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Die Gottheiten
Nicht von Anfang an haben die
Götter den Sterblichen alles enthüllt,
sondern mit der Zeit finden sie suchend das Bessere.
Xenophanes aus Kolophon (ca.580 –
490)
nes
der Hauptmerkmale der antiken griechischen Religion ist der Glaube an viele
Gottheiten. Aber in ihrer Gesamtheit repräsentierten die Gottheiten einen
einzigen Sinngehalt und zwar die Natur mit allen Bereichen, und jede Gottheit
war mit einer oder mehreren Kräften der Natur verknüpft.
Das Wirken der Gottheiten war nicht so sehr die
Erschaffung der Welt als die Erhaltung ihrer Ordnung und Harmonie. So wurden
jeder Gottheit bestimmte Eigenschaften zugewiesen, die einen tieferen
symbolischen Gehalt hatten: sie waren die Deutung für unerklärliche
Erscheinungen und wirkten als Hüter und Hüterin des Gleichgewichts in der Natur
sowie in der menschlichen Gesellschaft.
Diese Gottheiten waren im Bewusstsein der Griechen
unsterblich, allmächtig und grossartig. Sie konnten alle Sterblichen in allen
ihren Lebensbereichen kontrollieren und ihr Schicksal, ihre Beziehungen, Geburt
und Tod bestimmen. Trotzdem waren sie nicht fern und unerreichbar, sondern die
Menschen konnten sich ihnen leicht nähern, sie sehen, hören und sogar berühren.
In ihrer Gesamtheit, und zwar durch ihre
Gegensätze und ihre gegenseitige Ergänzung, verkörperten sie den vollkommenen
Menschen, aber einen Menschen, der frei war von den Entbehrungen und Verboten
des Lebens, der geniessen konnte, was sich ihm bot, der weder Schmerzen noch Tod
zu erleiden hatte, dem es möglich war schrankenlos, zu lieben, seinem Zorn und
Neid freien Lauf zu lassen, ohne seine Gefühle unterdrücken zu müssen, zu
trinken ohne betrunken zu werden und mit seinen Geschöpfen zu leben und zu
feiern, als ob er zugleich der Schöpfer und der Geschaffene wäre. So wiesen die
antiken Griechen ihren Gottheiten alle jene Eigenschaften zu, die sie selbst
gerne gehabt hätten, die die menschliche Natur jedoch nicht besitzt.
Unter diesem Blickwinkel muss man die Vermenschlichung
der antiken griechischen Gottheiten verstehen. Ihre menschlichen Eigenschaften
beeinträchtigten ihr göttliches Wesen keineswegs. Im Gegenteil wirkten die den
Gottheiten zugewiesenen Merkmale als Vorbilder für das menschliche Verhalten und
stellten die Ziele dar, die die Sterblichen sich selbst gesetzt hatten. Aber
auch die körperliche Gleichheit zwischen Menschen und Gottheiten hatte einen
entsprechenden Zweck. Die idealisierten göttlichen Gestalten, wie sie die
Vorstellung der antiken Griechen geschaffen hatten, waren nichts anderes als das
Bild, dem die Menschen nachstrebten. Allerdings hatten die Gottheiten nicht
immer menschliche Gestalt, sondern nur, wenn sie den Sterblichen erschienen. So
waren sie nicht unbedingt "stofflich", sondern wahrscheinlich ein Energiefeld,
dem übernatürliche Kräfte entströmten.
Die griechischen Staaten hatten jeweils ihre
eigene Götterwelt, aber die grossen Hauptgottheiten, die durch die gemeinsamen
Bedürfnisse der Angehörigen desselben Volkes entstanden waren, wurden in ganz
Hellas verehrt. Zum erstenmal schriftlich erwähnt werden
die antiken griechischen Gottheiten schon in der mykenischen Epoche. Auf den
Tontäfelchen mit Inschriften in Linear B-Schrift, die in den mykenischen
Palästen von Mykene, Pylos und Knossos gefunden wurden und aus der Zeit von etwa
1400 -1200 v. Chr. stammen, wurden die Namen Zeus, Poseidon, Ares, Hermes und
Dionysos entziffert.
Die olympische Göttergemeinschaft entstand
allerdings erst während des 10. und 9. Jh. v. u. Z., der geometrischen Periode
und drang ins Bewusstsein der Griechen durch die homerischen Epen (Ilias,
Odyssee), die während der ganzen Antike ungeheure Wirkungskraft behielten. Als
sich im 8. Jh. v. u. Z. die griechischen Stadtstaaten bildeten, wandelten sich
die religiösen Anschauungen der Hellenen und wurden mit neuen Elementen
bereichert, und gleichzeitig entstanden die ersten organisierten Kultstätten der
Gottheiten. Seine vollständige Ausprägung erreichte das hellenische religiöse
System in der archaischen und der klassischen Periode (6. - 5. Jh. v. u. Z.),
als die griechische Kultur in ihrer höchsten Blüte stand.

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