder Demokratie zugrunde liegen, vehement verteidigt und gestärkt werden müssen.

 

Schon vor diesen furchtbaren Anschlägen hatte die Entscheidung der französischen Regierung, das Tragen religiöser Symbole (etwa des islamischen Kopftuchs) in staatlichen Schulen zu verbieten, die Unterstützung des gesamten politischen Spektrums. Islamische Forderungen nach separaten Klassen und besonderen Gebetspausen wurden ebenfalls zurückgewiesen. Nur wenige Europäer bezeichnen sich heute als religiös (laut einer jüngeren Umfrage nur 21 Prozent) - aber immerhin 59 Prozent der Amerikaner. In Europa verstand sich die Aufklärung als eine Gegenbewegung, die die Fesseln der Religion abschütteln wollte. In Amerika war es eine Bewegung, die sich der religiösen Freiheit in der Neuen Welt zuwandte - einen Weg zu mehr statt weniger Religiosität beschritt. Heute erschrecken viele Europäer über diese amerikanische Mischung aus Religion und Nationalismus.

 

Die Ausnahme vom Europäischen Säkularismus ist in Grossbritannien zu finden, zumindest in der Regierung des ausgesprochen christlichen und autoritären Tony Blair, der gegenwärtig versucht, ein Gesetz durchzudrücken, das die "Aufwiegelung zu religiösem Hass" unter Strafe stellt - ein zynischer, populistischer Versuch, die Repräsentant der britischen Muslime zu besänftigen, in deren Augen praktisch jedes kritische Wort über den Islam eine Beleidigung darstellt.

 

Journalisten, Anwälte und zahlreiche Prominente haben warnend darauf hingewiesen, dass dieses Gesetz die Meinungsfreiheit drastisch einschränken und beabsichtigte Ziele verfehlen werde. Das heisst: Religiöse Konflikte werden eher zunehmen als abnehmen. Die britische Regierung scheint das ganze Thema der bürgerlichen Freiheiten mit Geringschätzung zu behandeln - Tony Blair möchte wieder gewählt werden, was kommt es da auf demokratische Freiheiten an.

 

 

Die Welt des Mel Gibson

 

Blairs Appeasement-Politik muss aber bekämpft werden. Vielleicht wird das britische Oberhaus - anders als das Unterhaus - dieses schlechte Gesetz auf den Müllhaufen werfen. Und vielleicht (aber dafür spricht eher wenig) werden die Demokraten in den Vereinigten Staaten begreifen, dass sie im gespaltenen Amerika tatsächlich viel grössere Chancen haben, wenn sie gegen die christliche Koalition und deren Mitläufer und Helfershelfer aufstehen und dafür eintreten, dass Politik in ihrem Land nicht von einer fundamentalistischen Weltsicht à la Mel Gibson bestimmt wird. Wenn das nicht geschieht, wenn Amerika und England es zulassen, dass der politische Diskurs von der Religion geprägt und beherrscht wird, dann wird das westliche Bündnis in eine grosse Krise geraten und all jene Verfechter des Glaubens, denen wir entgegentreten müssen, werden Anlass zum Jubeln haben.

 

Der französische Dichter Victor Hugo hat einmal gesagt: "In jedem Dorf gibt es eine Fackel, den Lehrer, und jemanden, der dieses Licht löscht, den Pfarrer." Wir brauchen mehr Lehrer und weniger Pfarrer, denn um mit James Joyce zu reden: "Für die Kirche gibt es keine schlimmere Häresie oder Philosophie als den Menschen."

 

Aber das beste Argument für säkulares Denken stammt vielleicht von der grossen amerikanischen Anwältin Clarence Darrow: "Ich glaube nicht an Gott, weil ich nicht an Kindergeschichten glaube."

 

 

In "Die Weltwoche" Nummer 12, 23. März 2005