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Joris
Karl Huysmans, La-Bas, Erstauflage 1891
Kap.
XIX.
urtal
war in einer Kapelle mit niedriger, von geteerten Balken durchquerter Decke, mit
Fenstern, die unter grossen Vorhängen versteckt waren, mit rissigen, entfärbten
Wänden. Er wich nach den ersten Schritten zurück. Aus Heizkörperöffnungen
bliesen Wasserwirbel; ein scheusslicher Geruch von Feuchtigkeit, Schimmel, neuen
Öfen, verschärft durch einen unruhigen Duft von Aschensalz, Harz und
verbrannten Kräutern schnürte ihm die Kehle zu, umklammerte ihm die Schlafen.
Taumelnd
ging er weiter und durchforschte diese Kapelle, welche die Nachtlampen eines
Heiligtums in ihren Hängeleuchtern aus vergoldeter Bronze und rosigem Glas notdürftig
erleuchteten ... Durtal ... bemerkte, dass unter den Anwesenden sehr wenig Männer und viele Frauen waren...
Ein
Chorknabe, rot gekleidet, schritt zum Hintergrund der Kapelle und zündete eine
Reihe Wachskerzen an. Da trat der Altar hervor, ein gewöhnlicher Kirchenaltar,
überragt von einem Tabernakel, über welchem sich wiederum eine schändliche
Spottgeburt von Christus aufreckte. Man hatte ihm das Haupt aufgerichtet und den
Hals lang gezogen; Falten, die man auf die Wangen gemalt, wandelten sein
schmerzensreiches Antlitz in eine Fratze, die ein unedles Lachen verzerrte. Er
war nackt, und an der Stelle, wo sonst das Leinentuch seine Hüften umgürtete,
schoss aus einem Büschel von Haaren der menschliche Schmutzteil in Erregung
auf. Vor dem Tabernakel war ein Kelch mit Deckel aufgestellt; der
Chorknabe glättete mit den Händen die Altardecke, wiegte sich in den Hüften,
erhob sich auf einem Fusse, wie um aufzufliegen, spielte Cherubim unter dem
Vorwande, nach den schwarzen Kerzen zu langen, deren harziger Pestgeruch sich
jetzt der erstickten Pestilenz dieses Raumes noch verband...
Alsdann
stellte ein anderer Chorknabe sich aus, noch grauenhafter als der erste.
Ausgemergelt, ausgehöhlt durch Husten, aufgefrischt durch aufgeschminktes
Karmin und Weiss, humpelte er summend heran. Er trat zu Dreifüssen, die dem
Altar zu Seiten standen, stocherte in der Glut, die in Asche versank, und warf
Harzstücke und Blätter hinein...
"Wir
sind also in einer wirklichen Kapelle?" sagte er (Durtal).
"Ja,
dieses Haus, diese Kirche, dieser Garten, alles was wir durchquert haben: es sind die
Reste eines ehemaligen, heute zerstörten Ursulinenklosters..."
"...Aber
was verbrennen sie denn, dass es derartig stinkt?"
"Raute,
Blätter von Bilsenkraut und Stechapfel, trockne Solandren und Myrrhe; das sind
Gerüche, angenehm dem Satanas, unserem Herrn!..."
Geleitet
von zwei Chorknaben, das Haupt bedeckt mit einer Scharlachmütze, auf der zwei
Bisonshörner aufragten, trat der Abbe ein.
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Diese Bild beweist:
es gibt auch
kinderliebe Satanisten -
"Die schwarze Messe"
- Van Maele
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Durtal
musterte ihn, wie er zum Altar schritt. Er war gross, aber von unschönem Bau,
mit lastendem Oberkörper; die nackte Stirn setzte sich ohne Biegung in einer
geraden Nase fort; Lippen und Wangen starrten von jenem harten, dichten
Haargestrüpp, wie es ehemalige Priester haben, die lange Zeit hindurch rasiert
gegangen sind; die Züge waren plump und verkrümmt, die Augen - wie Apfelkerne,
klein, schwarz, eng an die Nase gedrängt - phosphoreszierten. Alles in allem war
seine Physiognomie übel und durchwühlt, aber energisch...
Er
verneigte sich feierlich vor dem Altar, stieg die Stufen hinan und begann mit
der Messe.
Da
sah Durtal, dass er nackt war unter den Messgewändern. Sein Fleisch, abgeschnürt
durch hochsitzende Strumpfbänder, kam über seinen schwarzen Strümpfen zum
Vorschein. Das Messgewand war von der gewohnten Form, aber es war vom dunklen Rot
trockenen Blutes und in der Mitte zeigte in einem Dreieck, um das eine
Vegetation von Zeitlosen, von Weinäpfeln und Euphorben aufwucherte, ein schwarzer Bock
aufrecht seine Hörner.
Docre
machte die Kniebeugen, die mittleren oder tiefen Verneigungen, wie sie das
Ritual im einzelnen vorschreibt; die Chorknaben gaben kniend die lateinischen
Antwortgesänge aus, mit einer kristallenen Stimme, die auf den Wortenden
singend verweilte.
"Ach
ja, aber das ist doch eine einfache stille Messe", sagte Durtal zu Frau
Chantelouve.
Sie
machte ein verneinendes Zeichen. In der Tat glitten nun die Chorknaben hinter
den Altar: der eine brachte kupferne Kohlenpfannen, der andere Räucherbecken zurück, und sie verteilten dies alles unter die Anwesenden. Alle Frauen
hüllten
sich in Rauch, einige warfen sich mit dem Kopf auf die Kohlenbecken, sogen mit
vollen Zügen den Duft ein und nestelten sich dann in einem Schwächeanfall bloss,
unter heiserem Stöhnen.
Darauf
wurde der Dienst unterbrochen. Der Priester stieg, rückwärts schreitend, die
Stufen herab, kniete nieder auf der letzten und schrie mit schwankender und
scharfer Stimme:
"Meister
aller Tumulte, der du austeilst die Wohltaten des Verbrechens, Verwalter der üppigen
Sünden und der grossen Laster, Satan, dich beten wir an, du logischer
Gott, gerechter Gott du!
Ungemein
bewunderungswürdiger Legat der falschen Ängste, du nimmst die Bettelei unserer
Tränen; du rettest die Ehre von Familien durch Abtreibung in Bäuchen, die im
Vergessen schöner Erschütterungen fruchtbar werden; du gibst den Müttern die
Hast der Frühgeburten ein, und deine Geburtshilfe erspart den Kindern, die vor
der Geburt sterben, die Ängste des Reifens, den Schmerz der Abstürze!
Stütze
des Armen in Erbitterung, Herzensfreund der Besiegten, du bist es, der sie mit
Heuchelei begabt, mit Undankbarkeit und Hochmut, auf dass sie sich verteidigen können gegen die Angriffe der Gotteskinder, der
Reichen!
Alleinherrscher
der Verachtung, Buchhalter der Demütigungen, Zinsherr der alten Hassgefühle,
du allein machst fruchtbar das Hirn des Menschen, das die Ungerechtigkeit
zermalmt; du hauchst ihm ein die Ideen der vorbedachten Racheakte, der
unfehlbaren Missetaten; du stachelst es auf zum Mord, du schenkst ihm die überquellende Freude an den
Gegenmassregeln, über die es verfügt, an der guten
Trunkenheit der vollstreckten Strafen, der Tranen, die es verursacht hat!
Hoffnung
der Manneskräfte, Angst der gähnenden Gebärmutter, Satan, du verlangst nicht
die nutzlosen Prüfungen der keuschen Lenden, du rühmst nicht den Wahnwitz der
Fasten und der Ruhetage; du allein nimmst auf das Flehen des Fleisches und seine
kleinen Wünsche im Bereiche der armen Familien mit all ihrer Begierde. Du
bestimmst die Mutter, dass sie ihre Tochter verkaufe, ihren Sohn abtrete, du
stehst bei den unfruchtbaren, verworfenen Liebesbünden, Schutzherr der
zerrenden Nervenleiden, bleierner Turm der Hysterien, blutiges Gefäss der Notzucht!
Meister,
deine getreuen Diener flehen auf ihren Knien dich an. Betteln zu dir, dass du
die Heiterkeit jener ergötzlichen Frevel ihnen schenkest, von denen die Justiz
nichts weiss; bitten dich, bei den Missetaten zu helfen, deren unbekannte
Spuren die menschliche Vernunft aus ihrer Bahn werfen; flehen dich an, dass du
sie erhörest, wenn sie wünschen die Folterung all derer, die sie lieben und die
ihnen dienen; sie erbitten endlich von dir für dich, König der Enterbten, für
dich, Sohn, den der unerbittliche Vater verjagte, Ruhm, Reichtum und Macht!"
Alsdann
reckte Docre sich auf und lärmte aufrecht mit klarer kraftvoller Stimme und
ausgebreiteten Armen:
"Und
du, du, den in meiner priesterlichen Eigenschaft ich zwinge, magst du wollen
oder nicht, herabzusteigen in diese Hostie, Fleisch zu werden in diesem Brote,
Jesus, kunstreicher Webemeister des Betrugs, Räuber von Huldigungen, Dieb der
Neigung, höre du! Seit dem Tage, an dem du entstiegest den Eingeweiden der
Jungfrau: einer Gesandtschaft, hast du den Verpflichtungen, die du auf dich
nahmst, dich entzogen, hast du deine Verheissungen Lügen gestraft; Jahrhunderte
harrten dein in schluchzender Erwartung, du flüchtiger Gott, stummer Gott du! Du
solltest die Menschen erlösen und hast nichts gut gemacht; du solltest erscheinen in deiner Glorie - und bist
entschlummert! Geh, lüge weiter, sage
dem Unglückseligen, der nach dir schreit: ,Hoffe, gedulde dich, leide, das
Hospital der Seelen wird dich aufnehmen, die Engel werden dir beistehen, der
Himmel öffnet sich - Betrüger! Du weisst wohl, dass die Engel, angewidert von
deiner Trägheit, dir entweichen! - Du solltest sein der Dolmetsch unserer
Klagen, der Kammerherr unserer Tränen. Du solltest sie bringen vor den Vater,
und du hast es nicht getan: denn ohne Frage war dieses Einschreiten deinem Schlummer eine
Störung in seiner selig-satten Ewigkeit!
Du
hast vergessen jene Armut, die du predigtest, du in Liebe der Banken Vasall! Du
hast gesehen, wie man unter der Presse des Agio die Schwachen zermalmte, hast
gehört das Röcheln der Verschüchterten, die Hungersnot lähmte, der Frauen,
denen der Bauch aufgähnte um ein wenig Brot - und hast, durch die Kanzlei deiner
Simonisten, durch deine Handelsvertreter, deine Päpste, als Antwort gesandt
hinzögernde Entschuldigungen, ausweichende Verheissungen, du Säckelmeister der
Sakristei, du Gott der Geschäfte!
Ungeheuer,
dessen unfassbare Rohheit das Leben zeugte, um es Unschuldigen anzuhängen, die du
zu verdammen wagst im Namen einer geheimnisvollen Erbsünde, die du zu bestrafen wagst, auf
Grund unbestimmbarer Klauseln - wir wollen
trotz allem endlich dich zum Geständnis deiner unverschämten Lügen bringen,
deiner unsühnbaren Verbrechen! Wir möchten dir die Kreuznägel tiefer noch
eintreiben, den Dornenkranz heftiger stacheln, den schmerzlichen Blutstrom an
die Ufer deiner trockenen Wunden treiben!
Und
dieses: wir können und werden es tun, werden der Ruhe deines Leibes Gewalt
antun, du Entweiher der üppigen Laster, du Nebelbrauer der stumpfsinnigen
Reinheit, verfluchter Nazarener, Faulpelz von König, Feigling von Gott!"
"Amen!"
riefen die kristallenen Stimmen der Chorknaben.
Durtal
hörte dieser Sturzflut von Lästerungen und Beleidigungen zu; die Verschmutztheit dieses Priesters
machte ihn starr, ein Schweigen folgte auf das
Geheul; die Kapelle qualmte im Nebel der Räucherbecken. Die Frauen, bisher in
stummer Ruhe, erregten sich heftig, als der Kanonikus von neuem den Altar
erstieg, sich zu ihnen wandte und sie mit einer grossen Geste seiner linken Hand
segnete.
Und
plötzlich schwangen die Chorknaben Glöckchen.
Es
war wie ein Signal; Frauen sanken auf den Teppich und wälzten sich. Eine schien
unter der Wirkung eines Federwerkes zu schnellen, warf sich auf den Bauch und
durchruderte mit den Füssen die Luft; eine andere, plötzlich geschlagen mit grässlichem Schielen, gluckste, verlor die Stimme und lag da mit klaffendem
Kiefer, die Zunge zurückgeschlagen, die Zungenspitze hoch am Gaumen; eine
andere, aufgeschwemmt, bleifarben, die Pupillen geweitet, warf das Haupt nieder
auf die Schultern, reckte es jähen Wurfes hoch und bearbeitete sich stöhnend die
Kehle mit ihren Fingernägeln; und noch eine andere lag auf dem Rücken
ausgestreckt, knöpfte sich die Röcke ab und brachte zum Vorschein einen nackten Wanst, verwittert, enorm, wand
sich unter scheusslichen Grimassen und bleckte aus einem blutverschwemmten, von roten
Zähnen umstachelten Munde eine weisse Zunge, gefetzt an den Rändern - die sie
nicht wieder einzuziehen vermochte.
Mit
einem Ruck erhob sich Durtal, um besser sehen zu können, und deutlich hörte und
sah er den Kanonikus Docre.
Der
starrte auf den Christus, der das Tabernakel überragte, und spie mit
ausgestreckten Armen fürchterliche Schmähungen hinauf, schnauzte mit aller
Kraft Schimpfworte hinaus wie ein besoffener Kutscher. Einer der Chorknaben
kniete nieder vor ihm, mit dem Rücken zum Altar. Ein Schauder lief dem Priester
durchs Rückgrat. Feierlichen Tones, aber mit Schwanken in der Stimme sprach er:
"Hoc est enim corpus meum", und dann bot er, statt nach der Konsekration
vor dem kostbaren Leib niederzuknien, den Anwesenden die Stirn, in einer
geschwollenen, verhetzten, schweisstriefenden Erscheinung.
Er
stand schwankend zwischen den beiden Chorknaben, die ihm das Messgewand hochhoben, seinen nackten Bauch
zeigten und fassten, während die Hostie, die er
vor sich hertrug, verletzt und beschmutzt auf die Stufen sprang.
Da
fühlte Durtal ein Erbeben, denn ein Sturmwind von Wahnwitz durchschüttelte den
Saal. Die Aura der grossen Hysterie folgte auf die Schändung und beugte die
Frauen nieder; während die Chorknaben die Nacktheit des Priesters beräucherten,
stürzten sich Frauen auf das eucharistische Brot und erkrallten es, platt auf
dem Bauche, am Fusse des Altars, zerrissen es in feuchte Stücke, schlürften und
assen diesen göttlichen Kot.
Eine
andere, gegen ein Kruzifix gehockt, brach in ein fetzendes Lachen aus und
schrie: "mein Priester, mein Priester!"
Eine
Alte riss sich die Haare aus, schnellte auf, drehte sich um sich selbst, krümmte
sich, stand nur noch auf einem Fusse, warf sich nieder vor einem jungen Mädchen, das an die Wand geduckt in
Krämpfen knirschte, Wasserblasen geiferte
und weinend scheussliche Lästerungen spie. Und Durtal,
voller Entsetzen, sah mitten im Rauch wie durch einen Nebel hindurch die roten Hörner des Docre, der,
sitzend jetzt, vor Raserei schäumte, ungesäuerte Brote ass und wieder ausspie, sich den Arsch damit wischte, um sie dann unter die
Frauen zu verteilen; sie aber wühlten das Erhaschte mit Brunstschreien in sich
ein oder stürzten übereinander, um es zu schänden. Es war eine Irrenzelle
voller Erbitterung, eine ungeheuerliche Schwitzstube voll Prostituierter und
Wahnsinniger. Während dann die Chorknaben sich mit den Männern verbanden und
die Herrin des Hauses hoch geschürzt auf den Altar stieg, um mit einer Hand den
Bauch Christi zu umgreifen und mit der anderen den Kelch zwischen die nackten
Beine zu halten, krümmte sich plötzlich im Hintergrunde der Kapelle im
Schatten ein Madchen vor - es hatte sich bis dahin nicht gemuckt - und heulte tödlich wie ein Hund! Im
Überschwang des Ekels, in halber Gasvergiftung, war Durtal drauf und dran, zu entfliehen. Er
suchte Hyacinthe, aber sie war nicht
mehr da. Endlich gewahrte er sie bei dem Kanonikus; er schritt über Leiber
hinweg, die in den Teppich verkrampft lagen, und trat auf sie zu. Mit bebenden Nüstern sog sie die
Dünstungen der Düfte und der Paare ein.
"Ruch
vom Hexensabbat!" sprach sie mit gedämpfter Stimme zu ihm, die Zähne
gepresst.
"Ach sieh, kommen Sie zum Ende?" Sie schien zu erwachen, zauderte einen
Augenblick und folgte ihm dann ohne Antwort. Er spielte mit den Ellbogen, schüttelte die Frauen von
sich, die nunmehr bissbereite Zähne bleckten; er stiess Frau Chantelouve zur Tür, ging
über den Hof, durch die Vorhalle, und da
die Pförtnerloge leer war, zog er am Strang und stand auf der Strasse.


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