Heidnische Religion

 

 

"Die Ankunft der Braut", die sich

 traut... - John Duncan

 

ie moderne heidnische Religion ist im Wesentlichen eine einzige grosse Feier der Zyklen des Lebens und der Natur, in der wir leben, uns bewegen und von der wir alle ein einzigartiger, individueller Teil sind.

 

Es ist eine Religion, die dir versucht klar werden zu lassen, dass alle Veränderungen, die das Leben und der sich stets wandelnde Jahreskreis mit sich bringen, bewusst wahrgenommen werden sollten um mit den Zyklen des Lebens fliessen zu können.

 

Wissen und vor allem Erfahrung ist Macht.

 

Wenn du wahrlich die Bedeutungen der lunaren und solaren Zyklen erkennst und erfährst, wirst du ihre Macht haben und sie werden dich in deinem persönlichen Wachstum und in deiner individuellen Entwicklung auf harmonische Weise unterstützen.

 

 

 

Wohl von eher persönlicher Bedeutung wird der lunare Zyklus aufgefasst. Dies ist der angenäherte 28-Tag Zyklus des Mondes, der von Neumond zum Vollmond zunimmt und dann sich von neuem sich zum Neumond wandelt.

Dieser Zyklus kann in Beginn, Erfüllung, Abnahme und Erneuerung unterteilt werden, so wie es jede und jeder beobachten kann, die/der dem Lauf des Mondes am Nachthimmel folgst.

Der Mondzyklus ist ein schimmerndes Diagramm am bestirnten Himmel, das du benutzen kannst, um jeden Monat mit deinen Emotionen, deinem Bewusstsein und deinen Intuitionen zu arbeiten.

 

Wo ist denn hier der Mann im

Mond?

 

Die drei Phasen des Mondes sind natürlich der Neumond, wenn sich der jungfräuliche Mond im sich neu beginnenden Zyklus als schmale Sichel am Himmel zeigt, der Vollmond, im Aspekt der fruchtbaren Mutter, wenn alles auf der Erde vom sanften Schein des Mondes erleuchtet wird und der abnehmende Mond, der die Greisin in ihrem abnehmenden und verinnerlichenden Aspekt verkörpert.

 

Wie wir hier sehen, wird im Wicca, sowie in vielen anderen modernen heidnischen Bewegungen der Mond mit der Göttin identifiziert und verkündet, dass die Gleichsetzung Mond = Göttin/Frau schon seit den Zeiten des Neolithikums bestanden habe. So ist es nicht nur in der Heidenszene, sondern auch unter den deutschsprachigen Feministinnen Mode geworden, dem Mond sprachlich eine weibliche Form zu geben und ihn selbstbewusst schon mal "Mondin" zu nennen.

 

Nun, ausschlaggebend dafür ist sicherlich einerseits, dass Frauen ihren Körper in ständiger zyklischer Veränderung erleben und diese Veränderung symbolisch im Mondzyklus wieder erkennen.

Der andere Grund ist in den griechischen und römischen Mondgöttinnen zu suchen, mit denen sich diese Frauen identifizieren. In den romanischen Sprachen ist der Mond ohnehin weiblichen Geschlechts: ital. la luna, frz. la lune, etc.

 

Doch..., bei Amaterasu, ist das Geschlecht des Mondes, das wir ihm zuschreiben, wirklich so ausschliesslich und absolut festgelegt, wie es viele zu behaupten versuchen?

 

Nun, an dieser Stelle mag es erst mal interessant erscheinen, dass die Kulturen des Zweistromlandes, des vorderen und mittleren Orients und Ägyptens ausschliesslich Mondgötter und keine Mondgöttinnen kannten, die griechischen, römischen und Teile der uns überlieferten keltischen Mythen aber nur Mondgöttinnen. Die nordisch-germanischen Mythen weisen einen Mondgott auf und scheinen somit aus dem europäischen Rahmen zu fallen, wieder mal typisch...!

Die weibliche Form der Sonne ist dafür übrigens in inselkeltischen, germanischen, baltischen, slawischen, japanischen Sprachen ersichtlich.

 

Hmmm..., verwirrend?

 

Wie wir hier sehen, sind die geschlechtsspezifischen Zuordnungen, die wir auf den Mond projizieren, von Kultur zu Kultur verschieden. Zudem sind diese Zuordnungen auch einem steten Wandel unterworfen.

 

Wie sich z.B. die ägyptische Göttin Isis, die ursprünglich übrigens niemals mit dem Mond assoziiert wurde, in eine Mondgöttin gewandelt hat, möchte ich hier mal kurz darlegen.

 

Nach dem Tod Alexanders des Grossen (356-323 v.u.Z.), übernahmen der griechische Haudegen und Feldherr Ptolemäus die Herrschaft in Ägypten. Da der Pharaonentitel nur über die Frau (matrilinear) weitergegeben werden konnte, verheiratete er sich mit einer ägyptischen Prinzessin und gründete flugs die griechisch-ägyptische Ptolemäer-Dynastie. Die patriarchalen griechischen Kolonisten, die sich nun in immer grösserem Masse in Ägypten niederliessen, waren bestrebt, zwischen ihren und den ägyptischen Gottheiten Parallelen zu entdecken und erkannten in den ägyptischen Gottheiten folglich ihre eigenen wieder.

Nun, da die Griechen im grossen Stile Mond- und Erdgöttinnen verehrten, war es aus diesem Grunde nur zu logisch, dass sie alle Göttinnen, denen sie in Ägypten begegneten, folglich einer ihrer griechischen Mond- Erdgöttinnen zuordneten.

 

Also, wie schon erwähnt, verehrten die Ägypter nur Mondgötter, Chons, den Durchwanderer des Himmels und Thoth, Gott der Schreibkunst, Magie und Rechner des Jahres. Aber auch der Vegetationsgott Osiris wurde von ihnen mit den Zyklen des Mondes verknüpft. Dies zeigt sich in der Symbolik des ihm zugeordneten Getreidekorns mit seinem natürlichen Wachstumskreislauf: die Saatkörner werden in die Erde gegeben (Begräbnis/abnehmender Mond), ruhen einige Zeit im Dunkeln (Unterwelt/Leermond), keimen dann zu einer neuen Saat auf (Auferstehung/zunehmender Mond) und offenbaren zuletzt ihre ganze Fülle im Fruchtstand (Vollendung/Vollmond).

 

Aber eine Mondgöttin bei den ollen Ägyptern?

Tja, leider Fehlanzeige!

 

Aset, wie sie leibt und lebt...

Doch diese Tatsache interessierte die Griechen gar nicht. Für sie war die griechische Religion das höchste Mass aller Dinge. So missinterpretierten die Griechen die Sonnen-Siriusscheibe, die Isis-Hathor zwischen ihren Kuhhörnern trägt, als Mondscheibe, belegten die Göttin wie eine Pizza mit den griechischen Mondgöttinnenattributen und schwupps..., schon war eine neue Mondgöttin geboren.

 

Etwas anderes kam ihnen gar nicht in die Tüte, denn so wie die Frau, nach griechischer Auffassung, aus sich selbst kein Licht in sich trägt, sonder nur das Licht und den Verstand (Logos) des Mannes reflektiert, so erschien es den Griechen angemessen, die Göttin, als Projektion der gesellschaftlichen Stellung der Frau, dem Mond, der sein Licht auch passiv von der aktiven Sonne leihen musste, zuzuordnen.

 

Dass die Göttin in Ägypten oft solare (Sekhmet) und grossteils stellare-himmliche Bezüge (Isis, Hathor) aufwies, die Erde (Geb) und das Wasser (Hapi, Osiris) als männliche Gottheiten, der Himmel (Nut) und das Feuer (Isis, Nephtys) wiederum als weibliche Gottheiten von den Ägyptern verehrt wurden, übersahen sie gefliessen.

 

Hmmm..., mag es daher sinnvoll erscheinen, die Göttin, wie die Griechen es taten, nur auf ihren lunar-passiven Aspekt beschränken?

Weist die Göttin nicht eine viel tiefere und vor allem universellere Bedeutung auf, die in so manchen Mythen und Überlieferungen vermittelt wird, wenn man nur die Augen öffnet und danach Ausschau hält?

 

"Du bist die heilige und ewige Retterin der Menschheit...

verehrt von den Mächten oben und verehrt von den Mächten unten,

bewegst du die Erde auf ihrem Kreis,

Quelle des Sonnenlichts und Beherrscherin des Universums...

dir gehorchen die Sterne und du erschaffst die Jahreszeiten,

du Freude der Götter und Herrin der Elemente.

Auf deinen Befehl wehen die Winde, erzeuget der Regen unserer Nahrung,

wurzeln die Samen und verwandeln sich in spriessende Pflanzen."

Apulejus: "Der goldene Esel"

 

Wie wir hier sehen, wird die Göttin in diesem Text als Schöpferin allen Lebens beschrieben, ihre Kraft offenbart sich in Quellen und Bächen, im Mond, in Sonne und Erde und in allen Tieren und Pflanzen.

Wohlgemerkt: An dieser Stelle ist zu betonen, dass die Göttin nicht der Mond ist, es ist ihre Kraft, die sich im Mond offenbart. Sie ist nicht personifizierter Mond, also Mond-Göttin, sondern Schöpferin des Mondes und sie gebietet über seine Kraft, wie sie auch über die Kraft der Sonne und aller Elemente gebietet.

 

R. E. Witt zitiert in "Isis in the Graeco-Roman World" über den Oxyrhychus Papyrus:

 

"Isis identifiziert sich nicht mit der Sonnenscheibe,

aber sie versichert, dass sie den Verlauf der Sonne bestimmt hat und

in den Sonnenstrahlen existiert."

 

Doch, hmmm..., jetzt mal ehrlich!

Letztendlich haben doch bei genauerer Betrachtungsweise weder Elemente noch Himmelslichter, weder Quellen noch Berge ein Geschlecht. Wenn wir ihnen doch eines zuweisen, muss eine philosophisch-mythische Überlegung oder ein machtpolitisches Kalkül dahinter stecken, das es sinnvoll erscheinen lässt, sie mit den Eigenheiten und Fähigkeiten eines Geschlechts symbolisch zu verbinden.

 

Provozierend könnte man ja auch mal fragen, was denn so toll daran sein soll, Weiblichkeit mit dem passiven, dem Sonnenlicht reflektierenden Licht des Mondes zu identifizieren?

Haben da nicht schon wieder die Männer die erstrebenswertere Identifikationsmöglichkeit mit der Bewusstsein verkörpernden, aktiven Sonne, von deren Wärme alles Leben auf dieser Erde abhängt?

 

Gewinnen wir möglicherweise etwas, wenn wir die Geschlechtszuweisung einfach einmal umkehren, Rituale verändern und mit neuen Inhalten kreativ rituell experimentieren? Oder sollte sie nicht mehr notwendig, womöglich einfach nicht mehr zeitgemäss sein?

 

 

 

Nebst dem lunaren Zyklus arbeiten viele heidnische Gruppierungen auch mit dem solaren Zyklus des Lebens, der sich uns als sich stets verändernde Jahreszeiten offenbart. Der solare Zyklus wird des Öfteren im modernen Heidentum mit einem Jahres- und Vegetationsgott verknüpft, der in der indoeuropäischen Tradition die Sonne verkörpert und mit dem strahlenden Himmels assoziiert wird.

 

Der Sommer, die Sonne, die goldgelben Felder, mit

jedem Schluck Caro geniesst es auch du...

 

Die Geburt der Sonne im Winter, die junge Sonne im Frühjahr, die siegreiche Sonne im Sommer und die alte Sonne im Herbst, sind die Stationen des Gottes auf dem Rad des Lebens, die sich um dich drehen, Monat für Monat, Tag für Tag, Minute für Minute.

 

Die Jahreszeiten ändern sich, du kannst sie sehen und fühlen, um dich herum und in deinem ganzen Wesen, wenn du offen dafür bist.

Im Frühling erblicken wir das erste Erwachen der Pflanzen und Blumen und fühlen diese Veränderung in den stürmischen Frühlingswinden.

Zur Sommersonnenwende stehen wir inmitten der Mutter Natur und all ihrer Pracht voll Farbe und Leben.

Im Herbst ernten und teilen wir die ersten Früchte, die uns die Natur in ihrer Fülle bereitwillig darbietet und schenkt.

Im Winter fühlen wir die eisige Kälte des Nordwindes und wir sehen, wie die Erde um uns kalt und wie erstorben erscheint.

 

Die moderne heidnische Spiritualität feiert den Jahreskreis acht Mal während des solaren Jahres. Diese sind:

 

Winter-Sonnenwende, Alban Arthuan oder Julfest (um den 21. Dezember)

Imbolc, Brigid oder Candlemas (der 1. oder 2. Februar)

Ostara, Alban Eiler oder Frühlingstagundnachtgleiche (um den 21. März)

Beltane oder Walpurgisnacht (der 30. April)

Litha, Alban Heruin oder Sommersonnenwende (um den 21. Juni)

Lughnasadh oder Lammas (der 1. August)

Mabon, Alban Elued oder Herbsttagundnachtgleiche (um den 21. September)

Samhain oder Halloween (der 31. Oktober)

 

Jede dieser Zeiten markiert eine Veränderung in der Natur um dich herum. Einige dieser Veränderungen sind so fein, dass sie beinahe unbemerkbar sind. Andere wiederum sind deutlich sichtbar in der Natur und am Himmel über dir.

 

 

 

Wie viele Religionen nimmt auch unsere religiös-philosophische Grundeinstellung an, dass die Realität, in der wir leben, möglicherweise einem Urgrund, der alle Gegensätze vereint, zugrunde liegt. Man könnte es als die grosse Unoffenbarte, die Lebenskraft, die grosse Seiende, das Unendliche, oder irgendein anderer von vielen möglichen Namen benennen. 

 

Die heidnische Religion offenbart uns dieses unnennbare Mysterium in der Gestalt des Gottes und der Göttin, männlich und weiblich, die die Polarität und das Gleichgewicht der Natur und des Menschen symbolisieren.

 

  Herne, the Hunter ist auch schon ganz munter...

Im Konzept des Gottes, dargestellt durch den Gehörnten, den Herrn des wilden Waldes, den Sonnengott und Herrn des Todes und der Wiedergeburt, ist das männliche Prinzip des Universums verkörpert.

Im Ritual können Männer ein tieferes Wissen und Verstehen ihrer männlichen Fähigkeiten und Kraft erlangen und sich auch mit der Verantwortung, die damit einhergeht, umzugehen lernen. Durch diese gleiche Identifizierung mit dem Gott in Ritual, können Frauen ihre eigene männliche Seite entdecken und erfahren, um so die männliche Seite ihres eigenen Wesens für Wachstum und grösseres Gleichgewicht in ihrem Leben nutzbar zu machen.

 

Im Konzept der Göttin, dargestellt als die Dame des Mondes, der Frühjahrs-Maid, der Erd-Mutter, der alten weisen Greisin und Mutter allen Seins, ist Wo hat es hier bloss `nen Frisör... das weibliche Prinzip des Universums verkörpert. Es ist die Identifizierung mit der Göttin in Ritual, die Frauen ein volleres Wissen und Verstehen ihrer weiblichen Fähigkeiten und Kräfte vermitteln und der Verantwortung, die mit dieser Erfahrung einhergeht. Durch diese gleiche Identifizierung mit der Göttin in Ritual, können Männer ihre eigene weibliche Seite entdecken und erfahren, um so die weibliche Seite ihres eigenen Wesens für Wachstum und grösseres Gleichgewicht in ihrem Leben nutzbar zu machen.

 

Dieses Dualitäts-Prinzip, verkörpert durch den Gott und die Göttin ist ein religiöses Element, das die heidnische Religion von den monotheistischen Religionen unterscheidet. Durch die rituelle und meditative Erfahrung des Gottes und der Göttin erfahren wir, dass beide Polaritäten, das männliche und weibliche Prinzip in uns allen und in allem existiert. Wir erkennen, dass beide, die männliche Polarität (der Gott) und die weibliche Polarität (die Göttin) gleich an Macht und Wichtigkeit ist, keines ist dem anderen überlegen. Beide sind im Leben machtlos ohne den anderen, nur wenn sie zusammen arbeiten, können sie Leben hervorzubringen.

 

Die meisten heidnischen Gruppen beziehen sich auf eine bestimmte Mythologie, an der sie sich in ihren Ritualen anlehnen. So kann eine Gruppe eine griechische, nordische oder ägyptische Mythologie benutzen, um ihren Ritualen Bedeutung und Richtung zu geben, während andere hermetisch und kabbalistisch arbeiten.

 

Wie auch immer, das Wichtigste ist einzig und allein, dass du eine innere Verbundenheit mit der Mythologie erfährst, die du praktizierst und sie sich "richtig" für dich anfühlt.