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Das fünfte Buch Hermetis Trismegisti
Von der Gottseligkeit und Liebe
zur Wahrheit

Sohn! Ich beschreibe also dieses zum ersten Mal aus Liebe gegen den Menschen und
rechten Dienst gegen GOTT.
Denn es geschieht fürwahr ein
rechter Gottesdienst, wenn man Acht hat auf die Wesen und dafür demselben
dankbar ist, der dieselben gemacht hat: Dieses zu tun, will ich nicht
unterlassen.
O Vater! Was soll man denn tun,
dieweil (um das Leben ehrlich durchzubringen) hier nichts wahrhaftig ist.
O Sohn! Sei fromm, denn der fromm
ist, der ist der grösste Liebhaber der Weisheit: Denn ohne die Liebe zur
Weisheit ist es unmöglich, zum meisten oder zum höchsten fromm zu sein.
Aber wer da gelernt hat, was
dieselbe sei, wie sie geordnet, von wem und zu was Ende, derselbe wird dem
Werkmeister als einem guten Vater, nützlichen Unterhalter und getreuen Versorger
dankbar sein.
Wer demnach dankbar ist, der wird
auch fromm sein, und ein Frommer wird zugleich ergründen und erfinden, wo die
Wahrheit ist und was dieselbe sei, und wenn er dieses gefunden, wird er auch
viel frömmer sein.
Denn, o Sohn! Solange die Seele in
dem Leibe ist und sich selbst hat erhoben zur Begreifung des guten und wahren
Wesens, so kann sie im Gegenteil auch nicht verfallen.
Denn wenn die Seele ihren eigenen
Ursprung gelernt hat, so hat sie heftige Liebe und Vergessenheit alles Übels und
kann von dem Guten nicht mehr abfällig gemacht werden.
Und dieses, o Sohn, ist das Ende
der Frömmigkeit, wirst du dazu kommen, so wirst du beides, wohl leben und
glücklich sterben, deiner Seele wird nicht unbekannt sein, wohin sie soll
auffliegen, und dieses, o Sohn, ist allein der einzige Weg zu der Wahrheit,
welchen unsere Vor-Eltern auch gewandelt haben, und die denselben sind gegangen,
haben das Gute bekommen.
Dieser Weg ist ehrlich und eben,
doch schwer für die Seele, solange sie im Leibe ist, denselben zu wandern, denn
sie muss fürwahr erstlich mit ihr selbst gestritten und eine grosse Scheidung
gemacht haben und von dem einen Teil mehr überwunden sein.
Denn da geschieht ein Treffen
eines gegen zwei, das eine Teil fliehend, aber das andere Teil sterbend
entgegenzuhalten, die Überwindung aber von beiden ist nicht gleich, denn das
eine befleissigt wohl zu dem Guten, aber das andere wohnt der Bosheit bei.
Und obwohl das eine begehrt frei
zu sein, so lieben die andern die Dienstbarkeit, und obschon alle beide
überwunden werden, so bleiben sie doch ohne Haupt oder Herrscher.
Aber wenn das eine überwunden
wird, so wird es von den zweien geführt, gestraft zu werden von dem Richter, der
darin herrscht. Dies ist, o Sohn, der Geleitsmann des Weges, der dahin leitet,
denn, o Sohn, du musst erstlich den Leib verlassen und das sterbliche Leben
überwunden haben und überwunden habend alsdann aufsteigen.
Aber nun, o Sohn, will ich die
Wesen kurz überlaufen, denn du sollst wohl verstehen dasjenige, was gesagt ist,
und dich wiederum erinnern, was du gehört hast.
Alle Wesen werden bewegt, allein
das Nicht-Wesen ist unbeweglich, alle Leiber sind veränderlich, aber alle Leiber
sind nicht auflöslich, es ist nicht ein jedes Tier oder Geschöpf sterblich noch
ein jedes Geschöpf unsterblich.
Das Verderbliche ist auflöslich,
was bleibt, ist unveränderlich, das Unveränderliche ist ewig, dasjenige, was
allezeit wird, das verdirbt auch allezeit, aber das einmal geworden ist,
verdirbt nimmermehr und wird nicht etwas anders.
Das Erste GOTT, das Zweite die
Welt, das Dritte der Mensch, die Welt um der Menschen willen, aber der Mensch um
Gottes willen.
Das empfindliche Teil der Seele
ist wohl sterblich, aber das vernünftige unsterblich, jedes Wesen ist
unsterblich, ein jedes Wesen ist veränderlich.
Alles, was ist, ist zweierlei,
keines von den Dingen, die da sind, bestehen, es wird nicht alles durch die
Seele bewegt, alles, was bewegt wird, wird durch die Seele bewegt.
Alles, was leidet, das empfindet,
alles, was empfindet, leidet, alles, was betrübt und erfreut wird, ist ein
unsterbliches Geschöpf.
Es ist nicht ein jeder Leib der
Krankheit unterworfen. Alle Leiber, die der Krankheit unterworfen sind, sind
auflöslich. Das Gemüt ist in GOTT, die Überlegung der Vernunft ist im Gemüt, das
Gemüt leidet nicht.
In dem Leibe ist nichts
wahrhaftig, alles was in dem Unleiblichen ist, ist verderblich, es ist nichts
Gutes auf Erden und nichts Böses im Himmel.
GOTT ist gut, der Mensch bös, das
Gute ist willig, das Böse unwillig, Götter (Regenten oder Planeten) erwählen das
Gute als gut, die gute Beherrschung des Guten ist eine gute Beherrschung, die
gute Beherrschung ist ein Gesetz, die Zeit ist göttlich, das Gesetz menschlich.
Die Bosheit ist der Welt Nahrung,
die Zeit des Menschen Verderb, alles, was im Himmel ist, ist unveränderlich,
alles was auf Erden ist, ist veränderlich.
In dem Himmel ist nichts
dienstbar, auf Erden ist nichts frei. In dem Himmel ist nichts unbekannt, auf
Erden ist nichts bekannt, das Irdische hat keine Gemeinschaft mit dem
Himmlischen, alles, was in dem Himmel ist, ist alles untadelhaft, was auf Erden
ist, ist tadelhaft.
Das Unsterbliche ist nicht
sterblich, das Sterbliche ist nicht unsterblich, das Gesäte ist nicht auf einmal
geworden, das auf einmal geworden ist, ist auch gesät, das Auflösliche hat zwei
Zeiten, die eine Zeit ist von der Säung bis zu der Geburt, die andere Zeit von
der Geburt bis an den Tod.
Es ist nur eine Zeit des ewigen
Leibes, nämlich von der Geburt an, die auflöslichen Leiber wachsen und nehmen
ab, die auflösliche Materie wird verändert in gegenstreitige Dinge, nämlich in
Verderbung und Geburt, aber die ewige in sich selbst oder in ihresgleichen
Dinge.
Die Geburt der Menschen ist
Verderbung, die Verderbung des Menschen ist der Anfang der Geburt, was zuerst
wird, hört auch auf zu sein, von den wesentlichen Dingen sind etliche in den
Leibern, andere aber nur in Gestalten, die Kräfte sind im Leibe, das
Unsterbliche wird des Sterblichen nicht teilhaftig, aber das Sterbliche wird des
Unsterblichen teilhaftig.
Das Sterbliche geht nicht in einen
unsterblichen Leib, sondern das Unsterbliche geht zu dem Sterblichen, die Kräfte
gehen nicht aufwärts, sondern niederwärts.
Die Dinge, die auf Erden sind,
helfen den Dingen nicht, die im Himmel sind, alles, was im Himmel ist, hilft
dem, was auf Erden ist, der Himmel begreift in sich ewige Leiber, die Erde
begreift in sich verderbliche Leiber.
Die Erde ist unvernünftig, der
Himmel vernünftig, die Dinge, die im Himmel sind, sind eine heruntergehende
Stütze, und die auf Erden sind, sind eine aufstehende Stütze auf Erden, der
Himmel ist das erste Element.
Die Vorsehung ist eine göttliche
Ordnung, die Notwendigkeit ist eine dienstbare Vorsehung, das Glück ist eine
Bewegung von der Unordnung, ein Bild der wirkenden Kraft, eine falsche Meinung.
Was ist GOTT! Ein unveränderliches
Gut, was ist der Mensch? Ein unveränderliches Übel, wenn du dieser Hauptstücke
wirst eingedenk sein, so wirst du dich auch leichtlich erinnern der Dinge,
welche ich dir mit vielen Worten erklärt habe, denn diese sind ein kleiner
Begriff von jenen.
Meide den Umgang des Pöbels, nicht
dass ich will, dass du neidisch sollst sein, sondern vielmehr, weil du von den
Gemeinen würdest ausgelacht werden, denn gleich gesellt sich zu seinesgleichen,
aber das Ungleiche hält auf keine Weise mit dem, das ihm ungleich ist.
Doch sind da wenig, welche diesen
Reden Gehör geben, oder es mögen ungefähr künftig wenig darauf achten, dennoch
halten sie etwas Sonderliches in sich: Den Bösen wecken sie mehr zur Bosheit,
darum muss man sich vor dem Pöbel hüten, weil sie nicht verstehen die Kraft der
Dinge, die gesegnet werden.
Vater, wie verstehst du das?
Also, Sohn! Ein jedes Tier ist zum
Bösen mehr geneigt als die Menschen, und es wird damit erzogen, darum hat
dasselbe seine Lust darin.
Doch im Fall dasselbe Tier hätte
gelernt, dass die Welt wäre geworden und alles durch Vorsehen und Notwendigkeit
wäre geschehen, weil das Schicksal alles regiert, so würde es deshalb nicht
schlimmer sein, indem es alles Gewordene verachtet.
Aber indem es die Ursache des
Bösen dem Notschicksal zuschreibt, so würde er sich von keiner bösen Tat
enthalten.
Darum muss man sich vor solchen
hüten, auf dass sie in der Unwissenheit bleibend weniger böse sind, aus Furcht
vor dem, das ihnen verborgen ist.


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