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Das siebzehnte
Buch Hermetis Trismegisti an Tatium
Von der Wahrheit

ermes
Es
ist nicht
möglich, o Tati, dass ein Mensch, ein unvollkommenes und aus vielen
unvollkommenen Gliedern Zusammengesetzes Tier und aus fremden und vielen Leibern
bestehendes Gefäss, frei von der Wahrheit rede, das aber, was möglich oder recht
ist, das sage ich, dass es die Wahrheit allein in ewigen Leibern sei, deren
Leiber auch selbst wahrhaftig sind. Das
Feuer ist
durch sich alleine Feuer und durch nichts anders, die Erde ist durch sich
alleine Erde und durch nichts anders, die
Luft ist
durch sich alleine Luft und durch nichts anders. Das
Wasser ist durch sich alleine Wasser und durch nichts
anderes.
Unsere Leiber
aber sind aus diesem allen zusammengesetzt,
denn sie haben
von dem Feuer, sie haben von der Erde und haben
von dem Wasser und der Luft und sind dennoch weder Feuer,
weder Erde, weder Wasser, weder Luft noch etwas
Wahrhaftiges,
wenn aber unsere Zusammenstellung die Wahrheit von
Anfang nicht in sich gehabt hätte, wie könnten sie denn
sehen oder nur
verstehen, wenn es GOTT nicht wollte,
deshalb, o
Tati, alles, was auf Erden ist, ist zwar keine
Wahrheit,
sondern eine Nachahmung der Wahrheit, und zwar
nicht alle davon,
sondern nur einige wenige.
Es ist aber, o
Tati, ein anders um
die Falschheit und den Irrtum
und die
Meinungen der Einbildungen, welche als Bilder
dargestellt sind,
wenn aber die
Einbildung einen Einfluss von
oben herab hat,
so ist sie eine
Nachahmung der Wahrheit, Aber
ohne die obere
Wirkung bleibt sie nur eine Lüge.
Wie
denn auch
ein Bild zwar einen Abbildungsleib vorstellt, selber
ist es aber kein Leib nach der Einbildung der gegebenen
Sache, man sieht
auch, dass
es Augen hat, es sieht aber nichts, und
Ohren, es hört
aber nichts im geringsten, und alles hat die Abbildung, sie
ist aber falsch und betrügt der Anschauenden Gesicht, indem sie meinen, sie
sehen was Wahrhaftiges an, da es doch in der Tat was Falsches ist.
Daher die nichts Falsches sehen, die sehen die Wahrheit, wenn wir deshalb ein
jedes von diesen so verstehen oder sehen, wie sie sind, so sehen und verstehen
wir das Wahrhaftige.
Wir werden aber ohne das Wesen nichts Wahres verstehen noch wissen.
Tatius
Ist denn, o Vater, die Wahrheit auch auf Erden?
Hermes
Du fragst nicht unvernünftig, o Sohn! Die Wahrheit ist keineswegs von der Erde,
o Tati, kann auch nicht geboren werden, es kann aber geschehen, dass etliche
Menschen, welchen GOTT die Macht, GOTT zu sehen, gibt, die Wahrheit mit dem
Gemüte begreifen können.
Solcherweise ist nichts Wahres auf Erden, dem Gemüte und der Vernunft, sondern
es sind alles Einbildungen und Meinungen dem wahren Gemüte und der Vernunft.
Tatius
Soll ich denn das nicht Wahrheit nennen, wenn ich was Wahrhaftiges verstehe und
nenne? Wie soll ich die Wesen verstehen und aussprechen, wenn nichts wahr auf
Erden ist, wie kann denn das Wahrheit sein, dass man nichts wahrhaftig kennt?
Hermes
Wie könnte das geschehen, o Sohn, denn die Wahrheit ist die vollkommenste
Tugend, das höchste Gut selbst, welches von der Materie nicht gestört wird, noch
von dem Leibe umgeben, bloss, klar, unveränderlich, herrlich und
unveränderliches Gut, die Dinge aber, die hier sind, o Sohn, kann man sehen,
dass sie unfähig sind dieses Guten, dass sie verderblich, der Leidenschaft
unterworfen, auflöslich, veränderlich, allezeit verwandelt, und andere aus
anderen geboren werden.
Welche deshalb gegen und in sich selbst nicht wahr sind, wie können die wahr
sein?
Denn alles, was verwandelt wird, ist falsch, weil es nicht bleibt in dem, darin
es ist, und stellt sich unter Einbildungen immer anders und anders vor.
Tatius
So ist der Mensch nicht wahrhaftig, o Vater?
Hermes
Als Mensch ist er nicht wahrhaftig, o Sohn! Denn das ist wahrhaftig, was seine
Zusammenstehung aus sich selbst hat und bleibt durch sich wie es ist.
Der Mensch aber besteht aus vielem und bleibt nicht durch sich, denn er wird
verändert und ändert ein Alter mit dem andern Alter, die Bildung mit der andern
Bildung, unter dieser zwar, weil er noch in seinem Gefäss ist, und viele haben
ihre Kinder nach wenig zwischen gekommener Zeit nicht gekannt und ebenso die
Kinder ihre Eltern. Was demnach so verändert wird, dass es nicht mehr gekannt
werden kann, dass es wahrhaftig sei, o Tati, ist das nicht im Gegenteil
Falschheit, indem es unterschiedliche Einbildungen der Veränderung annimmt?
Du aber verstehst wohl, was da wahrhaftig sei, nämlich was da bleiblich und
ewig, der Mensch aber ist nicht allezeit, daher ist er nicht das Wahrhaftige.
Es ist zwar der Mensch eine Idee oder Einbildung, aber diese Einbildung ist die
höchste Falschheit.
Tatius
Sind denn nicht die ewigen Leiber, o Vater, die da verändert werden, wahrhaftig?
So ist denn alles das Geborene und Veränderliche nicht wahrhaftig.
Hermes
Als von einem wahrhaften Urvater gemacht, können sie eine wahrhaftige Materie
gehabt haben, sie haben aber etwas Falsches in der Veränderung, denn nichts ist
wahr, das nicht in sich selbst bleibt.
Tatius
Aber, o Vater, soll man denn die einzige Sonne, welche vor
andern nicht
verändert wird und in sich bleibt, eine Wahrheit
nennen?
Hermes
Ja, eine Wahrheit
und daher ist die Werkmeisterschaft in der Welt dieser
alleine anvertraut, sie herrscht über alles und macht alles, welche ich auch
verehre und ihrer Wahrheit Ehrerbietigkeit erzeige und nach dem einen und ersten
Wesen sie als einen Werkmeister erkenne.
Was sagst du aber, o Vater, welches die erste Wahrheit sei? Der Eine und der
Einzige, o Tati, der aus keiner Materie ist, der in keinem Leibe ist, der keine
Farbe hat, der keine Gestalt
hat, der nicht verwandelt wird, der nicht verändert wird, der allezeit ist.
Die Lüge
aber, o Sohn, verdirbt, alles Irdische hat die Verderbung ergriffen und umgeben
und wird sie auch künftig umgeben, weil es die Wahrheit also versehen hat: Denn
ohne Verderbung kann keine Geburt bestehen, denn auf alle Geburt folgt die
Verderbung, wenn es wieder werden soll: Denn was da geboren wir, muss notwendig
aus Verdorbenem geboren werden, und ist eine Notwendigkeit, dass dasjenige, was
geboren ist, wieder verderbe, auf dass da die Geburt der Wesen nicht aufhöre,
darum erkenne den für den ersten Werkmeister, der die Geburten der Wesen
hervorgebracht.
Was aber
aus der Verderbung wird, das ist falsch oder lügenhaft, weil es immerfort andere
Dinge hervorbringt, denn es ist unmöglich, dass eben dieselben Dinge wieder
sollen hervorkommen, ist es nun nicht dasselbe Ding, wie kann das wahr sein?
Darum muss man solches, o Sohn, Einbildungen nennen, daher nennen wir recht den
Menschen die Einbildung der Menschheit, ein Kind die Einbildung der Kindheit,
einen Mann die Einbildung der Mannheit, einen Alten die Einbildung des Alters,
einen Jüngling die Einbildung der Jünglingschaft, denn es ist kein Mensch
Mensch, kein Kind Kind, kein Jüngling Jüngling, kein Mann Mann, kein Alter
Alter, sondern wenn sie verändert sind, so stellen sie oder lügen einem vor,
sowohl das, was sie zuvor gewesen sind, als was sie gegenwärtig sind.
Gedenke
aber, o Sohn, hierüber also, dass diese Unwahrheiten Wirkungen sind, die von
oben herab von der Wahrheit selbst kommen.
Nachdem
sich dieses so verhält, so sage ich, dass diese Unwahrheit ein Werk der Wahrheit
sei.


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