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Das vierzehnte Buch
Hermetis Trismegisti an
seinen Sohn
Die verborgene Rede auf dem Berge

ater,
in der generalen Rede hast du gleichnisweise und nicht klar und offenbar genug
geredet, da du von der Gottheit gesprochen und dieselbe nicht entdeckt hast,
sagend, dass niemand vor der Wiedergeburt vermag selig zu werden. Sondern da ich
(nachdem du mir hattest zugesprochen) im Aufsteigen des Berges dich demütig bat
und die Rede von der Wiedergeburt begehrte zu lernen (weil ich unter allem dies
alleine nicht weiss), so sagst du, wenn ich von der Welt würde abgewendet sein,
dann wolltest du mir dieselbe eröffnen. Nun habe ich mich bereitet und mein
Gemüt frei gemacht von der betrüglichen Welt, darum wolltest du dasjenige, was
mir gebricht, damit erfüllen, was du mir versprochen hast, und mir die
Wiedergeburt, es sei durch Stimme oder geheimnisweise, zu verstehen geben.
Denn, Tris-Megiste, ich weiss nicht, aus was für einer Materie und Mutter der
Mensch ist geboren oder aus was für einem Samen.
O Sohn! die verständliche Sophia (Weisheit) ist in der Stillheit, und der Same
ist das wahre Gut.
Vater, wer sät denn denselben? Denn mir ist dasselbe allzusammen unbekannt.
Der Wille GOTTes, mein Sohn! sät denselben.
Von was Art oder Geschlecht ist doch derselbe, der geboren wird?
Denn ich weiss nichts von dem Wesen und von dem
verständlichen Wesen in mir?
Der geborene GOTT ist ein anderer GOTTes Sohn, ist alles in
allem, bestehend aus allen Kräften.
Vater, du sprichst zu mir auf bedeckte Weise und nicht wie ein
Vater zu seinem Sohn spricht.
Diese Art, mein Sohn, wird ja nicht gelehrt, sondern GOTT, wenn Er will, bringt
es in das Gedächtnis.
Vater, du sagst mir unmögliche und gewaltige Dinge, darum will ich denselben mit
Recht widersprechen.
Bist du denn ein fremdes Kind und nicht gezeugt vom väterlichen Geschlecht?
Missgönne es mir nicht, Vater, ich bin dein rechter Sohn, du wolltest mir
erklären die Weise der Wiedergeburt.
Mein Sohn! was soll ich sagen, ich habe nichts zu sagen, denn allein dies, dass
ich in mir sehe ein ungebildetes Gesicht, welches aus der Barmherzigkeit GOTTes
ist geworden und ich bin von mir aufgegangen in einen unsterblichen Leib, und
ich bin nun nicht derjenige, der ich zuvor war, sondern geboren in dem Gemüt,
Dies Ding lässt sich nicht lernen, auch kann man mit diesem gebildeten
elementischen Leibe nicht kommen zu der Beschaulichkeit, darum habe ich meine
zusammengesetzte Gestalt verlassen.
Nicht dass ich war abgeschieden, denn man kann mich fühlen und messen, sondern
ich bin nun desselben Freund.
Sohn! du siehst mich mit deinen Augen, aber wenn du meinen Leib mit den
leiblichen Augen ansiehst, so werde ich jetzt mit diesen Augen nicht gesehen.
Vater, du hast mich in keine wenige Unsinnigkeit und Verlierung der Sinne
geführt, denn jetzt sehe ich mich selbst nicht.
Wolke GOTT, Sohn! dass du von dir selbst ausgingest, gleich wie die Träumenden
in dem Schlaf ohne Schlaf.
Sage mir auch das, wer ist es, der die Wiedergeburt wirkt?
GOTTes Sohn, der einzige Mensch durch den Willen GOTTes.
Jetzt machst du mich ganz stumm, meine vorigen Sinne und Gedanken habe ich ganz
verloren, denn ich sehe so grosse Grossheit der Dinge, die unten sind, Vater!
Mit dem Zeichen (Charakter) und in demselben die Falschheit, denn die sterbliche
Eigenschaft verändert sich von Tag zu Tag, denn dieselbe wird mit der Zeit in
ein Zunehmen und in ein Abnehmen verändert, als ein falsches Wesen.
Was ist denn, Tris-Megiste, das Wahrhaftige?
Das, was nicht gestört wird, mein Sohn! welches kein Ende hat, welches ohne
Farbe ist, welches ohne Gestalt ist, welches unveränderlich ist, welches bloss
ist, welches klar ist, weiches in sich selbst begreiflich ist, welches sich
nicht verändert, welches unleiblich ist.
Gewisslich, Vater, ich werde unsinnig, denn da ich vermeinte, durch dich klug zu
werden, da sind meine Sinne durch diese
Wissenschaft verstopft worden.
So geht es, mein Sohn! was da aufwärts fährt als das Feuer und
hinunter als die Erde und feucht gleich als Wasser und
durchblasend als die Luft.
Wie wolltest du solches mit den Sinnen verstehen, das nicht hart
ist, das nicht feucht ist, das man nicht fühlt, das nicht
durchdringend ist, das allein durch Kraft und Wirkung wird
verstanden? Das Gemüt ist mir nötig, welches die Geburt, die in GOTT
ist, kann verstehen.
So vermag ich das nicht, Vater?
Das sei ferne, mein Sohn! kehre in dich selbst, so wird es kommen,
wolle nur, so wird es geschehen, vernichte die Sinne des
Leibes, reinige dich von den unvernünftigen Untugenden der
Materien.
Habe ich Untugenden an mir, Vater?
Nicht wenig, mein Sohn! sondern die erschrecklich und sehr viel
sind.
Vater, ich kenne dieselben nicht.
Mein Sohn! die Unwissenheit ist die erste Untugend:
Die andere ist die Traurigkeit:
Die dritte ist die Unmässigkeit:
Die vierte ist die Begierlichkeit:
Die fünfte ist die Ungerechtigkeit:
Die sechste ist der Geiz:
Die siebente ist der Betrug und die Verführung:
Die achte ist der Neid:
Die neunte ist die List:
Die zehnte ist der Zorn:
Die elfte ist die Verwegenheit:
Die zwölfte ist die Bosheit.
Diese sind zwölf in der Zahl, unter welchen denn, mein Sohn, noch viele andere
sind begriffen, welche den inwendigen Menschen, der im Leib gefangen liegt, zu
empfindlichen sinnlichen Leidenschaften zwingen, aber dieselben weichen nicht
alsobald, GOTT erbarme es, und also steht es mit der Wiedergeburt. Aber schweige
nun, Sohn, hoffe das Gute, so wird die Barmherzigkeit GOTTes über uns nicht
aufhören. Erhebe dich in Freuden, mein Sohn! weil du durch GOTTes Kräfte zu
vollkommener Aussprache dieser Rede bist gereinigt worden.
Die Erkenntnis GOTTes ist zu uns gekommen, mit deren Ankunft, o Sohn! ist die
Unerkenntnis ausgeworfen.
Zu uns ist
gekommen die Erkenntnis der Freude, mit deren Ankunft wird die Traurigkeit
fliehen, zu denen, welche dieselbe empfangen können.
Die
Mässigkeit nenne ich die Kraft zur Freude, wessen Kraft sehr lieblich ist, lass
uns, mein Sohn! dieselbe von Herzen gerne annehmen, siehe, wie sie die
Unmässigkeit mit ihrer Ankunft hat ausgetrieben.
Die vierte
nenne ich nun Enthaltung, welches eine Kraft ist, streitend gegen die
Begierlichkeit: Dieser Grad, mein Sohn! ist ein Fundament der Gerechtigkeit.
Denn siehe,
wie sie ohne Mühe die Ungerechtigkeit hat aus getrieben, denn mit Abweichung,
mein Sohn! von der Ungerechtigkeit sind wir gerecht geworden.
Die sechste
Kraft, die in uns kommt, nenne ich die Freigebigkeit, welche steht gegen den
Geiz als der allerschändlichsten Begierde.
Wenn die
gewichen ist, nenne ich die Kraft, die darauf folgt, die Wahrheit, vor welcher
der Betrug oder Lüge flieht.
Siehe denn,
mein Sohn! wie das Gute ganz und voll ist geworden, sobald die Wahrheit ist
eingegangen: Denn der Neid ist von uns entwichen.
Es ist aber
mit der Wahrheit das Gute zugleich mit Leben und Licht erschienen.
Und nun
kommt ganz keine Untugend mehr von der Finsternis vor dem Tag, sondern sie sind
allezusammen mit Sturm überwunden geflohen.
Also hast
du nun erkannt, Sohn! die Art der Wiedergeburt, wenn die Zehn sind eingegangen,
so ist die verständliche Geburt vollzogen, und treiben die Zwölfe aus, und dann
sind wir gekommen zu der Beschauung von dieser Geburt.
Deshalb wer
nun durch GOTTes Barmherzigkeit die Geburt aus GOTT hat erreicht, derselbe
verlässt den leiblichen Sinn und erkennt sich, dass er aus dem Göttlichen
besteht, und lebt in Freude und Fröhlichkeit, als von GOTT unbeweglich gemacht.
Vater, ich
stehe gegenwärtig in der Beschauung nicht mit dem Gesichte der Augen, sondern
mit der verständlichen Wirkung der Kräfte. Ich bin in dem Himmel, auf Erden, im
Wasser, in der Luft, ich bin in den Tieren, in der Pflanzung, in der Mutter, vor
der Mutter überall.
Aber sage
mir doch noch dieses, wie werden die Untugenden in der Finsternis (welche zwölf
in der Zahl ist) von zehn Kräften ausgetrieben, auf welche Weise geschieht es,
Tris-Megiste.
Diese
Hütte, welche wir haben ausgezogen, besteht aus dem Circul, dem Tierkreis, der
aus zwölf Zahlen besteht, da ihrer elf in der Zahl sind und eine Natur die
abbildende Einbildung.
Dieselben,
Sohn! hängen sich aneinander, den Menschen zu verführen, und werden in der
Wirkung vereinigt, gleich wie die Kühnheit von dem Zorn ist unentschieden, sie
sind auch unbegrenzt, deshalb weichen sie auch billig, gleich als von den zehn
Kräften vertrieben, das ist von der Zehnheit.
Denn diese
Zehnheit, Sohn! ist der Seelen Gebärerin, und das Leben und das Licht sind all
da vereinigt, da wird die Zahl der Einheit aus dem Geiste geboren, also hat
(nach rechtem Verstand) die Einheit die Zehnheit und die Zehnheit die Einheit
aufgerichtet.
Vater, ich
sehe in dem Gemüte alles Wesen und mich selbst.
Solches ist
die Wiedergeburt, mein Sohn! auf dass du nach dieser Rede von der Wiedergeburt
nicht mehr solltest fantasieren von dem Leib, welcher aus Grösse besteht: Und
dieses habe ich darum in einer schriftlichen Erklärung verfasst, auf dass wir
das allwesende Wesen nicht lästern, vielen zugute, welchen GOTT dasselbe
vergönnt.
Vater, sage
mir doch, wird dieser Leib, welcher aus den Kräften besteht, wieder aufgelöst?
Gedenke was
Besseres und sprich nicht von solchen so unmöglichen Dingen, denn damit wirst du
sündigen und das Auge deines Gemütes entheiligen.
Der
begreifliche auswendige Leib der Natur ist weit von der wesentlichen Geburt,
denn derselbe ist sterblich, aber dieser unsterblich: Weisst du nicht, dass du
ein GOTT worden bist und ein Kind von dem einen, gleich als ich. Lieber Vater,
ich wollte recht gern den Lobgesang von den Kräften hören, welchen du sprachst,
als ich in der Achtheit der Kräfte war.
Sohn! du
läufst ganz recht (gleich wie Poimandres in der Achtheit hat bezeugt), um diese
Hütte aufzulösen, denn du bist gereinigt.
Es hat aber
Poimandres (das Gemüt des vor sich selbst bestehenden Wesens) mir nicht mehr,
als was ich geschrieben habe, geoffenbart, wohl sehend, dass ich alle Dinge
könnte verstehen und hören, was ich wollte und alles sehen: Und hat mir
befohlen, das Gute zu tun, und darum singen alle Kräfte, die in mir sind.
Vater, ich
begehre solches zu hören, und mein Wille ist, solches zu verstehen.
Sei still,
mein Sohn! und höre nur auf das übereinstimmende Lob, den Lobgesang von der
Wiedergeburt, welchen ich nicht habe für gut gehalten, so leicht offenbar zu
machen, wenn du nicht wärst gewesen an dem Ende des allwesenden Wesens.
Daher kommt
es, dass dieses sich nicht lässt lernen, sondern in der Stille wird verborgen:
Deshalb, mein Sohn! bete an in der freien Luft, dich wendend gegen den
Süden-Wind, nach der Sonne Untergang wie auch mit derselben Aufgang gegen den
Osten-Wind. Stille, Sohn!
DER VERBORGENE LOBGESANG DAS HEILIGE WORT
Die ganze
Natur der Welt empfange dieses Lob,
die Erde tue sich auf, es tun sich alle
Wasser auf, ihr Bäume bewegt euch, ich will loben den HERRN der Schöpfung, das
All und Eine.
Tut euch
auf, ihr Himmel, steht still, ihr Winde, der Kreis des unsterblichen GOTTes
nehme auf mein Wort.
Denn ich
will preisen denjenigen, der alles geschaffen, der die Erde befestigt hat und
den Himmel ausgespannt und der an dem Meer in dem Kreis der bewohnten und
unbewohnten Erde süss Wasser hat fliessen lassen und das Feuer hat lassen
scheinen zu allen Werken und Tun der Götter (Wandel-Sterne) und Menschen.
Lasst uns
alle zusammen ihm Lob sagen, der über die Himmel erhöht ist, dem Schöpfer der
ganzen Natur, er ist das Auge des Gemüts, derselbe wird das Lob von meinen
Kräften aufnehmen.
O ihr
Kräfte! die ihr in mir seid, lobt das Eine und das All, stimmt meinem Willen
bei, alle ihr Kräfte in mir.
Die
Erkenntnis ist heilig, von dir bin ich erleuchtet, und durch dich lobe ich das
verständliche Licht und erfreue mich in der Freude des Gemütes.
Lobsprecht
mit mir alle ihr Kräfte, lobe du! meine Mässigkeit, meine Gerechtigkeit, lobe
das Gerechte durch mich, du Mildtätigkeit, die du in mir bist, lobe das All, du
Wahrheit lobe durch midi die Wahrheit, du Gutes lobe durch mich das Gute.
O Leben! O
Licht! von uns kommt Danksagung zu dir, ich danke dir, Vater, du Wirkung der
Kräfte, ich danke dir, GOTT, du Kraft meiner Wirkung.
Dein Wort
lobt dich durch mich, du All, nimm durch midi auf durchs Wort, das Opfer des
Wortes.
Also rufen
die Kräfte in mir, sie loben das All, sie vollbringen einen Willen, dein Wille
ist von dir, zu dir selbst, darum nimm an von allen das Opfer des Wortes. O du
All, das in uns ist, du Leben, erhalte uns, du Licht, erleuchte uns, du Geist
GOTTes, denn dein Wort, du Geist bringender Werkmeister, •wird von dem Gemüte
geweidet. Du bist GOTT, dein Mensch ruft solches durch Feuer, durch Luft, durch
Erde, durch Wasser, durch Geist, durch deine Geschöpfe.
Dieses Lob
habe ich von der Ewigkeit gefunden, und was ich suchte, darin ruhe ich in deinem
Rat.
Vater, ich
habe gesehen, wie durch deinen Willen dieser Lobspruch verrichtet ist, so habe
ich auch denselben in meiner Welt vollbracht.
Sohn! sage
in der verständlichen Welt.
Ja, in der
verständlichen Welt, sage ich, Vater, ich bin mächtig aus deinem Lobspruch, und
aus deiner Danksagung ist mein Gemüt erleuchtet worden, und ich will auch aus
meinem Herzen GOTT Lob sprechen. Sohn! nicht unvorsichtig. Vater, es geschieht
im Gemüte. Sage mir, Fürst der Wiedergeburt, was ich sehe. Ich stürze zu GOTT
aus dem Opfer des Wortes: GOTT, der du bist der Vater, der du bist der
HERR, du, der du bist das Gemüt, nimm auf das Wort-Opfer, das du von mir haben
willst, denn durch deinen Willen werden alle Dinge vollendet. Du Sohn! sende zu
GOTT dem Vater aller Dinge ein angenehm Opfer, ja vermehre dasselbe durch das
Wort. Ich danke dir, Vater, dass du mir das hast wollen kundtun. Und ich erfreue
mich, Sohn, dass du hast Früchte der Wahrheit bekommen, nämlich die Güter,
welche unsterbliche Zweige sind. Nachdem du nun solches von mir hast gelernt, so
versiegle dessen Tugend mit Stillschweigen und offenbare niemandem die
Vorstellung der Wiedergeburt, auf dass wir nicht werden für Lästerer geachtet.
Denn wir
haben beide jetzt genugsam unserem Fleiss getan, ich mit Sprechen,
du aber hast dich selbst und unsern Vater verständlicherweise erkannt.


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